Essverhalten Zeigt her eure Kühlschränke
Ess-Typen: Kühlschrank, öffne dich
Jahre unseres Lebens verbringen wir mit essen. Doch was genau schieben wir uns eigentlich in den Mund? Wie intensiv denken wir über unsere Ernährung nach? Auf der Suche nach Antworten hat die Jugendzeitschrift "Spiesser" bei Schülern, Studenten und einer Ernährungsberaterin in den Kühlschrank geschaut.
Der 15-jährige Carsten beispielsweise lagert dort glutenfreien Kuchen und viel Gemüse. Er verträgt nämlich kein Gluten. Außerdem hat er eine Allergie gegen Weizen, Roggen, Kiwis, Sellerie, ungekochte Möhren und Tomaten. Seine Mutter drehte nach der Diagnose durch, erzählt er. Er hingegen nehme das ganz locker.
Die Studentin Bianca, 21, hingegen verträgt zwar Gluten, hat aber fast nie Geld. Damit lebt sie das Studentenklischee: Ihr Kühlschrank ist fast immer leer. Nur Milch, Toast und Schlagsahne hat sie immer da. Dann gibt es noch den Sportler Sebastian, der sein Essen eine Zeitlang grammgenau abgewogen hat, und den Vegetarier Patrick, der nur manchmal beim Grillen eine Ausnahme macht, um nicht negativ aufzufallen.
Lesen Sie hier von Unverträglichen, Ungesunden, Sportlichen, Lebenslangen und Bekehrten und schauen Sie in ihre Kühlschränke.
Carsten, der Unverträgliche: "Meine Mutter drehte durch"
Carsten ist 15 und hat eine Allergie gegen Weizen, Roggen, Kiwis, Sellerie, ungekochte Möhren, Tomaten und reagiert unverträglich auf Gluten. Was er überhaupt noch essen darf? Lest selbst.
Als bei mir Allergien und eine Lebensmittelunverträglichkeit entdeckt wurden, war ich ganz locker. Seitdem muss ich mich eben ohne Gluten - das ist das Klebe-Eiweiß in fast allen Getreidesorten - ernähren. Auf gängige Pizza, Nudeln und Brot zu verzichten, war zwar anfangs schwer, aber jetzt läuft das ganz automatisch. Muss es auch, schließlich werde ich den Rest meines Lebens anders essen als andere.
Nur meine Mutter drehte nach der Diagnose ein wenig durch. Das war in der Weihnachtszeit, und ich musste zu jedem glutenfreien Spekulatius "ja" sagen, den sie online bestellen wollte. Das war nervig, aber sie hat sich später noch selbst übertroffen - als sie einen zweiten Tiefkühlschrank kaufte. Nur für glutenfreie Produkte. Zugegeben: Es ist praktisch. Meine Mutter kann so große Vorräte für mich anlegen. Und ich muss nicht ewig im normalen Kühlschrank wühlen, um mein Zeug zu finden.
Selbst mit Lebensmittelunverträglichkeit ist die Vielfalt der Dinge, die ich noch essen "darf", groß. In meinem Kühlschrank gibt's glutenfreien Kuchen, Pizza, Fischstäbchen, Maultaschen, Chickennuggets und wenn man sich bis auf den Boden runterwühlt, noch ganz viel Gemüse.
Anstrengend wird's nur im Urlaub. In solchen Ausnahmefällen esse ich Sachen mit Weizen, und wenn ich vorher bestimmte Kapseln einnehme, kriege ich nicht die typischen fiesen Bauchschmerzen, die mir sonst bevorstehen. Also ist jede Reise für mich auch ein Ausflug ins Weizen-Schlemmer-Paradies.
Papa hat inzwischen gelernt, dass er mir keine Kiwi mehr anbieten darf. Mama hat sich beruhigt und rausgefunden, was die perfekte Kochzeit für glutenfreie Nudeln ist. Und ich weiß jetzt, dass ein Weizenbrötchen ein richtiger Genuss sein kann, wenn es sonst verboten ist.
Der Kühlschrank: Alles garantiert glutenfrei
Foto: Tony HauptBianca, die Ungesunde: "Nach der Uni schnell 'ne Packung Kekse"
Immer arm und nur am Feiern - herzlich willkommen im Studentenklischee! Bianca, 21, erzählt, wie sich das auf ihr Essverhalten auswirkt.
Vier Leute in der WG, zwei Kühlschränke - macht eine Hälfte pro Person. Meine Hälfte ist so gut wie leer. Milch und Toast und Schlagsahne, das habe ich immer da. Ansonsten wird gekauft, was nicht viel Arbeit macht und preiswert ist. Da reichen auch Spaghetti mit Tomatenketchup. Und wenn ich zu faul war, um ordentlich einzukaufen, gibt's zum Abendessen eben nur 'ne Tafel Schokolade. Frisches Gemüse und Co. Verfaulen mir viel zu schnell.
