Ford Fiesta: So fährt sich das Europa-Meisterlein
Fahrbericht Ford Fiesta Unsichtbar erfolgreich
Dieses Auto macht einen erst einmal ein bisschen ratlos. Denn so eifrig man auch sucht, man findet es nicht: Der Ford Fiesta hat kein Alleinstellungsmerkmal. Er hat nichts zu bieten, was es nicht auch bei einem anderen Fahrzeug dieser Klasse gibt. Dabei muss da doch was sein, warum sonst haben ihn 315.000 Menschen in Europa im vergangenen Jahr gekauft? Das hier ist der erfolgreichste Kleinwagen des Kontinents!
Erklärung eins: Er leistet sich keine gravierende Schwäche. Erklärung zwei: Man muss zu diesem Auto einfach keine Erklärungen abgeben.
Der Ford Fiesta kommt nämlich als Selbstverständlichkeit daher. Er sieht manierlich aus, überzeugt mit solider Technik, bietet - wenn man bereit ist, dafür zu zahlen - haufenweise Extras und, das ist vielleicht das Wichtigste, spielt die Rolle des Neutrums inmitten der oft so überdrehten Kleinwagenkonkurrenz. Bei der Frage um das beste Brot-und-Butter-Auto einer Heimatmarke wird der Fiesta neben VW und Opel oft vergessen, mit dem Premium-Getue von Mini oder Audi A1 hat er sowieso nichts zu tun, und er stammt auch nicht aus den USA, Frankreich, Italien, Japan oder Korea, sondern aus Köln-Niehl.
Bin ich doof, oder ist die Bedienung zu verwirrend?
Unser Testwagen sieht, wie passend, aus wie eine Europafahne ohne Sterne. "Aruba-Blau" heißt der Metallic-Lack, der 850 Euro Aufpreis kostet. Im Auto wird man von einem unruhigen Ambiente empfangen: Das Cockpit neigt sich dem Fahrer zu, die Bedienelemente auf dem Armaturenbrett hingegen lehnen sie weit zurück. Und ehrlich gesagt, kapiert man auch beim zweiten und dritten Hinsehen noch nicht, welcher Knopf wofür gedacht ist, und wo man nun drücken oder drehen muss, um dieses oder jenes auszulösen.
Die Armaturen im Fiesta sind alles andere als selbsterklärend
Foto: PANDERDas wirft natürlich die Frage auf, ob die 315.000 Fiesta-Käufer im vergangenen Jahr in Europa diese wirre Tastenlandschaft sofort überblickt haben oder ob ihnen andere Dinge wichtiger waren. Möglich wäre außerdem, dass man selbst zu doof ist, um die Vorgaben der Ford-Entwickler nachzuvollziehen. Immerhin: Nach einer Weile kapiert man das meiste, und was man nicht begreift, bleibt eben unbenutzt. Den Radiosender etwa habe ich nicht verstellt - sondern einfach den Ton abgedreht. Fahren tut das Auto auch so.
Und es fährt richtig gut. Man fühlt sich gleich wohl hinterm Steuer, was an der Wendigkeit liegt, am guten Lenkgefühl und am flüssig zu schaltenden Fünfganggetriebe. Der 1,5-Liter-Dieselmotor mit 95 PS bringt das Auto zügig auf Trab. Allerdings tut er das mit reichlich Radau: Die Maschine ist laut, und beim Beschleunigen rappelt und brummelt es fast schon aufdringlich. Auch das kann man unterschiedlich interpretieren, nämlich entweder als ärgerlich und unkomfortabel oder aber als kraftvoll und sportlich. 3,6 Liter gibt Ford als Durchschnittsverbrauch für den Wagen an, in unserem Fall waren es im Testdurchschnitt jedoch gut fünf Liter, die der Selbstzünder pro 100 Kilometer konsumierte.
Man vertraut dem Fiesta
Was Ford beim Fiesta gut gelingt, sind etliche unaufdringliche Details, die einem das Auto sympathisch machen. Das fängt mit den sehr dicken, sehr solide wirkenden Türgriffen an, setzt sich über die zwar ziemlich tief platzierte, dafür aber umso hübscher und übersichtlicher gestaltete Klimabedienung fort und endet bei Kleinigkeiten wie den akkuraten Ziernähten des Lederlenkrads, den blau leuchtenden Cockpitzeigern oder dem klassisch-eleganten Handbremshebel.
Was man auch anpackt in diesem Auto, vieles vermittelt Vertrauen. Womöglich ist das ein weiterer Grund dafür, dass Kleinwageninteressenten, nachdem sie das eine oder andere Modell zur Probe gefahren sind, sich an den Fiesta erinnern.
Das Platzangebot, auch ein wesentliches Kriterium beim Kauf eines kleineren Autos, liegt beim Fiesta auf dem in dieser Klasse üblichen Niveau. Vorne sitzt man ordentlich, hinten eher straff, aber noch nicht wirklich beengt. Und das Kofferraumvolumen variiert je nach Stellung der Rücksitzlehnen und nach Positionierung des herausnehmbaren Ladebodens zwischen 295 und 965 Liter Volumen (zum Vergleich: beim VW Polo zwischen 280 bis 952 Liter).
Seine Erfolgsformel in einem Satz
Ford stellt gleich auf den ersten Seiten des Fiesta-Prospekts die Frage: "Glauben Sie an Liebe auf den ersten Blick?" Natürlich nicht! Oder was sonst soll man darauf antworten, wenn ein Autohersteller so was fragt. Und als hätten die Ford-Leute es geahnt, heißt es dann im Text: "Schauen Sie etwas genauer hin, und Sie werden entdecken..." - und dann werden die angeblichen Vorzüge des Autos aufgezählt.
Das ist clever gemacht, und es ist zugleich typisch für den Fiesta. Ein bisschen keck, aber bloß nicht zu forsch. Vernunft mit Rüschen sozusagen. Das passt zu diesem Auto. Und vielleicht ist das auch schon das ganze Geheimnis, wenn sich ein Kleinwagen richtig gut verkaufen soll.