Rettungslos zerrüttet - DER SPIEGEL
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Rettungslos zerrüttet

Die Zeit der Abrechnung beginnt: Wolfgang Schäuble geht diese Woche mit seiner Sicht der zerbrochenen Beziehung zu Helmut Kohl an die Öffentlichkeit. Der Altkanzler hingegen tritt wieder selbstbewusst unter die Parteifreunde, als hätte es die Spendenaffäre nie gegeben.
Von Ulrich Deupmann und Tina Hildebrandt
• aus DER SPIEGEL 38/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein kurzer Blick nach rechts und links, dann wuchtet sich Helmut Kohl entschlossen aus seinem roten Plüschsitz im Berliner Schiller-Theater. Schnaufend walzt er auf den Mann zu, der vier Sitzplätze weiter links Platz genommen hat. Mit einem entschlossenen »Komm, Wolfgang« streckt Kohl dem Mann im Rollstuhl die Hand zur Begrüßung entgegen. Wolfgang Schäuble, der sich angewöhnen wollte, Kohl nie mehr wahrzunehmen, wirkt wie versteinert, als er mit abgewandtem Gesicht die ausgestreckte Rechte ergreift.

Versöhnung? Verlegenheit? Taktik? Immer wieder blickt Kohl beim Festakt der FDP zum zehnjährigen Jubiläum des Zweiplus-Vier-Vertrags am vergangenen Dienstag verstohlen nach links. Doch der Ex-Kanzler bemüht sich vergebens. Schäuble ist hinter seinem kalten Lächelgesicht erstarrt und schaut stur weg.

Beinah ein Leben lang haben Kohl und Schäuble mit- und voneinander gelebt. Gegenseitig brachten sie sich an die Spitze. Doch nach drei gemeinsamen Jahrzehnten haben sich der massige Ex-Kanzler und sein zierlicher, an den Rollstuhl gefesselter Kronprinz aus allen Ämtern hinausrivalisiert. Als »odd couple«, das mit seiner Vergangenheitsbewältigung CDU und CSU in Atem hält, werden sie nun zur Belastung für die Union und deren neue Führung um den Fraktionsvorsitzenden Friedrich Merz und Parteichefin Angela Merkel.

Nach der Sommerpause hoffte die Union, endlich wieder Boden unter die Füße zu bekommen und als Opposition ernst genommen zu werden. Wie abhängig die neue Führung aber immer noch von der alten ist, wurde vergangene Woche in der Haushaltsdebatte des Bundestags ein weiteres Mal deutlich: Den meisten Beifall erntete Fraktionschef Merz, wenn er die Verdienste Kohls und die Vergangenheit lobte.

Angstvoll blickt die CDU nun dem Buch von Schäuble entgegen, das diese Woche in Teilen veröffentlicht wird. Steht die nächste Runde im Duell der ungleichen Gegner bevor? Nach dem verlorenen Machtkampf zog Schäuble sich im Frühjahr auf das zurück, was er stets besser beherrscht hatte als sein Rivale: die Macht des Wortes. Wie besessen hat sich der äußerlich so kühle Disziplinfreak seine Wut von der Seele geschrieben. In jeder freien Minute, so Mitarbeiter, habe sich der Jurist über das Papier gebeugt, von Hand Seite um Seite gefüllt.

Eine Abrechnung solle es nicht werden, hat Schäuble zwar versprochen. Doch schon die Ankündigung, »einfach nur meinen Teil der Geschichte« zu erzählen, treibt vielen den Angstschweiß auf die Stirn. Denn auch Kohl schreibt eifrig an seinen Memoiren. Im nächsten Jahr sollen sie fertig sein, und niemand zweifelt, dass Kohl seinem ehemaligen Protegé mit gleicher Münze zurückzahlt, falls er es für nötig hält.

Hatte Schäuble mit seinem Buch zunächst aus der Perspektive eines Ehemaligen begonnen, so wuchs im Lauf der Monate die Entschlossenheit, sich nicht ohne weiteres entsorgen zu lassen. Aus dem Arbeitstitel »16 Jahre, 16 Monate« ist »Mitten im Leben« geworden. Nur für Schwergewichtler gelte das Sprichwort »They''ll never come back«, trotzte Schäuble kürzlich in einem Interview. Und selbst dort habe George Foreman das widerlegt.

Fast neun Monate ist es her, dass die verfeindeten Vertrauten zuletzt miteinander gesprochen haben. Die Unterredung besiegelte Schäubles Ende als Parteichef und kostete Kohl seinen Ehrenvorsitz - die Beziehung war rettungslos zerrüttet.

