Sie zieht einen sofort in den Bann, die ganz besondere Atmosphäre, die man in einer historischen Kurstadt spürt. Ehrwürdige Gebäude mit monumentalem Schick, weitläufige Parkanlagen, Blumenschmuck und Wasserspiele wohin man auch blickt. Eine freundliche Opulenz, die an vergangene Zeiten erinnert, aber noch heute ihre Berechtigung hat. Als optischer Genuss und oft auch noch zur körperlichen Ertüchtigung.
Dieses Zusammenspiel funktioniert nach wie vor und hat die UNESCO vor fünf Jahren dazu veranlasst, ihre Welterbestätte um „The Great Spa Towns of Europe“, also die bedeutendsten Kurstädte des Kontinents, zu erweitern. Um ihre natürlichen Mineralwasser-Quellen herum haben sie sich entwickelt. Mit ganz besonderer Architektur und der Tradition des „Kurens“, bei der die Heilkraft des Wassers genutzt wird und aus der auch immer wieder eine besondere Innovationskraft in medizinischer und kultureller Hinsicht hervorgegangen ist. Neue Behandlungsmethoden, das Bewusstsein für die körperliche und seelische Erholung und nicht zuletzt auch neue Formen der Freizeitgestaltung: Bewegung als Therapie, Zerstreuung als wohltuendes Element und die bewusste Abgrenzung von der Zeit, die wir heute als „Alltag“ bezeichnen. Es ist also kein Zufall, dass sich legendäre Casinos, renommierte Theater und Bühnen und vielleicht auch das Shoppen zum Vergnügen oftmals genau hier entwickelten.

Blick auf das Kurhaus und den Kurgarten in Baden-Baden | Foto: Adobe Stock
Laut UNESCO stellen die elf ausgewählten Städte in sieben Ländern „die dynamischsten und außergewöhnlichsten Zeugnisse des europäischen Kurphänomens“ dar. In Deutschland zählen dazu Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen, in Tschechien wurden Františkovy Lázně, Karlovy Vary (Karlsbad) und Mariánské Lázně ausgewählt, Baden bei Wien ist die „Greatest Spa Town“ in Österreich, Spa repräsentiert die Bäderkultur in Belgien, Vichy jene in Frankreich, Montecatini Terme ist die herausragende Bäderstadt in Italien und Bath im Südwesten von England zieht schon seit dem 18. Jahrhundert die Erholungssuchenden an.
Architektonische Preziosen
Bei all den herausragenden Bauwerken der Bäderarchitektur in den ausgewählten Städten fällt es schwer, einige davon herauszugreifen. Besonders eindrucksvoll ist aber das Ensemble von Kurhaus, Trinkhalle und Kurpark in Baden-Baden. Das Kurhaus ist ein klassizistischer Prachtbau aus dem 19. Jahrhundert, in dem sich das berühmte Casino befindet. Nur ein paar Schritte sind es zur Trinkhalle, in dem man heute zwar kein Wasser mehr trinken kann, aber auf jeden Fall genug damit zu tun hat, all die Schönheiten des Gebäudes zu entdecken, das im Jahre 1842 fertiggestellt wurde. Die eindrucksvollen Fresken von Jakob Götzenberger zum Beispiel oder auch die Außenansicht mit den korinthischen Säulen, die nicht nur die zahlreichen Besucherinnen und Besucher aus Fernost begeistert, die sich dort mitunter gar nicht satt fotografieren können. Unbedingt sehenswert ist auch die Wandelhalle in Bad Kissingen, wo früher nach und beim Trinken des Heilwassers „gewandelt“ wurde. Als kreuzförmige Basilika konzipiert, fasziniert nicht nur das Gebäude an sich, sondern auch die Innenausstattung im Jugendstil mit ihren Keramikbrunnen und den Majolika-Fliesen.

Historischer Baderaum im Kaiserbad im tschechischen Karlsbad | Foto: Adobe Stock
Ein Augenschmaus wie zum Beispiel auch das Kaiserbad im tschechischen Karlovy Vary. Das nationale Kulturdenkmal wurde mehrere Jahre lang aufwendig restauriert und ist ein bedeutendes Beispiel für die Gestaltung von Prachtbauten am Ende des 19. Jahrhunderts. Als Kulturzentrum beherbergt es heute ein Museum und einen Konzertsaal und kann im Rahmen von Führungen besichtigt werden. Trotz seiner neuen Nutzung sind glücklicherweise die wichtigsten historischen Räume und die kunstvolle Ausstattung erhalten geblieben. Und falls das Gebäude jemandem besonders bekannt vorkommen sollte: Seine Fassade war als Casino im Bond-Film „Casino Royale“ zu sehen.
Hochkarätige Events
Jede der von der UNESCO auserwählten Städte verfügt über ihren ganz eigenen Zauber. Sei es die besondere Mondänität Baden-Badens, Montecatini Termes atemberaubende Lage in den toskanischen Olivenhainen oder der irgendwie typisch englische Charme Baths, dem einst auch die Schriftstellerin Jane Austen nicht widerstehen konnte. Es gehört zum Wesen einer jeden Kurstadt, für ihre Gäste immer wieder ein tolles Programm auf die Beine zu stellen. So wie einmal mehr das „Automne Musical de Spa“, ein Festival voller Highlights aus Klassik und Alter Musik, das in diesem Jahr sein 40. Jubiläum feiert und noch bis in den November hinein gehen wird. Am 16. Oktober 2026 beginnt das Film-Festival im englischen Bath. Ein kleines, aber feines mit 50 Streifen, die wieder an teils ziemlich ungewöhnlichen Locations der Stadt laufen werden – Gelegenheit, Kino mal ganz anders zu erleben. Übrigens auch bei den begleitenden Events, die ganz auf die Beteiligung des Publikums ausgelegt sind. Im französischen Vichy kommen vom 16. bis 18. Oktober 2026 die Fans von „Manouche“, Swing und New Orleans-Sound auf ihre Kosten: Das liebevoll kuratierte Festival „Vichy Jazzy“ steigt zwar erst zum dritten Mal, schickt sich aber an, ein echtes Kult-Event zu werden.
Kai-Uwe Digel
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