Lexus RX 450h F Sport: Das Haptikgenie
Fahrbericht Lexus RX 450h F Sport Schluuuund!
Es geht los mit einem kleinen Schreck.
Stellen Sie sich vor, Sie kommen in ein teures Restaurant und nehmen Platz auf einem Stuhl. Kaum haben Sie sich gesetzt, kommt von hinten der Kellner und rückt Sie samt Stuhl unnachgiebig an den Tisch. Genau nach diesem Prinzip funktioniert der Einstieg beim Lexus RX: Der Sitz schiebt sich samt Fahrer nach vorn, automatisch und ungefragt.
Das ist einerseits ziemlich aufdringlich, denn wenn man Pech hat, saß zuvor ein viel kleinerer Fahrer am Steuer, und man wird so nah ans Lenkrad geschoben, dass man glaubt, der Lexus wolle einen zur Begrüßung zerquetschen.
Ist das Startprozedere aber ohne Rippenbruch überstanden und der Sitz erst einmal passend justiert, lernt man das System zu schätzen: Dank des Stühlerückens kommt man nämlich komfortabler ins Auto rein und wieder raus.
Der kleine Schreck zum Auftakt wird nicht der letzte sein, den man im - bitte kurz Luft holen - Lexus RX 450h F Sport erlebt. Dieses Auto hat gleich mehrere Überraschungen zu bieten.
Außen Schneepflug, innen Designer-Loft
Wer sich in Deutschland einen Lexus kauft, gibt mit seiner Wahl zunächst einmal ein Statement ab. Die Fahrzeuge der noblen Konzerntochter von Toyota sind teuer (unser Testwagen kostete 80.750 Euro), und vor Autoindustriepatrioten wird man sich deshalb rechtfertigen müssen, warum um Himmels Willen man sich für das viele Geld nicht einen BMW, Mercedes oder Audi leistet. Die Antwort ist natürlich einfach: Weil ein Lexus alles bietet, was die selbsternannten Premiumhersteller auch zu bieten haben - aber eben auf eine eigenwilligere Art. Lexus lässt sich in Deutschland immer noch in das übersetzen, wonach es klingt: Exotik und Luxus.
Außen gibt es viel Effekthascherei, unter anderem mit auffälligen Felgen
Foto: SPIEGEL ONLINEDas fängt beim Design an. In den Kühlerschlund des RX passen BMWs Doppelniere, Audis Singleframe und Daimlers Frontgitter gleichzeitig rein. Von vorn betrachtet wirkt der Wagen so martialisch wie ein Schneepflug, links und rechts sind die Scheinwerferpartien wild zerklüftet. Das gleiche gilt für die Heckpartie, wo das zackenförmige Design der Front am Kofferraumdeckel gespiegelt wird. Wer hinter dem RX fährt, sieht ein richtig grimmig dreinblickendes Blechmonster - und eben eine ganz andere Formsprache, als man sie von den deutschen Herstellern gewohnt ist. An den Seiten setzt Lexus beim F Sport noch einen drauf: Die 20-Zoll-Leichtmetallräder in Form einer vielbeinigen Eisenspinne sehen aus wie H.R.-Giger-Gedächtnisskulpturen.
Eine Ode an den Joystick
Umso erstaunter ist man dann über das aufgeräumte und unaufgeregte Cockpit. Auf den ersten Blick wirkt das Interieur schmucklos und die Materialien schlicht. Dabei sind sie einfach das Gegenteil von Blenderware: Die Beschichtung der Mittelkonsole, aus der zwei praktische Becherhalter ausgefräst sind, ist mit feinen Längsrillen geriffelt. Lenkrad und Schaltknauf sind in griffiges, weiches Leder gefasst und die Tasten auf dem Steuer geben beim Drücken einen leichten Gegendruck.
Überraschend ist hier also nicht nur der Kontrast zwischen der extravaganten Form des RX und seinem vergleichsweise nüchternen Innern, sondern auch, wie sinnlich sich diese Nüchternheit anfühlen kann. Der Verzicht auf jeglichen Barock lässt das Interieur zunächst ein bisschen kühl wirken, aber die hochwertigen Materialien machen es heimelig.
Innen hat der Wagen echte Klasse
Foto: SPIEGEL ONLINEAußerdem sorgt die Farbe der Sitzgarnitur für Wallungen. Im ersten Moment zuckt man bei dem vielen Rot zusammen, aber je länger man sich in die Sessel schmiegt, desto mehr Gefallen findet man daran. Und zur Sinnlichkeit der Bedienelemente passen sie sowieso hervorragend.
