Von Beruf Tierpräparatorin: "Alles, was gammelt, muss weg" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Präparatorin Dörk: "Ich könnte nie ein Tier einschläfern"

Von Beruf Tierpräparatorin "Alles, was gammelt, muss weg"

Mit lebendigen Tieren möchte sie nicht arbeiten. Erst nach dem Tod macht sich Jennifer Dörk ans Werk: Sie präpariert Katzen, Rehe, Wellensittiche - mit Schaber, Alkohol, Fellfarben. Und muss manchmal Menschen trösten, die für immer die Erinnerung an ihre Haustiere wachhalten wollen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jennifer Dörk steckt ihre Hand in den leblosen Körper eines Uhus, schabt mit dem Messer ein Stück Fleisch vom Beinknochen und lässt es in einen Eimer fallen. Sie schaut durch den faustgroßen Schlitz in der Bauchgegend. Dann legt sie die leere gefiederte Hülle auf den Tisch, breitet die Flügel aus, streicht die Federn sorgsam glatt.

"Ich wusste schon früh, dass ich niemals mit lebendigen Tieren arbeiten kann", sagt sie. "Da habe ich zu viel Mitleid." Dann hält sie kurz inne - und lacht. "Ja, klingt seltsam, ist aber nun mal so: Ich könnte nie ein Tier einschläfern."

Jennifer Dörk, 32, ist Tierpräparatorin. Und kennt alle Vorurteile: "Viele denken, das sind schrullige, alte, einsame Männer mit einer perversen Neigung zu toten Tieren. Quatsch!" In Bochum betreibt sie mit ihrem Kollegen Michael Hesse eine Tierpräparationsfirma in Waltrop, einem ländlichem Dorf im Ruhrgebiet. Ihre Nase umzingeln ein paar Sommersprossen, die schwarzen Haare hat sie zum Zopf gebunden.

Gestern hat Dörk fünf Stunden lang das Fett des Uhus abgekratzt, "alles, was gammelt, muss weg". Fett wird ranzig, löst die Haut auf und lockt zudem Insekten an, die das Präparat nach und nach auffressen. Von Chemikalien gegen Motten hält sie wenig: "Das meiste Begiftungszeug ist nicht wirklich giftig, sondern entzieht der Haut eher Flüssigkeit. Früher benutzte man Arsen, doch da ist der Präparator vielleicht 40 geworden - und der Kunde auch nicht viel älter."

"Manche Haustierbesitzer weinen am Telefon"

Schon antike Kulturen haben tote Lebewesen konserviert ( siehe Fotostrecke). Bekannt sind etwa die Menschen- und Katzen-Mumifizierungen der alten Ägypter. Auslöser für modernere Präparationstechniken waren die Forschungsreisen von James Cook im 18. Jahrhundert und die Expedition von Charles Darwin auf die Galapagos-Inseln 1835. Beide wollten mitgebrachte Tiere auch nach deren Tod untersuchen können - und gaben sie in die Hände von Präparatoren.

Die waren wenig zimperlich: Sie weideten die Tiere aus und stopften Baumwolle oder Stroh in die Haut. "Ausstopfen", das hören Jennifer Dörk und ihre Berufskollegen nicht gern. "Wir stopfen nicht mehr aus, sondern benutzen Formen", sagt sie mit einer gelben, rundlichen Plastik in den Händen, die an Organmodelle aus dem Bio-Unterricht erinnert. Firmen verkaufen solche Formen vorgefertigt - zumindest von Tieren, die massenweise präpariert werden: Füchse, Dachse, Adler. Jagdwild also.

Vor sieben Jahren präparierte sie den Yorkshire-Terrier eines Bekannten. "'Mach bloß keine Haustiere', hieß es immer", das sei keine Arbeit für Profi-Präparatoren, erzählt Dörk. Und: Haustiere riechen einfach anders. "Das machen die ganzen Medikamente heutzutage. Außerdem haben Haustiere viel mehr Fett an den Knochen." Besonders schlimm seien Tiere, die an einer Krankheit verendeten. "Wenn die ganz verkrebst sind, schlägt einem beim Aufschneiden eine schwarze, stinkende Wolke entgegen."

Das alles störte Jennifer Dörk nicht. Bald berichteten Fernsehsender über ihre Arbeit, weitere Haustierbesitzer meldeten sich. Heute hat sie Kunden bundesweit und präpariert 50 bis 80 Haustiere jährlich, etwa ein Viertel ihrer Aufträge. Manchmal ist es eine schwierige Arbeit. "Ein Jäger schmeißt einfach seinen Fuchs auf den Tisch und sagt 'Mach mal'! Manche Haustierbesitzer weinen am Telefon. Da muss man sich Zeit nehmen - und die nimmt sich nicht jeder", erzählt sie.

Nico, ihren Chihuahua, würde Jennifer Dörk nie präparieren

Ein weiterer Unterschied: Jäger stellen erschossenes Wild als Trophäen auf. Haustierhalter dagegen sehen in ihrem konservierten Liebling ein "Ersatzobjekt", so die Tierpsychologin Hanna Rheinz - "das lindert das Gefühl der Ohnmacht dem Tod gegenüber". Das Präparat rufe die mit dem Tier geteilte Lebenszeit emotional in Erinnerung und halte sie aufrecht. Diese Bindung könne auch zu einem Fetisch werden, sagt Rheinz: "Das lebendige Gefühl von Trauer wird zu einer erstarrten Haltung." Manche Menschen stellen ihren Kummer gewissermaßen ab und lassen ihn - wie das Präparat - verstauben.

