Shuttle-Astronautin Dritte Chance nach zwei Katastrophen
Wie würde man Barbara Morgan Fremden auf einer Cocktailparty vorstellen? "Das hier ist Barbara, wohl eine der fittesten 55-Jährigen der Welt." Oder: "Frau Morgan gibt Grundschülern Mathe- und Bio-Stunden, außerdem kann sie Düsenflugzeuge steuern." Vielleicht auch: "Die Frau mit den dichten, braunen Haaren da drüben, die hat als Lehrerin in einem Indianerreservat in Montana angefangen, jetzt wird sie Astronautin." - Bei Cocktailparties sagt man ja ausgewählt freundliche Dinge.
Für die "Los Angeles Times" ist Morgan einfach "Backup on ill-fated flight" - die Zweitbesetzung für den Unglücksflug. Nur die Ersatzbank, dieser undankbarste Platz im Astronautendienstplan, rettete Barbara Morgan am 28. Januar 1986 das Leben, als am Himmel über Cape Canaveral die US-Raumfähre "Challenger" explodierte. Mit an Bord starb Christa McAuliffe, die als erste "teacher in space", als Lehrerin im Weltall, Unterrichtsstunden per Videokonferenz in Amerikas Klassenräumen hätte geben sollen.
Anderthalb Jahre früher, am 27. August 1984, hatte der damalige Präsident Ronald Reagan in den Fünf-Uhr-Fernsehnachrichten angekündigt: Ein Lehrer soll im Shuttle mitfliegen. Dieses Programm sollte auch dem schwindenen Interesse der US-Öffentlichkeit an der bemannten Raumfahrt entgegenwirken. Wenigstens bei den Lehrkräften des Landes gelang das auch: 12.000 Lehrer sollen sich beworben haben.
Barbara ist mit den dunkelsten Nasa-Momenten verbunden
Einen Sommer später standen Morgan und die anderen Ausgewählten zum Präsidentenhändeschütteln im Weißen Haus. Weltall-Lehrerin in spe Christa McAuliffe sollte wenige Monate später ein schadhafter Dichtungsring an der rechten Feststoffrakete des Shuttles "Challenger" das Leben kosten. Die tote Lehrerin wurde in der Folge des Unglücks zu einer Art amerikanischen Alltags-Heldin stilisiert. Nach ihr wurden Straßen benannt, ein Planetarium in New Hampshire und ein Raumfahrtmuseum in Utah. Auch der Asteroid 3352 trägt ihren Namen, ebenso wie ein Mondkrater. Kollegin und Freundin Barbara Morgan verbringt den Rest ihrer Nasa-Karriere im Schatten der großen Toten.
"Ich war wirklich glücklich, Christas Backup zu sein", sagte Morgan der "Los Angeles Times" 21 Jahre später. Glücklich oder einfach Glück gehabt? Das ist das Maximum an Mehrdeutigkeit, das Morgan sich erlaubt. Raumfahrt sei nun einmal "ein riskantes Geschäft". Ihre Familie stehe uneingeschränkt hinter ihr, und die Erinnerung an die "Challenger"-Besatzung mache sie sehr stolz. Das Johnson Space Center der Nasa setzt noch eins auf Barbaras Tapferkeits-Image drauf: "Wenn man das Wort Beharrlichkeit in einem Wörterbuch nachschlagen würde, könnte man daneben ein Bild von Barbara Morgan finden."
Im vergangenen Herbst wurde Morgan schließlich einer Mission zugewiesen: Frühestens Ende Juni 2007 soll sie an Bord der "Endeavour" Teil der Mission STS-118 sein, mehr als 22 Jahre nach Beginn ihrer Ausbildung bei der Nasa. Nach Bekanntgabe des Flugplans veröffentlichte das Johnson Space Center ein Interview mit Morgan, in dem sie gleich drei Mal auf die "tribulation" in ihrer All-Karriere angesprochen wurde, die Widerwärtigkeiten - ein fein gewählter Euphemismus in der Nasa-Sprache. Denn mit dem Schicksal der Langzeit-Anwärterin ist auch das zweite große Unglück der US-Raumfahrt verbunden.
Im Herbst 1986 war Morgan zunächst in den Klassenraum zurückgekehrt: Grundschulunterricht in Idaho statt Unfall-Aufarbeitung bei einer völlig deprimierten Nasa. Den Kontakt zu deren Raumfahrtprogramm hielt sie dennoch, reiste für Vorträge und als Mitglied diverser Kommitees durchs Land.
Ende der neunziger Jahre erst griff die Raumfahrtbehörde dann den Gedanken Reagans wieder auf, nun unter neuer Bezeichnung. Obwohl McAuliffe nie die Erdumlaufbahn erreichte, gilt sie vielen Amerikanern als erste Lehrerin im Weltall. Schon deshalb konnte das Programm nicht mit demselben Namen fortgeführt werden: Hätte man sonst den nächsten Lehrer-Astronauten als zweiten "teacher in space" bezeichnen sollen, als zweiten Versuch oder als ersten richtigen?
22 Jahre Warten auf eine Montagemission mit Schulfernsehen
"Educator astronauts" lautete die Lösung. Sie sollten normale, vollwertige Raumfahrer sein, nur eben solche, die auch mit Dreikäsehochs umgehen können. Im Januar 1998 wählte die Nasa Morgan als erste Vertreterin dieses neuen Typs Besatzungsmitglied aus. Endlich schien der Traum vom Raumflug wahr zu werden, auch einen Termin gab es schon: Im November 2003 sollte Barbara fliegen.
Doch am 1. Februar 2003 brach der Shuttle "Columbia" beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre über dem US-Bundesstaat Texas auseinander. Sieben Astronauten starben, alle geplanten Shuttle-Flüge wurden auf Eis gelegt. Als im August 2005 die "Discovery" abhebt, hat die Nasa andere Prioritäten als schwebende Grundschullehrer. Für Morgan bleibt Arbeit in der Bodenkontrolle übrig: Mit dem Titel Capcom (Capsule Communicator) auf der Visitenkarte fungiert sie in der Missionskontrolle als Funk-Ansprechpartnerin für Astronauten im All.
Bei STS-118 wird sie, so der Plan der Nasa, das Mikrofon mit einem der hinteren Plätze im Shuttle "Endeavour" vertauschen. Neben Liveschaltungen in US-Klassenzimmer wird Morgan die Roboterarme des Shuttles und der ISS bedienen. Die Mission selbst dient der Fertigstellung der Raumstation, bevor die alternde Shuttle-Flotte im Jahr 2010 eingemottet wird. Die Nasa hat drei weitere "educator astronauts" im Training. Doch anders als die Space Shuttles mit sieben Plätzen werden ihre Nachfolgefahrzeuge im Orion-Design (früher: Crew Exploration Vehicle, CEV) nur vier bis sechs Astronauten Platz bieten. So ist es nicht unwahrscheinlich, dass Morgan und ihre Educator-Astronaut-Kollegen die ersten und auch letzten Lehrer im Weltall sein werden.
Ob sie nach über zwanzig Jahren des Wartens nun plant, ein besonderes Souvenir mit in die Erdumlaufbahn zu nehmen? Zur "Los Angeles Times" sagte Morgan, sie nehme einfach die Erinnerung an Christa McAuliffe mit ins All. Als ob die nicht ohnehin im Gepäck wäre.
stx