WELTRAUM Streitfall Pluto
SPIEGEL: Herr Binzel, müssen die Lehrbücher umgeschrieben werden, weil die Zahl der Planeten in unserem Sonnensystem von neun auf zwölf wächst?
Binzel: Ich bin selber gespannt auf den Ausgang der Diskussion. Am Donnerstag wissen wir mehr, dann stimmen die Delegierten hier in Prag auf der Vollversammlung der International Astronomical Union darüber ab.
SPIEGEL: Sie waren in der Kommission, die letzte Woche einen Vorschlag präsentiert hat: Grob gesagt soll jedes große runde Objekt, das um die Sonne kreist, zukünftig als Planet gelten.
Binzel: Es wäre schön, wenn sich die Wissenschaftsgemeinde auf diesen Kompromiss einigen könnte. Damit wir uns endlich wieder auf unsere eigentliche Arbeit konzentrieren können - die Erforschung der Planeten. Im Jahr 2015 soll zum Beispiel die Sonde »New Horizons« den Pluto erreichen. Das ist doch viel interessanter als die linguistische Debatte.
SPIEGEL: Noch ist die Planetenfrage aber umstritten. Unter anderem, weil dann der Pluto-Mond Charon, der kleiner ist als unser Erdmond, zum Planet heraufgestuft würde, genau wie das Objekt »2003 UB313«, das noch nicht einmal einen richtigen Namen hat.
Binzel: Daher schlagen wir ja auch eine neue Klasse von Planeten vor: Die sogenannten Plutone, zu denen auch der Namensgeber Pluto gehören würde.
SPIEGEL: Also müssen die Schulkinder vielleicht ab Freitag nicht mehr neun Planeten auswendig lernen, sondern zwölf?
Binzel: Nein. Ich glaube, sie werden eher lernen, dass es acht klassische Planeten gibt - und dazu eben eine Handvoll Plutone. Es könnte sogar sein, dass da draußen noch Hunderte anderer Plutone herumschwirren, von denen wir bisher nichts wissen. Die Begriffsdebatte zeigt auch, wie wenig wir derzeit über die eisigen Ränder unseres Sonnensystems wissen.