Studenten im Hotel Mama: Meine Mitbewohner, die Eltern - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Studenten bei den Eltern: Nie allein zu Haus

Foto: Stefan Kaufmann

Studenten im Hotel Mama Meine Mitbewohner, die Eltern

Die WG löst sich auf, das Auslandssemester endet, das Geld ist alle: Und wohin nun mit mir? Viele Studenten erinnern sich dann an zwei Menschen, die manchmal nerven, aber ungeheuer hilfsbereit sind - die Eltern. Wlada Kolosowa, 23, wagte den Selbstversuch und zog wieder zu Hause ein.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Meine Eltern sind mir immer nah. Ich erkenne sie in meinen Augen und meinen Knubbelknien. In meiner Angewohnheit, am Ohr zu zupfen, wenn ich nachdenke. Als Koordinatensystem, anhand dessen ich die Welt wahrnehme, als Reibefläche, als Maßstab. In allem, was ich ihnen zuliebe mache oder aus Trotz.

Meine Eltern sind immer bei mir. Aber diese Art der Nähe meine ich jetzt nicht.

Seit Juli trennen nur zweieinhalb Zentimeter meine Eltern und mich - so breit ist die Schiebeplatte zwischen dem Dachboden, den ich seit Juli bewohne, und ihrem Stockwerk. Selbst die Nabelschnur war länger. Ich bin wieder zu Hause eingezogen.

Im Juli verkaufte die Hausverwaltung das Haus, in dem meine WG zu Hause war. Die Semesterferien hatten gerade angefangen, ich hatte nichts dringendes in Berlin zu tun und beschloss, den Sommer bei meinen Eltern in Süddeutschland zu verbringen - zum ersten Mal seit dem Abitur.

Die Pro-Argumente waren nicht originell, aber schwerwiegend: Mamas Pfannkuchen, die gute Kaffeemaschine und die Gelegenheit, alte Freundschaftsbänder enger zu knüpfen. In Ulm warteten die Katze, die Bücher, die ich in den ersten 20 Jahren meines Lebens gesammelt habe und Gartengurken.

Um meine Freiheit sorgte ich mich nicht. Ich hatte keine Solange-du-deine-Füße-unter-meinem-Tisch-hast-Eltern. Ich hatte keine Angst, plötzlich minutiös meine geographischen Koordinaten rapportieren zu müssen. Klar, Liebesleben klappt hinter zweieinhalb Zentimeter Sägespan nicht besonders gut. Privatsphärenkürzungen gegen mietfreie Gemütlichkeit empfand ich aber als einen durchaus fairen Tausch. Zum ersten Mal seit drei Jahren stand ich also nicht mit einem Übernachtungskoffer, sondern einem Lastwagen vor der elterlichen Tür. Ihre Adresse war wieder die meine.

Was folgte, lässt sich in drei Phasen aufteilen:

Ich bin die Sonne - Die (kurze) Phase eins

Phase Eins hält etwa vier Tage an, so lange wie ein Feiertagswochenende. Ich bin die Sonne, um die sich das Familienuniversum dreht. Die Bettwäsche ist gebügelt und riecht nach Kuschelweich. Auf dem Tisch steht dein Lieblingsessen, auf den Gesichtern deiner Eltern Entzückung und Neugier.

Das Zusammenleben ist super, weil es noch kein Zusammenleben ist. Ich bin Kind, aber vor allem Gast. Gehe ich weg, stecken sie mir einen Zehner zu. Sie fragen nicht: Wohin? Sondern: Sollen wir dich fahren? Selbst Streit ist wie ein kurzer Sommerregen: kurzer Donnerblitz, weil die Schlüssel irgendwohin verschwunden sind, und alle lachen wieder. Würde ich nach vier Tagen, wie sonst, mit anderthalb Kilogramm zu viel auf den Rippen und einem Doggybag in die Selbständigkeit entlassen, gäbe es ein Happy End für alle.

Aber ich bleibe.