Jennifer Dörks wichtigste Kunden bleiben Jäger, man sieht's in der Werkstatt: an der weißen Wand Dutzende Geweihe und Hirschköpfe, auf zwei Tischen ein Dachs, ein Fuchs, ein kleines Reh, aber auch eine Katze, ein Meerschweinchen und zwei Wellensittiche. Es riecht wie in einer normalen Lagerhalle. Ein Regal ist voll mit Büchern über Tiere und ihre Anatomie, dazu Kästen, Dosen, Eimer, Farb-Fläschchen. Gelb, Braun, Grau und andere Farben braucht Dörk, um sie auf Fell aufzutragen, das durch Gerben blasser wurde.

Vom Gerber bekommt sie abgezogene Haut nach zwei Monaten gereinigt zurück. Bei Hasen, Kaninchen oder auch beim Uhu macht sie die Arbeit selbst. Aus einem Alkohol-Eimer holt Jennifer Dörk ein Kaninchenfell. Der Alkohol entzieht der Haut das Wasser und konserviert sie - "eigentlich kein richtiges Gerben, aber für unsere Zwecke reicht's".

Fell über die Ohren: "Wie wenn man eine Jacke auszieht"

Aus einem Kühlschrank zieht sie eine rote Plastiktüte, so groß wie ein Handball, und zerschneidet mit einem Messer die Klebestreifen. Zum Vorschein kommt eine Gestalt mit fleischig-nackter Haut. Die Augen blicken ausdruckslos ins Leere, der Kopf scheint merkwürdig klein, die Beine liegen schlaff aufeinander. "Ist halt eine Katze ohne Fell", sagt Dörk.

Geschmacklos? Pervers? Hat sie alles schon gehört: "Das ist in Deutschland manchmal wirklich schlimm, ganz anders als in Amerika." Taxidermie - so der Fachausdruck für Tierpräparation - ist in den USA ein millionenschwerer Markt, der rund 50.000 Menschen beschäftigt. Der Verband Deutscher Präparatoren zählt nicht einmal 300.

Fotostrecke

Sonderbare Jobs: Berufe gibt's, die gibt's gar nicht

Foto: dapd

Durch die Werkstatt tapert ein Chihuahua mit weichem, weißen Fell: Nico, Dörks kleiner Liebling. Würde sie…? - "Nein!" - Warum nicht? - "Meine Haustiere werden im Garten begraben." Ihren Werkstatt-Aufpasser und Seelentröster zu präparieren, könne sie sich "einfach nicht vorstellen, ist halt Geschmackssache", sagt Dörk. Und widmet sich wieder dem Katzenkörper.

Zieht sie einem Tier das Fell ab, schneidet sie nur wenige Millimeter in die Haut hinein, damit nicht das Messer den Körper aufschlitzt und die Innereien hervorquellen lässt: "Passiert meist Anfängern, ist dann eine Riesensauerei." Nach 13 Jahren im Beruf ist das Entfernen der Haut für Jennifer Dörk Routine. Sie zieht dem Tier buchstäblich das Fell über die Ohren - "wie wenn man eine Jacke auszieht".

Einige Bilder der noch lebendigen Katze hat Dörk von der Besitzerin bekommen. Sie legt eine Handvoll Holzwolle aus Hobelspänen an den Körper an, wickelt mit Garn die Holzwolle ein und presst sie fest, immer wieder, mit Blicken zu den Fotos auf dem Laptop: "Ein totes Tier wird nie so aussehen wie ein lebendiges. Aber ich versuche, so nah wie möglich ranzukommen."

Harte Lehrjahre

Später, wenn der Gerber das Katzenfell zurückschickt, wird sie die selbst gebaute Form hineinlegen, die Beine mit zurechtgebogenen Drähten in die richtige Lage bringen, eine Modelliermasse auf die Form bringen, die Haut daran festdrücken. Die leeren Augenhöhlen wird sie mit Glasaugen füllen und das Fell zusammennähen. Fünf Stunden kann das dauern.

Nach ihrem Realschulabschluss war Dörk zwei Jahre lang Praktikantin in einem Naturkundemuseum, bis sie ihre staatliche Fachausbildung an der Bochumer Präparatoren-Schule machen konnte. In einem harten Jahr lernte sie ohne Lohn bei einem Präparator die praktische Seite des Berufes kennen und ging für den Lebensunterhalt abends putzen. "Das ist normal, deswegen bleiben auch so wenige dabei." Sechs von zehn Klassenkameraden der Biologischen Präparation machten ihren Abschluss - nur Jennifer Dörk arbeitet noch in diesem Beruf.

Nun fegt sie die Holzwolle zusammen und kontrolliert alle Präparate. Am Wochenende kann sie ihrem Hobby nachgehen: der Jagd. Erlegt sie Wild, landet das Fleisch auf ihrem Teller. Nur eines würde sie niemals essen: Schweinefleisch. Dabei dreht sich ihr der Magen um. Nicht etwa, weil sie es nicht verträgt. Sondern aus Tierschutzgründen.

KarriereSPIEGEL-Autor Steffen Daniel Meyer (Jahrgang 1986) ist freier Journalist in Dortmund.

Steffen Daniel Meyers Blog: Über Europa und die Welt