Fahrbericht Renault Clio mit Dreizylindermotor - DER SPIEGEL
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Fahrbericht Renault Clio Der Scheinfiese

Der neue Renault Clio wirkt schon in der Biedermann-Variante giftiger als andere Kompakte in der Sportversion. Gleichzeitig soll der neue Dreizylindermotor ein Sparwunder sein. Sportlich und sparsam zugleich? Der Clio sieht so frisch aus, dass man ihm alles zutraut. Genau das ist sein Problem.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Man steht vor diesem Auto und traut seinen Augen kaum. Das ist ein Renault Clio? Früher taugte die Optik des französischen Kleinwagens als Einschlafhilfe, jetzt verdreht er den Leuten auf der Straße die Köpfe. Aus dem Biedermann ist ein Beau geworden.

Der Imagewandel ist das Ergebnis einer ganzen Reihe von Veränderungen. Breite Türschweller verleihen dem neuen Clio ein schlankes Profil, die Rückleuchten schauen grimmig, am Heck sind über den Radkästen zwei stramme Kotflügel wie Muskelpakete gewachsen. Sogar ein kurzer Spoiler ragt vom Dach weg. Ein bisschen wurde auch getrickst: Die hinteren Türgriffe sind im Fensterrahmen versteckt, der Fünftürer sieht dadurch aus wie ein Dreitürer.

Der zweite Clou steckt unter der Haube des Clio: in der Modellversion TCE kommt erstmals bei Renault ein Dreizylindermotor zum Einsatz. Downsizing heißt das Zauberwort, ein gestrichener Zylinder spart Hubraum, und das bedeutet weniger Reibungskräfte und Wärmeverluste und somit einen geringeren Verbrauch und weniger CO2-Emission.

Fotostrecke

Renault Clio: Vom Biedermann zum Beau

Foto: Renault

Auf dem Datenblatt liest sich das so: 90 PS Leistung, 898 ccm Hubraum, ein Verbrauch von 4,3 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer. Zum Vergleich: Das Modell mit vier Zylindern und 1,2 Liter Hubraum hat 20 PS weniger als der Clio TCE, verbraucht jedoch einen Liter mehr. Die Schrumpfkur, so scheint es, wirkt Wunder.

In der Theorie klingt das alles hervorragend. Zumal die Franzosen damit werben, dass der Fahrspaß trotz Spardiktat erhalten bleibt: ein Turbolader dient als Leistungsersatz für den gestrichenen Zylinder. Ist Renault mit dem Clio also gleich ein doppelter Geniestreich gelungen, nicht nur beim Design, sondern auch technisch - und das alles zu einem Preis von rund 16.300 Euro?

Ja und nein. Gleiche Kraft mit weniger Hubraum, diese Rechnung geht nicht ganz auf. Während der Wagen im Stadtverkehr durchaus flott bei der Sache ist, traut man sich auf der Landstraße mit dem schmalbrüstigen Trio unter der Haube nur dann zu überholen, wenn bis weit am Horizont kein Gegenverkehr zu sehen ist.

Und dann macht er schlapp

Auf der Autobahn geht ihm bei einer Fahrt durch die Kasseler Berge sogar die Puste aus: Der serienmäßige Tempomat ist auf 160 km/h justiert, schafft es auf einem Anstieg aber nicht, die Geschwindigkeit zu halten. Das allerdings hat auch etwas Gutes, denn der Clio wird bei höheren Drehzahlen ganz schön laut - ein bisschen Entschleunigung, auch wenn sie unfreiwillig ist, tut den Ohren gut.

Dass der Wagen mit nur drei Zylindern kein Kraftpaket ist, muss man ihm nachsehen. Aber kann weniger Hubraum wenigstens beim Blick auf die Tankanzeige mehr Freude bereiten?

Hier ist die Antwort ein klares Ja. Bei zartem Umgang, also mit ganz behutsamem Druck aufs Gaspedal und frühen Gangwechseln, ließ sich der Durchschnittsverbrauch auf etwa sechs Liter pro 100 Kilometer drücken. Das ist einerseits zwar viel mehr als Renault in seinen Broschüren verspricht. Aber andererseits ein ordentlicher Wert für einen fünftürigen Kleinwagen mit Benzinmotor und 90 PS.

Es gibt eben keine Wundermittel in Sachen Verbrauchssenkung, auch das Downsizing-Konzept ist nur eine Verbesserung, keine Revolution. Und wenn das Motormanagement, wie beim Clio, so justiert ist, dass man zumindest im Stadtverkehr zügig vorankommen kann, dann hat das eben seinen Preis.

Der Clio tut allerdings sein Bestes, um über diese Erkenntnis hinwegzutrösten. Zum Beispiel ist er innen fast so schön wie außen. Die Armaturen sind mit Klavierlack überzogen, die Sitze bequem und sauber verarbeitet. Drehzahlmesser und Tankanzeige haben die Größe von Untertassen, dazwischen leuchtet grün die Anzeige des Digitaltachos.

Das ganze Interieur wirkt durchdacht und aufgeräumt: Keine überflüssigen Knöpfe auch auf der Mittelkonsole, weil sich das Infotainmentsystem über einen großen Touchscreen bedienen lässt.

Das Smartphone kann problemlos über einen USB-Anschluss oder via Bluetooth mit der Anlage verbunden werden, und im Gegensatz zu einigen In-Car-Systemen anderer Hersteller hat man dabei auch auf die Musiksammlung kabellos Zugriff.

Ein schönes Dilemma

Ein paar Kleinigkeiten nerven aber. Weil die Menüführung im Navigationssystem zum Beispiel verwirrend ist und die Programmierung der Radiosender furchtbar umständlich, tippt man öfter als gewollt auf dem Bildschirm rum. Außerdem reagiert die Start-Stopp-Automatik viel zu sensibel: Wenn man also an einer Ampel steht und der Motor sich ausschaltet, sollte man es nicht wagen, den Fuß auf das Kupplungspedal zu stellen - schon bei einer leichten Berührung springt die Zündung wieder an.

Ebenfalls nervig im Clio: die Mitfahrer. Ständig das Gemaule aus der zweiten Reihe, es wäre zu eng. Dabei fühlt man sich selbst als Fahrer ein bisschen eingeklemmt, weil die Türe aufdringlich nahe kommt, der Dachhimmel tief über dem Kopf hängt und die Rundumsicht von der breiten C-Säule versperrt wird. Von außen betrachtet hätte man dem Franzosen jedenfalls ein großzügigeres Platzangebot zugetraut.

Es mag paradox klingen, aber der stärkste Trumpf des neuen Clio - seine attraktive Karosserie - ist gleichzeitig auch sein größtes Dilemma. Denn früher sah dieses Auto langweilig aus und fuhr sich auch genau so. Nun wirkt er aber sportlich und ausgewachsen - und weckt damit einige Erwartungen, die er letztendlich nicht erfüllt.