Klartext: Tesla, schöner Götterfunken | heise autos

Klartext: Tesla, schöner Götterfunken

"Freude am Fahren" steht als Claim bei BMW. Doch die wesentlich unernstere Marke ist tatsächlich Tesla. Über eine verkorkste Homestory und die Freude, in einem Tesla Model 3 zu fahren

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Klartext
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Inhaltsverzeichnis

Plan A: Wir bringen eine Tesla-Homestory, bei der ich einen Besitzer besuche, um ihn nach seinem ersten halben Jahr, seinen ersten 25.000 Kilometern zu befragen. Dabei half mir liebenswerterweise Notfallsanitäter Philipp Kautzmann, den ich zwar mangels Schreiblust nicht als Schreiberkollegen gewinnen konnte, der aber dennoch immer wieder Sinnvolles zu sagen hat, das dann eben ich aufschreibe statt er selber.

Leider hat Plan A nicht wie vorgesehen funktioniert. In den Sprechetappen sind zu viele sachliche Fehler, die mit einem mitlaufenden Textband „eigentlich ist es so“ versehen werden müssten, wo ich mangels ad-hoc-Wissen nicht sofort widersprechen konnte. Dazu kam, dass im Gespräch praktisch keine zusätzlichen Erkenntnisse zu Christophs Test des Model 3 herauskamen. Deshalb berichte ich hier als Plan B in Textform genauso anekdotisch, aber ohne Fehlaussagen mit „Fehlaussage“-Stempel über einen Tag mit einem sehr erfreulichen Auto. Sehen Sie es als Weihnachtsgeschenk an alle, die sich über ihren Tesla freuen.

Klartext: Tesla, schöner Götterfunken (14 Bilder)

Da steht es, das Schmuckstück. 66.000 Euro teuer, aber der Besitzer ist trotzdem glücklich.
(Bild: Clemens Gleich)

Ich habe schon öfter über einen Umstand geschrieben, den wir hier endlich etwas länger aufrollen können: Teslas Autos konzeptuell wunderbar gedacht. Philipp und ich versuchten am Kaffeetisch herzuleiten, warum das so sein könnte. Vielleicht denken traditionelle Autohersteller in traditionellen Autoprodukten, weil sie die ja stets gut verkauften und weiterhin verkaufen müssen. Tesla dagegen entstammt der finanzierten Startup-Szene, in der man eine Idee einfach mal raushauen kann, ohne dass sie nachrechenbar Geld bringen muss.

Beide Varianten des Wirtschaftens haben ihre Vor- und Nachteile und prägen die Produkte. Kia baut in den e-Soul eine musikgesteuerte Innenraumbeleuchtung. Es erinnert mich an Angela Merkel, wenn sie steif klatscht, weil sie tanzen soll. Im Model 3 gibt es Karaoke, Marsansicht, Weihnachtsmodus, Kaminfeuer und eine ganze Reihe von halbgaren Spielen. Es erinnert mich an die besten Zeiten des Hackertums, als man Dinge hackte, weil sie lustig waren oder schön oder schlicht richtig. Rest dieser Anarchie in einem kommerziellen Produkt zu finden, kann selbst Kommunisten mit dem Kapitalismus kurzfristig versöhnen.

Das Konzept erklärt sich jedem Menschen unmittelbar selbst. Schon als ich mich zum ersten Mal in Philipps Auto setzte, wusste ich, warum er es gekauft hatte. Das Model 3 hat alles, was ich mir von Citroëns Edelmarke DS erhoffe, nur mit gescheiten Prozessoren und gescheiter Software. Du sitzt in einer aufgeräumten Lounge aus Materialien, mit denen auch Veganer glücklich werden können. Der Bildschirm in der Mitte spart sicher Anpassungskosten für Rechtslenkerländer. Er hilft jedoch der gesamten Kabine. Ich finde auch einen mittigen Tacho nicht schlimm. Das hat im ersten Renault Twingo schon gut funktioniert für mich. Ich hätte gern ein Head-Up Display, werde das aber nicht bekommen, weil CEO Musk HUD als einer von sehr wenigen „nervig“ findet und sich lieber aufs autonome Fahren konzentrieren will.

Genau hier, beim autonomen Fahren, würde diese Kabine natürlich noch besser funktionieren. Netflix und Youtube nicht nur zur Überbrückung an der Ladesäule, sondern auch zur Überbrückung langweiliger Autobahnetappen. Leider ist Tesla selbst nach den letzten Updates weiter vom autonomen Fahren entfernt als alle deutschen Hersteller mit Ausnahme von Opel.

