Astronomische Ausblicke: Krumme Sache - DER SPIEGEL
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Astronomische Ausblicke Krumme Sache

Die seltsam verschlungenen Arme einer Spiralgalaxie haben die Betreiber des Hubble-Teleskops in ihren Bann gezogen. Die verkrümmte Scheibe deutet wahrscheinlich auf die Spuren eines Unfalls hin.
Von Alexander Stirn
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?



Eigentlich sind Spiralgalaxien, zumindest wenn sie von der Seite betrachtet werden, eine flache Angelegenheit. Nicht so bei einer Sternenansammlung, die das Hubble-Weltraumteleskop jetzt beobachtet hat.

Das Bild

Die Kontraste könnten kaum stärker sein: Im Hintergrund strahlt die helle zentrale Ausbeulung der Galaxie. Kleine blaue Regionen deuten auf Geburtsstätten junger Sterne hin. Und über allem thronen die seltsam geformten Spiralarme der Galaxie, auf deren Gas und Staubwolken der Betrachter direkt von der Seite blickt.

Dabei wird ESO 510-G13, wie die erstmals von der Europäischen Südsternwarte (ESO) fotografierte Spiralgalaxie heißt, erst durch einen glücklichen Zufall sichtbare. Da das Sternenzentrum der 150 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernten Galaxie interstellares Gas indirekt zum Leuchten bringt, werden die filigranen Spiralarme vor diesem Hintergrund für alle sichtbar.

Der Hintergrund

Die starke Verformung der Galaxie deutet darauf hin, dass sich im südlichen Sternbild Hydra erst vor kurzer Zeit eine kosmische Katastrophe ereignet hat - zumindest in astronomischen Zeitmaßstäben. Wahrscheinlich ist ESO 510-G13 mit einer anderen Galaxie zusammengestoßen, die sie nun langsam aber beharrlich in sich integriert.

Während sich Gas, Staub und Sterne über die Jahrmillionen vermischen, wirbeln deren Gravitationskräfte das gesamte Gebilde durcheinander. Erst wenn der Verdauungsprozess beendet ist, wird ESO 510-G13 wieder ihre gewohnte flache Form annehmen.

Besonders am rechten Rand des Bildes sind dunkler Staub und helle Wolken voller bläulicher Sterne zu sehen. Dies deutet, so Astronomen, darauf hin, dass sich in den verschlungenen Bereichen junge, heiße Sterne bilden. Wahrscheinlich wurde erst durch die Kollision und die Kompression des interstellaren Gases die Sternenbildung angeregt.

Die Kamera

Mit dem im April 2001 aufgenommenen und jetzt veröffentlichten Schnappschuss kann die so genannte Wide Field and Planetary Camera 2 (WFPC2) des Hubble-Teleskops einen neuen Rekord feiern. Während der mehr als dreistündigen Beobachtungen der seltsam gekrümmten Galaxie schoss die Kamera, erst 1993 von Astronauten des Space Shuttles montiert, ihr Bild Nummer 100.000.

WPFC2 ist eines von fünf wissenschaftlichen Instrumenten an Bord des schwebenden Teleskops. Da die Vorgängerkamera, immerhin von April 1990 bis November 1993 in Betrieb, mit der verschobenen Hubble-Optik nicht zurecht kam, musste sie ersetzt werden. Dank einer Optik, die Licht vom Primärspiegel des Teleskops nochmals fokussiert, verhilft WPFC2 Hubble wieder zu seiner ursprünglich geplanten Sehkraft.

Das Blickfeld der hochmodernen Kamera ist viergeteilt und setzt sich aus drei Weitwinkelapparaten und einer Kamera mit einer etwas besseren Auflösung zusammen. Während die ersten drei Instrumente dank ihrer hohen Lichtempfindlichkeit bei Panoramaaufnahmen zum Einsatz kommen, werden mit der vierten Kamera hauptsächlich Planeten und verwandte Objekte ins Visier genommen. Alle Kameras der WPFC2 können Licht vom ultravioletten Bereich bis hinein ins die infraroten Abschnitte des Spektrums registrieren.