Dann ist da außerdem dieses unscheinbare Täfelchen in der Mittelkonsole, nicht viel größer ist als eine Streichholzschachtel. Es lässt sich nach oben und unten, nach rechts und nach links schieben und drücken. Mit diesem flachen Joystick klickt man sich durch die Funktionen des Infotainmentsystems. Er ist viel handlicher als zum Beispiel ein Drehknopf, und zudem ist das Teil an der Oberfläche mit einem wunderbar geschmeidigen Kunststoff besetzt. Eine Fahrt im RX ist immer auch ein kleiner Ausflug in eine Haptik-Erlebniswelt.
Leider ist das Infotainmentsystem nicht so gut gelungen wie der Joystick, mit dem es bedient wird; die Einstellung des Navigationssystems ist bisweilen etwas schwer nachvollziehbar. Auch der Versuch, ohne einen Blick in die Betriebsanleitung Radiosender zu speichern, blieb erfolglos. Zu den nervenden Kleinigkeiten zählt auch das Schließen des Kofferraumdeckels, das von einem langen Piepton begleitet wird. Das Geräusch ist zum Davonlaufen, aber genau das ist nicht möglich: denn ehe der Kofferraum nicht zu ist, lässt sich das Auto nicht verriegeln.
Am RX ist alles ein bisschen gewöhnungsbedürftig, die meisten Überraschungen sind aber positiv
Foto: SPIEGEL ONLINENervtötend ist leider auch der Klang des 3,6 Liter großen V6-Motors. Er ist die negative Überraschung in diesem Auto. Im Lexus-Prospekt heißt es dazu, ein "Soundgenerator" produziere einen "performanceorientierten Ansaugsound". Beim Tritt aufs Gaspedal ertönt dann aber ein lautes, heiseres Geräusch, als ob das Aggregat Mühe hätte, auf die richtigen Drehzahlen zu kommen. Kernig geht anders. Hinzu kommt, dass der Antritt des Wagens - mit einer Systemleistung von 313 PS alles anderes als untermotorisiert - im normalen Modus überraschend schlapp ist.
Das ist allerdings keine Katastrophe.
Denn das "h" steht in der langen Buchstabenreihe der Modellbezeichnung für Hybrid: In diesem Fall handelt es sich um einen Vollhybrid, mit je einem Elektromotor an der Vorderachse (50 kw) und an der Hinterachse (123 kw). Letzterer sorgt für einen Allradantrieb. Der Sinn eines Hybridantriebs ist in erster Linie Sparsamkeit; ein aggressiver Antritt würde gar nicht ins Konzept passen. Stattdessen funktioniert auch in diesem Fünf-Meter-Trumm das schöne Hybrid-Phänomen der elektrischen Entschleunigung: Bei geringem Tempo fährt man automatisch sanfter, um so lange wie möglich lautlos dahin zu gleiten.
Was jedoch die Sparsamkeit betrifft: Die Herstellerangaben von 5,5 Liter Benzin auf hundert Kilometer sind illusorisch. Bei unserem Test lag der Durchschnittsverbrauch bei rund acht Litern, und das bei zurückhaltender Fahrweise und großem Anteil von Stop-and-Go in der Stadt, was dem Elektrokonzept eigentlich zu Gute kommen sollte.
Hierzulande ein Geheimtipp
Wem es auf den Verbrauch weniger ankommt - unter den Käufern der "Sport"-Variante des RX dürften die Erwartungen da keine so große Rolle spielen - wird den Wagen meistens im Sportmodus fahren; dann nämlich reagiert der Antrieb viel direkter auf den Tritt aufs Gaspedal. Der Sound wird zwar nicht besser, aber der Motor wirkt dann alles andere als schlapp.
Den positiven Gesamteindruck kann aber auch das aufdringliche Motorgeräusch nicht schmälern. Und wenn man den Wagen gefahren ist, wundert man sich schon ein bisschen über das Schattendasein, das die japanische Marke in Deutschland führt.
Weltweit wurden seit der Einführung des RX schon mehr als zwei Millionen Exemplare verkauft, es ist der Bestseller von Lexus. Hier liegen die Stückzahlen des SUV-Modells aber gerade mal im dreistelligen Bereich. Noch so eine Überraschung an diesem Auto: Es ist ein verkanntes Haptikgenie.