Gal Gilboa-Dalal, Bruder einer Hamas-Geisel
»Das ist das Zimmer meines Bruders, man sieht seine Sachen so, wie er sie zurückgelassen hat. Es ist sehr schwer für mich in diesem Raum zu sein, seine Sachen zu sehen und ihn nicht, das ist einfach zu schwer.«
Denn Gal Gilboa-Dalals Bruder Guy wurde entführt. Vor vier Wochen, von Terroristen der Hamas. Seitdem wartet Gal in Tel Aviv im Haus seiner Eltern, im Kinderzimmer seines kleinen Bruders, auf ein Lebenszeichen.
Gal Gilboa-Dalal, Bruder einer Hamas-Geisel
»Wir teilen dieselben Hobbys und oft habe ich mit ihm über Musik oder Animes gesprochen oder die Serien, die wir zusammen sehen. Und jetzt kommt es vor, dass ich etwas gelesen habe und es ihm erzählen will, und dann merke ich, er ist nicht in seinem Zimmer. Es ist hart hier zu sein.«
Das ist Guy Gilboa-Dalal, ein 22 Jahre junger Israeli. Von seinem Bruder beschrieben als »der beste Mensch der Welt«. Am 7. Oktober sind die beiden auf dem »Universo Parallelo«, ein Trance-Festival nicht weit vom Gazastreifen entfernt. Für Guy ist es das erste Mal hier. Sein großer Bruder Gal möchte ihn begleiten – sich um ihn kümmern. Dafür ist er extra nachgekommen.
Gal Gilboa-Dalal, Bruder einer Hamas-Geisel
»Sobald ich meinen Bruder getroffen habe, ist er auf mich gesprungen, hat mich umarmt und geküsst. Er hat sein Handy rausgeholt, ein Selfie von uns gemacht und es an unsere Mutter geschickt und ihr geschrieben, dass alles gut ist.«
Das war um 6:15 Uhr – eine Viertelstunde später geht der Alarm los, die Hamas-Terroristen greifen an. Noch denken die Brüder, es handelt sich nur um einen Raketenbeschuss. Sie trennen sich, um mit den Menschen abzureisen, mit denen sie gekommen sind. Dann fallen Schüsse, beide versuchen sich zu verstecken. Gal ruft seinen Bruder an.
Gal Gilboa-Dalal, Bruder einer Hamas-Geisel
»Ich habe ihnen gesagt, sie sollen so nah wie möglich am Wald bleiben, Schutz suchen und mir berichten, was passiert. Ich hatte nicht wirklich Zeit, das Gespräch zu beenden, denn die Leute, die an uns vorbeirannten, waren teilweise blutüberströmt und sie schrien: Die Terroristen sind hier, rennt weg! Ich sagte meinem Bruder, dass ich ihn gleich zurückrufen würde. Mein Freund und ich rannten los. Ich wusste nicht, dass es das letzte Mal sein würde, dass ich mit ihm sprechen würde vor seiner Entführung. Als ich ihn vom nächsten Versteck aus anrief, ist er nicht mehr drangegangen.«
Siebeneinhalb Stunden harrt Gal in immer neuen Verstecken aus, während hunderte Menschen um ihn herum ermordet oder entführt werden. Dann retten ihn israelische Einsatzkräfte. Zu diesem Zeitpunkt hat die Hamas bereits ein Video veröffentlicht, das Guy und viele andere in Gefangenschaft zeigt.
Es ist bis heute das letzte Lebenszeichen seines Bruders.
Gal Gilboa-Dalal, Bruder einer Hamas-Geisel
»Ich vermisse meinen Bruder, ich brauche meinen Bruder, ich denke an ihn rund um die Uhr. Alles andere ist egal, wenn ich an ihn denke.«
Die ganze Familie Gilboa-Dalal steht unter Schock. Freunde kommen zum Helfen, sie drucken T-Shirts mit Guys Konterfei und gehen gemeinsam auf Kundgebungen. Alle haben Sorge, dass das Schicksal der Geiseln in dem immer weiter eskalierenden Konflikt vergessen wird.
Diese Angst teilen sie mit anderen Familien. Hier auf der Kaplan Street in Tel Aviv kleben Angehörige Fotos ihrer Liebsten an die Wand, viele von ihnen bestätigte Geiseln, andere unbekannt verschollen.
Einige verteilen gelbe Armbänder als Erinnerung und Zeichen der Solidarität oder singen, wie hier, eine hebräische Version des Beatles-Songs »Let it be«.
Vier Geiseln wurden bislang erst freigelassen – von offiziell 239 gemeldeten, darunter mehrere Kinder. Ob bald weitere heimkehren können, ist nicht abzusehen.
Zurück im Haus der Gilboa-Dalals. Hier steht noch die Dekoration für die Sukkot-Feierlichkeiten, obwohl das jüdische Laubhüttenfest längst vorbei ist.
Gal Gilboa-Dalal, Bruder einer Hamas-Geisel
»Aber weil mein Bruder uns immer geholfen hat, die Sukkot-Hütte mit auf- und wieder abzubauen, hat mein Vater gesagt, dass niemand sie abbaut, bis mein Bruder wieder bei uns ist.«
Gal lebt weiter im Ungewissen. Tag für Tag sucht er in neuen Videos der Hamas nach Hinweisen darauf, wie es seinem Bruder geht. Er weiß, dass es ihm nicht guttut, aber er könne nicht anders, sagt er. Dass viele seiner Freunde ermordet wurden und auch er nur knapp dem Tod entkommen ist, verdrängt er.
Gal Gilboa-Dalal, Bruder einer Hamas-Geisel
»Ich werde irgendwann Zeit haben, mein Trauma zu verstehen und zu heilen. Jetzt bin ich nicht an dem Punkt … Ich habe es versucht, aber ich kann es noch nicht. Ich kenne Leute, die auch auf dem Festival waren und zurückgekommen sind. Und wenn sie über diese Party reden, dann klingt es so, als hätten sie ihr Leben zurück. Sie haben es verloren und dann wiederbekommen. So fühle ich mich nicht, es fühlt sich eher so an, als ob mein Leben genommen wurde. Und ich habe es nicht zurück. Erst wenn mein Bruder zurückkehrt, werde ich mir erlauben, so zu fühlen.«