Einkaufsliste und Putzplan: Die Eltern sind keine Gastgeber mehr (Phase zwei)

Ich habe jede Ecke im Haus meiner Jugend beschnuppert und mit Erinnerung abgeglichen, alle Gurken im Garten geerntet und alle angerufen, deren Freundschaften ich auffrischen wollte. Leider machen die meisten Urlaub in Asien oder kommen, so wie ich früher, nur im Ferientage-Takt. Übrig sind nur die, die nie bei den Eltern ausgezogen sind. Ich habe sie auf ein Bier voller ungelenker "Und sonst so?" getroffen. Und ich habe Angst bekommen, zu werden wie sie.

Eines Morgens fische ich Post aus dem elterlichen Briefkasten, finde eine To-Do-Liste für mich auf dem Küchentisch und merke: Ich bin fast schon da. Der Besucherstatus ist verfallen. Meine Eltern sind nicht mehr Gastgeber, sondern Mitbewohner. Nur dass sie Jahrzehnte Vorsprung in diesen vier Wänden haben. Dementsprechend gilt ihr Putzplan und nicht meiner.

Und dann kommt der Tag, der blöde Schlüsselbund ist schon wieder weg, da ist es soweit: Den Eltern verrutscht die Tonlage und plötzlich höre ich eine Stimme, die mich schon mit 18 wahnsinnig gemacht hat. Ich schmolle, zicke - alles Verben, die ich seit Jahren nicht mehr in Verbindung mit meinem Namen gebracht habe. Und dann fällt mir wieder ein, wie meine Mutter beim letzten Kaffeetrinken die Augen verdrehte, als Oma sie belehrte. Ich verstehe: Egal wie alt ich bin, wie viele Abschlüsse ich habe, für meine Eltern werde ich immer ein Kind bleiben.

Außerhalb ihrer Homebase mögen sie niedlich und hilflos scheinen, weil sie weder Stadtpläne zusammenfalten, noch Googlemaps bedienen können - dort, wo ihr Name auf dem Klingelschild steht, sind sie die Alleinherrscher.

Halbtot, wie ein Raubtier im Zoo - (Phase drei)

Wir haben uns eingespielt. Besser: Ich habe mich angepasst. Es ist wirklich nicht so schlimm. Es ist ein stilles, wohliges Glück. Die häusliche Wärme lullt mich so ein, dass ich mich frage, warum ich überhaupt jemals ausgezogen bin.

Mir ist das passiert, was nun mal passiert, wenn man langfristig "offenes Triebeausleben und Privatsphärenkürzungen gegen mietfreie Gemütlichkeit" eintauscht. Ich wurde zu einem alten Raubtier im Zoo. Manchmal, eher selten, sehne ich mich nach Wildnis, nach öliger Pizza und Abenteuer. Mein Leben ist stiller - aber das ist auch nicht weiter schlimm. Ab und an treffe ich mich hin und wieder mit den anderen Elternwohnern.

Und dann erzählt einer, der mit 25 noch nie eine Waschmaschine angefasst hat, einen Witz, der ungefähr so geht: "Sagt ein Dreijähriger zum Fünfjährigen, der immer noch nicht krabbeln kann: 'Du bist doch doof, schon Fünf und kannst immer noch nicht laufen.' Sagt der andere: 'Nee, du bist doof. Strampelst dich schon mit Drei ab. Ich habe mich bis Fünf tragen lassen.'"

Ein bisschen kann ich der Argumentation folgen. Stopp. Das ist der Punkt, an dem ich schleunigst die Koffer packen sollte. Es ist schön zu wissen, dass es immer einen Ort geben wird, an dem man klein sein darf. Aber ich musst raus, bevor ich das Leben in der freien Wildbahn verlernt habe. Oder, schlimmer noch, die Sehnsucht danach verliere.

Nicht nur Wlada wohnte wieder zu Hause. Auch zwei weitere Studenten erzählen von ihrem Sommerabstecher ins Hotel Mama, von Trägheit, Sorglosigkeit - und warum sie zum neuen Semester wieder flüchten mussten.

Jasmin, 23: Spülmaschine ausräumen? Mama ist in solchen Sachen einfach geübter

Christian, 26: Die Selbständigkeit schläft, wenn ich zu Hause bin