Astronomische Ausblicke Kosmische Putzkolonne
Die Zentren von Galaxien sind für Astronomen von besonderer Bedeutung. Auf einer - bezogen auf astronomische Dimensionen - extrem kleinen Fläche spielen sich faszinierende Vorgänge ab. Sterne werden geboren und wachsen heran. Dem Weltraumteleskop Hubble ist nun eine der, so die beteiligten Astronomen, "umfassendsten und detailliertesten Untersuchungen" derartiger stellarer Kinderstuben gelungen.
Das Foto:
Gerade einmal 2400 Lichtjahre misst der harte Kern der Galaxie NGC 1512, einer insgesamt 70.000 Lichtjahre großen und 30 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernten Balkenspirale im südlichen Sternbild Horologium (Pendeluhr). Zwar kann die Galaxie von der Größe unserer Milchstraße auch mit Amateurteleskopen beobachtet werden, die ganze Pracht ihres schöpferisch-aktiven Zentrums offenbart aber nur das Weltraumteleskop.
Mit Hilfe verschiedener Kameras konnte Hubble den gesamten Wellenlängenbereich vom ultravioletten bis zum infraroten Licht abdecken. Dabei stehen die blauen Punkte für heiße, jungen Sterne. Kühlere, ältere Stere werden rot dargestellt. Die deutlich sichtbaren roten Gaswolken schließlich beherbergen ein kleines Geheimnis: In ihnen verstecken sich Haufen junger Sterne, die den sie umgebenden Staub von innen anstrahlen.
Der Hintergrund:
Zwar haben die typischen Spiralgalaxien mit ihren langen, von einem massereichen Zentrum ausgehenden Armen die größte Bekanntheit erreicht, doch in den Tiefen des Weltalls existieren noch weitere Arten von Galaxien. Einer Klassifikation des Forschers Edwin Powell Hubble folgend, unterscheiden Astronomen heute elliptische Nebel, irreguläre Nebel und Spiralen.
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Doch auch die Spiralgalaxien lassen sich noch weiter unterteilen: Starten die mehr oder weniger langen, rotierenden Arme von einem kleinen Zentrum aus, sprechen die Astronomen von "normalen Spiralen". Hat sich dagegen ein langer gerader Sternenbalken gebildet, von dem die Spiralarme fast senkrecht ausgehen, handelt es sich um so genannte Balkenspiralen. Auch wenn der Balken in NGC 1512 zu schwach für die Hubble-Objektive ist, fällt die Galaxie dennoch in diese Kategorie.
Wie genau der Balken entsteht, darüber rätseln Astronomen noch. Wahrscheinlich bildete sich die zentrale Sternenansammlung, so das Hubble-Team, durch kleinere Instabilitäten in der Gas- und Staubscheibe der Galaxie. Möglicherweise wurden diese Störungen einst durch den Einfluss einer anderen Galaxie hervorgerufen.
Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Balken Gas aus den äußeren Bereichen der Galaxie ins Zentrum leitet, wo neue Sterne gebildet werden. Dabei existieren die jungen Sonnen sowohl in den klaren blauen, als auch in den staubigen roten Regionen.
Vermutlich wird die Staubwolke, die die rot erscheinenden Geburtsstätten umgibt, mit der Zeit von den stellaren Winden und der energiereichen Strahlung der jungen Sterne weggeblasen. Astronomen sprechen von einem "schnellen und effizienten Reinigungsprozess". Die kosmische Putzkolonne hinterlässt kaum Spuren.
Die Kamera:
Sieben Aufnahmen und sechs Jahre hat es gedauert, bis das farbenfrohe Bild im Kasten war. Denn die jetzt veröffentlichte Aufnahme ist nicht einfach ein Schnappschuss, sie setzt sich aus mehreren Einzelbildern in verschiedenen Wellenlängen zusammen - ein in der Astrofotografie durchaus übliches Verfahren.
Dabei werden die Bilder zunächst bei einer festen Wellenlänge, zum Beispiel im blauen Bereich des sichtbaren Spektrums, aufgenommen; heraus kommt nicht mehr als eine Schwarz-Weiß-Aufnahme, die die Helligkeitsverteilung bei eben dieser Farbe widerspiegelt. Farbenfroh wird das Ganze erst durch die Kombination der einzelnen einfarbigen Bilder: Im Computer vermischen sich die Farben zu einem eindrucksvollen Gesamtbild - vergleichbar mit dem Fernsehbild, das sich auch aus lediglich drei Farben zusammensetzt.
Ein Problem stellt sich den Astronomen allerdings noch: Die empfindlichen Instrumente des Weltraumteleskops Hubble registrieren auch Lichtquellen in den für Menschen unsichtbaren ultravioletten und infraroten Bereichen. Um Objekte dieser Wellenlängen in den Aufnahmen dennoch sichtbar zu machen, werden beispielsweise ultraviolette Lichtquellen in blaue Farbe übersetzt. Ganz so wie Menschen die Balkenspirale mit eigenen Augen sehen würden, erscheint sie auf der Hubble-Aufnahme also nicht. Beeindruckend ist NGC 1512 dennoch.
Alexander Stirn