Nissan GT-R 2016: Godzilla wird brav - DER SPIEGEL
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Autogramm Nissan GT-R: Sei nicht so grob

Foto: Nissan

Autogramm Nissan GT-R Rase sanft

Auch die 2016er-Variante des Nissan GT-R ist brachial und das Auto immer noch einer der günstigsten Supersportwagen. Gleichzeitig wurde er - trotz mehr Leistung - auch ein bisschen gezähmt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der erste Eindruck: Ein Großmaul. Der Nissan GT-R hatte schon immer ein polarisierendes Design. Nach der Modellpflege reißt er jetzt den Kühlerrachen noch weiter auf. Aus gutem Grund übrigens, denn der stärkere Motor braucht mehr Luft.

Das sagt der Hersteller: Hiroshi Tamura war laut eigenen Angaben ein zehnjähriger Steppke, als er auf dem japanischen Fuji-Speedway den Rennsieg eines Nissan Skyline erlebte. Seither schwärme er für die Sportwagen der Marke. Mittlerweile ist Tamura in den Fünfzigern und arbeitet bei Nissan - aktuell als Entwicklungschef der GT-R-Baureihe. Seine Vorstellung vom idealen Sportwagen beschreibt er so: "Es darf nicht nur um den lautesten Sound und die schnellste Runde auf der Nordschleife gehen, sondern ein bisschen Finesse und Fahrkomfort können auch nicht schaden."

Getreu dieser Ansage wurde der von den Fans als "Godzilla" bezeichnete Sportwagen zum neuen Modelljahr ein wenig kultiviert und seine Beherrschbarkeit verbessert - obwohl gleichzeitig auch die Motorleistung gestiegen ist. Tamura: "Jetzt kann wirklich jeder mit dem GT-R über 300 km/h fahren."

Falls einigen Hardcore-Fans der GT-R jetzt einen Tick zu weich geraten sein sollte, bietet Nissan Abhilfe. Neben dem normalen GT-R gibt es nämlich auch wieder die Rennversion GT-R Nismo.

Das ist uns aufgefallen: 180 km/h, 200, 240, 260 - man merkt kaum, wie schnell der GT-R absurde Geschwindigkeiten erreicht. Das liegt nicht allein an der immensen Kraft und der explosiven Beschleunigung des Coupés, sondern vor allem an dem tatsächlich viel ausgewogeneren Fahrverhalten. Während man andere Sportwagen in diesen Geschwindigkeitsbereichen mit fester Hand führen muss und am Lenkrad sogar beim Geradeausfahren ordentlich zu tun hat, reichen beim GT-R quasi selbst bei Vollgas zwei Finger, um den Wagen auf den Autobahn auf Kurs zu halten.

Der Grund für das bequeme Handling liegt in den Tiefen der Konstruktion verborgen: Denn zehn Jahre nach der Premiere der gegenwärtigen GT-R-Generation hat Nissan noch einmal in die Struktur des Autos eingegriffen und den Rohbau steifer gemacht, etwa durch neu konstruierte C-Säulen. An denen gibt es nun beispielsweise keine destabilisierenden Luftverwirbelungen mehr.

Der Nissan GT-R im Video:

SPIEGEL ONLINE/Tom Grünweg

Die Fahreigenschaften sind so gut, dass man auch das Gewicht des Autos vergisst: Mit knapp 1,8 Tonnen bringt er nämlich für einen Sportwagen einiges auf die Waage. Elektronische Drehmomentverteilung, Differenzialen, adaptives Fahrwerk und Allradantrieb macht ihn aber zu einem gefühlten Leichtgewicht.

Was das Fahren angeht, wurde der GT-R also geschmeidiger. Für den Innenraum gilt das nicht. Man findet hier zwar handvernähte Sportsitze und einen Nappa-Überzug auf dem Armaturenbrett. Doch diese Details sowie die Tatsache, dass die Motoren des GT-R von lediglich fünf erfahrenen Meistern in mehreren Stunden Handarbeit montiert werden, passt überhaupt nicht zum Cockpit aus billigem Hartplastik oder zu Schaltern, die auch in Kleinwagen passen. Das allerdings ist eine Stilfrage. Ökonomisch ist die Sache klar: Irgendwo muss gespart werden, wenn der GT-R zwischen 30.000 und 70.000 Euro weniger kostet als ein Porsche 911 Turbo oder ein Mercedes AMG GT-S.

Das muss man wissen: Bestellen kann man den Nissan GT-R zu Preisen ab 99.900 Euro bereits seit April, ausgeliefert werden die ersten Exemplare dann ab August. Erkennbar ist der neue Jahrgang von außen am größeren Kühlergrill, der stärker konturierten Motorhaube und den schärferen Abrisskanten am Heck. Innen ist - neben den nobleren Materialien an einigen Stellen - vor allem der größere Bildschirm der Unterschied zum Vorgänger.

Was man nicht sehen, aber dafür erfahren kann, ist der Feinschliff am 3,8 Liter großen V6-Motor. Er bietet jetzt mehr Drehmoment und kommt auf eine Leistung von 570 statt bislang 550 PS. Während der Motorsound über die Bose-Boxen elektronisch poliert und verstärkt wird, sprintet der GT-R, wenn alles passt, in weniger als drei Sekunden von 0 auf Tempo 100 und jagt bei Vollgas mit 315 km/h über die Autobahn.

Das werden wir nicht vergessen: Anzeigen wie auf der Playstation, ein seltsam sauberer Sound, ein annehmbares Ambiente und das Auto insgesamt so friedlich wie eine Familienkutsche - fast vergisst man im GT-R, dass man in einem brutalen Supersportwagen sitzt. Es sei denn, man tritt aufs Gaspedal oder blickt nach dem Aussteigen mal auf die vier Auspuff-Endrohre am Heck. Die sind nicht nur unverschämt groß, sondern schon nach ein paar Kilometern dermaßen ausgeglüht und schmutzig, dass die Illusion vom gezähmten Godzilla buchstäblich in Rauch aufgeht.