Das Model 3 zappelt und ruckt noch immer so herum, wie Christoph im ersten Test kritisierte. Philipp benutzt das System entsprechend wenig, spricht von „Rage Quits“. Beim Besuch funktionierte es auf der Bundesstraße ganz gut (Vorführeffekt), bis es abends mitten auf einer leeren Straße grundlos stark bremste. Den „Autopilot“ also am besten gar nicht erst kaufen, das spart Geld und Nerven. Sein Mehrnutzen gegenüber den meist verwendbaren Systemen Spurhaltung und Abstandstempomat liegt netto im negativen Bereich.

Vom autonomen Fahren, dieser großen Hoffnung, sind alle Hersteller weiterhin viel weiter entfernt, als sie im KI-Hype der vergangenen Jahre zunächst dachten. Audi wollte schon 2016 automatisch Autobahn fahren. Tesla behauptet seit 2016, ihre Autos haben „Full Self-Driving Hardware“, meint damit unbesondere Kameras plus notorisch ungenaue Ultraschallsensoren, die wahrscheinlich eben nicht reichen, um einen Computer einigermaßen sicher durch alle Sichtverhältnisse fahren zu lassen.

Volvo hält am Versprechen fest, ab nächstes Jahr ein autonomes Auto zu zeigen. Als Partner holten sie sich ausgerechnet Uber, die gezeigt haben, was sie von Betriebssicherheit halten und deren Fahrzeug sich in der gerichtlichen Aufarbeitung als haarsträubend zurückgeblieben gezeigt hat. Am nächsten an einem realen Betrieb dürfte Waymo sein, die auf eine Steuerzentrale setzen, in denen der Mensch dem Automaten bei schwierigen Entscheidungen hilft. Kaufen Sie einen Tesla also nicht wegen solcher Versprechen. Niemand wird sie einhalten. Kaufen Sie einen Tesla, weil er Freude macht.

Ein Model 3 als klassisches Auto betrachtet wird den klassischen Autokunden nicht erfreuen. Die Türen scheppern beim ins Schloss fallen, die Spaltmaße sind ungleichmäßig, und immer, wenn man etwas über die Software mitbekommt, ist sie genauso geschlampt wie das krude konstruierte Chassis. Wer sich auf solche Details konzentriert, kauft besser beim Koreaner oder beim Deutschen. Doch wer den Blick heben kann und das Ganze sieht, wird feststellen: Das Ding ist gut. Sehr gut gedacht und zumindest okay ausgeführt.

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Wenn Philipp seine Garage anfährt, geht sie von selber auf, mit Symbol auf dem Bildschirm. Wenn er den Ladestecker zieht, schließt ein Servo von selber die Ladeklappe am Heck. Wenn durch wechselndes Wetter auf der Autobahn der Strom unerwartet ausgeht, informiert das Fahrzeug darüber, dass das Ziel nur noch bei niedriger Geschwindigkeit erreicht wird und sagt auch, welche das ist. An der Ladesäule Netflix gucken auf einem brauchbar großen Bildschirm: Wieso hat das nicht jedes teurere E-Auto?

Philipp würde jederzeit wieder einen Tesla kaufen. Nicht, weil Tesla den Autoherstellern zeigt, wie man ein Auto baut. Das wissen die alle besser als Tesla. Nein, Tesla zeigt anderen Autoherstellern, wie ein Autokonzept mit minimalen Abweichungen der bewährten Pfade eben auch aussehen kann. Ein Model 3 zeigt abseits allen Musk-Medienhypes, wie man so ein Konzept an Kunden bringt, denen Spaltmaße weniger wichtig sind als das, was sich BMW seit jeher auf die Fahnen schreibt: Freude am Fahren.

Bei BMW bedeutet das Freude an der „Fahraufgabe“, wie Verkehrsforscher es nennen. Bei Tesla bedeutet das Freude egal an was, das man in der Kabine erleben kann. Am Abend fahren Philipp, seine Gemahlin und ich vom Restaurant zurück zum Haus. Wir singen laut „Ghostbusters“ mit dem korrekten Text von der Karaoke-Maschine auf der Mittelkonsole. „Wake me up, before you go-go“. Super. Ich habe im Testalltag ein bisschen vergessen, dass Autofahren wunderbar sein kann. Dieser Tag hat mich daran erinnert. Ich habe es zum Model S geschrieben und schreibe es zum Model 3 noch einmal: Wenn du so ein Auto haben willst, dann gibt es das schlicht nur bei Tesla. (cgl)