TÜCKISCHES DEPOT
Auf den ersten Blick haben Heiner Gehrke, 46, kaufmännischer Angestellter, und Peter Schmidt, 42, technischer Zeichner, die gleiche Figur. Beide sind 1,83 beziehungsweise 1,84 Meter groß und wiegen 89 beziehungsweise 88 Kilo - was jeweils einem Body-mass-Index von etwa 26 entspricht: leichtes Übergewicht.
Was unterm Sommerhemd nicht auffällt, enthüllt ein Kernspintomogramm: Das Fett verteilt sich in beiden Körpern höchst unterschiedlich. Während Gehrke seinen Wohlstandsspeck hauptsächlich als Hüftgold und Waschbärbauch mit sich herumschleppt, hält Schmidt seine stillen Reserven vor allem unter der Bauchdecke versteckt. Ein dicker Speckgürtel umhüllt seine Organe wie ein Kissen. Das äußerlich kaum sichtbare Depot bezeichnen Mediziner als viszerales Fett (abgeleitet von viscus, Lateinisch für Eingeweide).
Dieser Energiespeicher hat es in sich. Während das Unterhautfettgewebe vergleichsweise träge stoffwechselt, ist sein gut getarnter Zwilling biochemisch hochaktiv. Gleichsam wie Bioreaktoren brüten die verborgenen Polster eine Vielzahl hormonähnlicher Substanzen aus. Und die können krank machen.
»Erst seit rund zwei Jahrzehnten kennt man den Unterschied zwischen den beiden Fettgewebstypen«, erklärt Hans Hauner, Leiter des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin an der TU München. Zwar war Pathologen schon früher aufgefallen, dass der innere Speckgürtel etwas gelblicher scheint, stärker durchblutet ist und deutlich mehr Zelltypen hat. Aber die dramatische Bedeutung dieser Unterschiede blieb unerkannt - vielleicht, weil das viszerale Fett als relativ unscheinbarer Anhang an den Därmen klebt. »Aber es gibt noch eine andere, simplere Erklärung«, so Hauner. »Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ist Übergewicht ein relevantes Gesundheitsrisiko.«
Die Anfälligkeit für Eingeweide-Speck ist individuell verschieden. »Wir wissen noch nicht, wie viel viszerales Fett normal ist, es fehlen Referenzwerte.« Neben der Ernährung spiele »auch genetische Veranlagung eine große Rolle«. Gewiss sei aber: Jemand, der Sport treibt, kann die Fettspeicher immer wieder leeren - im Gegensatz zum notorischen Stubenhocker. »Das ist genau der Unterschied zwischen unseren beiden Probanden«, erklärt Hauner. »Während Herr Schmidt eher ein Bewegungsmuffel ist, schwingt sich Herr Gehrke regelmäßig auf sein Rennrad.«
Das Tückische an den viszeralen Fettdepots ist ihre Unsichtbarkeit. Zwar deutet ein Bierbauch auf einen höheren viszeralen Speckanteil hin - anders etwa als Hüftrundungen. Genaueren Aufschluss geben aber nur Screenings mit Kernspintomografen oder speziellen Röntgengeräten.
»Im Gegensatz zu früher, als das Fettgewebe einfach als träge Masse galt, verstehen wir es heute als eine Art Hormondrüse«, erläutert Hauner. »Und gerade das viszerale Fett dient als Brutstätte diverser entzündungsfördernder Interleukine und des Tumornekrosefaktors Alpha.« Ein unsichtbarer Killer also.
Der Entstehungsmechanismus der Folgekrankheiten ist inzwischen aufgeklärt. Alles beginnt damit, dass sich das Fettgewebe entzündet. »Über die Pfortader werden die Entzündungsfaktoren direkt an die Leber abgegeben und überschwemmen den gesamten Körper.« Mit der Zeit werden die Körperzellen resistent gegen Insulin. Die Folge ist Altersdiabetes. Wenn sich dann auch noch die Blutgefäße entzünden, kommt es leicht zum Infarkt oder Schlaganfall.
Wesentlich zur Entstehung der Krankheit trägt ein Mangel an Adiponektin bei. Das Peptidhormon stimuliert die Fettverbrennung und mindert so die Gefahr einer Insulinresistenz. Sind die Fettzellen prall gefüllt, produzieren sie nur noch wenig von dem vor Diabetes Typ 2 schützenden Sekret. Menschen mit niedrigem Adiponektin-Spiegel leiden deshalb sehr viel häufiger unter Altersdiabetes als schlanke.
Dem Übel wäre leicht vorzubeugen. Wenn ein stark Übergewichtiger nur zehn Prozent seiner Körperfülle verliert, halbiert sich das Risiko für die meisten Wohlstandskrankheiten. Noch weiter verbessert sich der Gesundheitszustand durch ausreichend Bewegung. »Es gibt Hinweise«, sagt Hauner, »dass man sich sogar vor Darm-, Brust- oder Gebärmutterhalstumoren schützt.« ANSGAR MERTIN