Warum es zu dem Zerwürfnis des CDU-Duos kam, zeichnet der SPIEGEL in einem detaillierten Protokoll der letzten drei Jahre ihrer Beziehung nach (siehe Seite 40).

Am 18. Januar war Schäuble ins Büro des Altkanzlers gerollt, um ihm die Namen seiner angeblichen Spender abzupressen. Doch der Pfälzer dachte nicht daran, seinem Vasallen aus der Patsche zu helfen.

Wie zwei Revolverhelden feuerten die Freunde von einst mit Worten aufeinander. »Deine Spender gibt es doch gar nicht«, rief Schäuble, »sag endlich die Wahrheit.« »Schlimm ist nicht, was ich gemacht habe«, schoss Kohl zurück, »schlimm ist, was du gemacht hast.« »Ich habe«, sagte Schäuble später, »die Beziehung zu Helmut Kohl beendet.«

Doch er kommt nicht los von seinem Gegner. Mit sicherem Gespür hat Kohl das Bedürfnis der Partei nach Versöhnung erkannt, und wie immer bestimmt er das Tempo. Kohl benimmt sich einfach so, als hätte es nie einen Parteivorsitzenden Schäuble und eine Spendenaffäre gegeben. Dabei ermitteln die Staatsanwälte noch immer wegen Untreue gegen ihn. Und noch immer versucht der Untersuchungsausschuss des Bundestags aufzuklären, ob die Regierung Kohl käuflich war.

Der Skandal-Kanzler nimmt derweil nach zehnmonatiger Abwesenheit am Montag vergangener Woche aufgeräumt und wohlgebräunt zwischen den Hinterbänklern Werner Wittlich und Peter Bleser in der dritten Reihe der Unionsfraktion Platz und lässt sich vergnügt von Fans wie Arnold Vaatz die Hand schütteln. Schäuble dagegen fährt mit betont unbeteiligter Miene durch einen Seiteneingang in den Fraktionssaal im Reichstag. Er kommt spät, die meisten bemerken ihn nicht.

Im Bundestag ist es am Mittwoch nicht anders. Schäuble hockt versunken in der zweiten Reihe, da, wo Kohl früher thronte. Den Alten kümmert das nicht. Sein Parteivolk folgt ihm überallhin, auch nach hinten, in die sechste Reihe. Wo er sitzt, ist gute Laune. Er kann mit allen, und alle können wieder mit ihm. Frohgemut konsumiert er mittags im Bundestagsrestaurant zur Wirsingroulade mit Specktunke einen halben Liter Roséwein. Und Schäuble? Der vergräbt in den Debatten das Gesicht in den Händen und flieht danach schnell ins Büro oder zu Anschlussterminen.

»Politisch umgebracht« fühlt Schäuble sich von dem einstigen Förderer und späteren Rivalen. Das Attentat im Gasthof »Bruder«, das Schäuble 1990 in den Rollstuhl zwang, jährt sich in wenigen Wochen zum zehnten Mal. Doch schlimmer als die Kugeln eines Verrückten, so meinen Vertraute, haben ihn die »kriminellen Machenschaften« (Schäuble) getroffen, mit denen ihn der Weggefährte zur Strecke brachte.

Bis heute will der egozentrische Pfälzer nicht begreifen, wie es zum Bruch kam. »Dass Schäuble so groß sein wollte wie er, war für ihn überhaupt nicht denkbar«, erklärt einer, der beide seit Jahren kennt, »den Platz hatte er in seinem Weltbild für Schäuble nie vorgesehen.«

Sehnt sich auch Schäuble nach einer Versöhnung? Der grimme Mann im Rollstuhl sagt, dass es nicht so kommen wird. Doch ein eindeutiges Nein ist das nicht. Schäuble lässt sich immer einen Fluchtweg offen.

Wiedervereinigungen brauchen lange, wer wüsste das besser als die beiden Haudegen der Einheit. Ein Parteifreund fasste sich kürzlich ein Herz und sondierte auf beiden Seiten. »Tun Sie mir einen Gefallen, sprechen Sie mich nie wieder auf dieses Thema an«, beschied Schäuble kühl. Kohl aber wartet ab. Dies, so der Altkanzler, sei eine Frage, die »stellen wir am besten eine Weile ins Eisfach. Vielleicht kann man sie irgendwann dann wieder vorholen«.

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