Eine gesunde, ausgewogene Ernährung fällt deshalb meistens flach - vor allem in der Prüfungsphase. Das heißt aber nicht, dass ich nicht gerne koche und nicht lieber gut esse. Meistens fehlt mir aber die Muße, mich in die Küche zu stellen und zwei Kartoffeln zu schälen. Für mich alleine zu kochen macht keinen Spaß und das Verhältnis von Aufwand und Nutzen ist dabei auch eher schlecht. Und das ist noch geprahlt. Umso schöner sind gemeinsame Kochabende mit Freunden. Oder das Essen zuhause bei den Eltern am Wochenende.
Einen klaren Vorteil hat das Studentenleben auch: die Mensa. Da gibt's gutes, preiswertes Essen in bester Uni-Atmosphäre, zumindest bei uns. Habe ich keine Zeit oder Gesellschaft für die Mensa gefunden, sitze ich auch schon mal mit knurrendem Magen in der Vorlesung. Dann heißt es nach der Uni ganz schnell im Supermarkt 'ne Packung Kekse kaufen.
Was meinem Essverhalten fehlt, ist Regelmäßigkeit: Ich esse, was da ist und wenn ich Lust dazu habe. Gesund kann das nicht sein. Aber ich werde ja auch nicht für immer studieren. Mit festem Job und einem routinierten Tagesablauf ist es dann sicher leichter, regelmäßig und bewusst zu essen.
Der Kühlschrank: Ihr Teil im WG-Kühlschrank ist fast leer - wie immer
Foto: Klaus GiggaSebastian, der Sportliche: 20 Milliliter Olivenöl auf Ex
Sebastian, 23, treibt Kraftsport und achtet deshalb besonders auf seine Ernährung. Selbst vor Olivenöl-Drinks hat er dabei nicht Halt gemacht.
Als ich anfing, abends Olivenöl pur zu trinken, dachte ich: "Jetzt reicht's!" Dieses glitschig-zähflüssige Zeug schmeckt einfach nur widerlich. Aber ohne einen strengen Ernährungsplan wird's beim Kraftsport mit dem Muskelaufbau schwer. Vor acht Jahren habe ich angefangen zu trainieren. Bis dahin war mir meine Ernährung egal. Ich habe gegessen, worauf ich gerade Lust hatte.
Für den Sport habe ich mir dann aber meinen eigenen Ernährungsplan erstellt - und das täglich. Vor den Mahlzeiten musste ich alle Lebensmittel mit einer digitalen Waage aufs Gramm genau abwiegen, dann prozentual herunterrechnen, wie viele Kilokalorien und Nährwerte die jeweiligen Zutatenmengen enthalten und all das in den Plan eintragen. Alles, um meinen täglichen Gesamtenergiebedarf an Kohlenhydraten, Eiweißen und Fetten haargenau einzuhalten.
Beispiel gefällig? Ein typisches Frühstück bestand aus 85 Gramm Haferflocken mit Milch, denn beides zusammen enthält viele Kohlenhydrate und Eiweiße. Wenn ich am Abend merkte, dass ich zu wenig Fette zu mir genommen hatte, trank ich noch etwa 20 Milliliter Olivenöl. Schokolade und andere ungesunde Sachen waren in dieser Zeit natürlich tabu.
Der Kühlschrank: Heute sieht sein Lebensmittelvorrat immer noch recht gesund aus
Foto: Matthias PoppDiese krasse Ernährungsweise habe ich etwa ein Jahr durchgehalten. Heute kann ich darüber nur noch den Kopf schütteln. Zwar trainiere ich immer noch vier- bis fünfmal die Woche im Fitnessstudio und achte auch weiterhin sehr auf meine Ernährung. In meinem Kühlschrank lagere ich immer noch Joghurt und Putenbrustaufschnitt - aber eben auch Gummibärchen. Warum? Ganz einfach: Seit ich mir mal was gönne, fühle ich mich wohler.
Tim, der Lebenslange: "Auch meine Kinder werden Vegetarier"
Tim ist 17 und hat nur einmal in seinem Leben Fleisch probiert. Seine Eltern waren schon vor seiner Geburt Vegetarier und haben Tim ganz bewusst vegetarisch erzogen.
Probiert habe ich Fleisch schon mal, aber das ist lange her, und ich war nicht begeistert. Ich habe keinen Unterschied zu Tofu-Würstchen geschmeckt, auch wenn viele sagen, Tofu wäre nichts für sie. Dann gab's noch einen "Unfall": Als ich noch ganz klein war, haben mich meine Nachbarn mal mit Würstchen vollgestopft. Die wussten noch nicht, dass ich kein Fleisch esse, und mir war es auch noch nicht bewusst. Später im Kindergarten haben meine Eltern dort immer Tofu-Würstchen für mich deponiert.
Meine Eltern essen kein Fleisch, weil ihnen die Tiere für die Art und Weise leid tun, auf die sie zugrunde gerichtet werden. Diese Einstellung habe ich von ihnen übernommen. Man sagt ja immer, als Vegetarier würde man gesünder leben... da fehlt mir der Vergleich dazu, wie man als Fleischesser lebt. Ich hatte jedenfalls noch nie gesundheitliche Probleme. Wenn ich später mal Kinder habe, werde ich sie auch vegetarisch erziehen.
In der Schule bekommt man öfter mal Sätze zu hören wie: "Was kann man denn dann noch essen?" Oder die Leute fragen mich, wie lange ich schon kein Fleisch esse. Ehrlich: Für mich ist das gar kein Thema. Mit meinen Freunden rede ich kaum darüber und ich kenne auch keine anderen Vegetarier. Aber mir fehlt nichts. Nur auf Käse könnte ich wirklich nicht verzichten. Den vergisst meine Mutter beim Einkaufen nie.
Bei uns zuhause findet sich wenig Tiefkühlkost, es gibt viel Obst aus dem Garten und jede Menge Gemüse. Ansonsten haben wir einen Kühlschrank wie alle anderen auch. Mit ein paar Ausnahmen: Fisch gibt es bei uns zum Beispiel nicht - ein Fisch ist ja auch ein Tier. Warum sollte ein Vegetarier also Fisch essen?
Candy, die Ernährungsberaterin: "Ich liebe Erdnussflips!"
Candy Cermak, 37, isst zwischendurch Müsli mit Obst und Joghurt - und sündigt ab und zu abends vor dem Fernseher.
Ernährungsberatung hin oder her: Ich liebe Erdnussflips! Die will ich auch immer im Haus haben. Abends esse ich eine Schüssel beim Fernsehen. Abgesehen davon ernähre ich mich aber eher gesund. Wenn ich einkaufen gehe, achte ich darauf, dass ich Obst und Gemüse kaufe und zwar solches, das gerade hier auf den Feldern wächst. Es ist mir wichtig, mich ausgewogen zu ernähren und regionale Produkte zu kaufen.
Vegetarische Ernährung bei Jugendlichen ist in Ordnung, es sollte nur nicht die extreme, vegane Variante sein. Das ist auf Dauer ungesund, denn es fehlen wichtige Nährstoffe. Ähnlich ist das bei Menschen mit Lebensmittelallergien, doch suchen die sich ihre Ernährung ja nicht aus.
In den letzten Jahren haben Erkrankungen wie Laktoseintoleranz oder Glutenunverträglichkeit zugenommen. Klar, durch verbesserte Tests nehmen wir sie stärker wahr als jemals zuvor. Allerdings werden in Lebensmitteln mittlerweile extrem viele Zusatz- und Konservierungsstoffe verwendet - und die verursachen verstärkt Unverträglichkeiten. Eine Alternative könnten Bio-Produkte sein. Beim Einkaufen muss man jedoch genau auf das richtige Bio-Siegel achten. Sonst ist nicht garantiert, dass die Lebensmittel aus biologischem Anbau stammen.
Am sichersten ist es natürlich, direkt beim Bauern einzukaufen. Wer mit dem Fahrrad hinfährt, der macht nebenbei schon Sport - aus meiner Sicht die perfekte Kombination. Denn ohne Sport ist gesunde Ernährung nicht viel wert. Zweimal in der Woche sollte man sich für mindestens eine halbe Stunde bewegen. Am Besten ist es, wenn man Freunde dabei hat - so kann man sich gegenseitig motivieren. Wenn man das alles beachtet, ist sogar eine abendliche Schüssel Erdnussflips zu verzeihen.
Der Kühlschrank: Eine ausgewogene Ernährung ist ihr sehr wichtig
Foto: Fabian MatternPartick, der Bekehrte: "Beim Grillen mach ich eine Ausnahme"
Patrick, 23, ernährt sich vegetarisch - aus Überzeugung.
Bis vor vier Jahren war es für mich normal, Fleisch zu essen. Dann sah ich mir den Dokumentarfilm Earthlings an, der die brutalen Schlachtpraktiken an Tieren und die Misshandlungen von Zirkustieren zeigt. Die Bilder ekelten mich so an, dass ich seit diesem Tag Vegetarier bin. Dadurch esse ich automatisch viel mehr Bio-Produkte. Und ich versuche, jeden Tag Obst und Gemüse in meinen Speiseplan einzubauen.
Trotz allem gilt: Ich bin kein Öko-Freak! Wenn keine Zeit zum Kochen bleibt, gibts auch mal 'ne Tiefkühl-Pizza. Aber dann achte ich schon darauf, dass möglichst keine Zusatzstoffe drin sind. Problematisch wird mein Essverhalten nur, wenn ich mal bei Freunden eingeladen bin, zum Beispiel zum Grillen. In solchen Fällen mache ich ihnen zuliebe mal eine Ausnahme und esse zumindest ein bisschen Fleisch. Das ist mir lieber, als negativ aufzufallen.
Der Kühlschrank: Ziemlich vegetarisch - Fleisch isst er nur mal mit Freunden beim Grillen
Foto: Matthias PoppAufgezeichnet von Christoph Käfer, Bianca Körner, Anke Schuhardt, Caroline Stelzer, Julia Weise für die Jugendzeitschrift "Spiesser"