Getunte Geländewagen: Wale auf Speed - DER SPIEGEL
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Getunte Geländewagen: Allradler im Muscle-Shirt

Foto: Tom Grünweg

Getunte Geländewagen Wale auf Speed

Allein mit aufgemotzten Kompaktwagen wie VW Golf oder Opel Astra ist als Tuner kein Staat mehr zu machen, mittlerweile fragen vor allem Geländewagen-Besitzer nach Leistungssteigerung. SPIEGEL ONLINE war mit drei Offroad-Muskelpaketen unterwegs.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Statistik ist eindeutig: SUV-Käufer bevorzugen Dieselmotoren. Als Faustregel für den deutschen Markt gilt: Je größer der SUV, desto größer der Selbstzünder-Anteil. Bis zu den Werkstunern wie AMG, M oder Quattro GmbH hat sich dieser Trend allerdings noch nicht herum gesprochen. Dort werden die Benziner aufgebrezelt - weil die Kundschaft vorrangig in Benziner-Märkten wie den USA, Russland, China oder Nahost zu Hause ist.

So ist der Weg frei für die unabhängigen Tuner. "Leistungssteigerungen für Dieselmodelle sind extrem populär", sagt Abt-Sprecher Florian Büngener, "und besonders gilt das für Geländewagen." Das Kemptener Unternehmen verkauft immer häufiger Scharfmacher für Modelle wie VW Tiguan und Touareg oder Audi Q5 und Q7. Bei Konkurrenten wie dem BMW-Veredler Hartge in Beckingen oder Mercedes-Tuner Brabus in Bottrop sieht es ähnlich aus.

Jüngster Kraftakt von Abt ist der Audi Q5 3.0 TDI, dessen Leistung mit einem neuen Steuerchip um 20 Prozent gesteigert wurde. Statt 240 leistet der V6-Diesel jetzt 282 PS - sogar 310 PS sind möglich, wenn er Kunde es wünscht. Doch es reicht schon das normal getunte Modell: Beim Spurt auf Tempo 100 vergehen lediglich 6 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 232 km/h (Werte des Serienmodells: 6,5 Sekunden, 225 km/h). Beim Verbrauchswert allerdings sind beide Autos identisch. Die neue Motorsteuerung kostet übrigens rund 2200 Euro.

Keinerlei Mehrverbrauch verspricht auch BMW-Tuner Hartge beim aufgemotzten X6. Statt auf 285 PS wie der 3-Liter-Diesel des Serienmodells aus München, kommt die vom Saarländer Tuner behandelte Maschine auf 328 PS, wobei der Preis für die Kraftkur bei rund 1700 Euro liegt. Die Extra-Muckis machen sich ebenso eindrucks- wie geräuschvoll vor allem beim Beschleunigen bemerkbar. In 5,9 Sekunden stürmt der X6 von Hartge auf 100 km/h und dann geht es druckvoll weiter bis Tempo 246.

Dritter in diesem Bunde der gedopten Diesel-SUV ist der Mercedes GLK mit dem Leistungskit D6 von Brabus. Nach Plug & Play-Manier binnen 30 Minuten installiert, holt die neue Motorelektronik für knapp 1800 Euro aus dem 3-Liter-V6-Diesel ein Leistungsplus von rund 20 Prozent.

Im vollen Tuning-Wichs wir der Preis knapp sechsstellig

Statt 224 stehen dann 272 PS in den Papieren. Entsprechend mehr Punch hat der kantige Typ beim Ampelsprint: Während der Diesel fast schon zu Fauchen beginnt, prescht der Wagen in 6,9 Sekunden auf Tempo 100. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 228 km/h.

Das klingt heutzutage nach nichts Besonderem mehr, doch eigentlich haben SUVs mit Stirnflächen in der Größenordnung von Lieferwagen in diesen Geschwindigkeitsbereichen nichts zu suchen. Offenbar macht aber gerade das Paradox solcher Autos ihren Reiz aus.

"Viele Kunden beschränken sich beim Tuning auf die Leistungssteigerung und erfreuen sich dann an den überraschten Gesichtern, wenn sie den optisch identischen Werksmodellen davon fahren", sagt Hartge-Sprecher Gilles Petit. So einfach also ticken manche SUV-Kunden. Wer allerdings Wert auf einen protzigen Auftritt legt, findet bei den Tunern auch für die Geländewagen aufwändige Bodykits und gewaltige Radsätze.

Beispielhaft zeigt das der BMX X6 von Hartge. "So tiefgreifend wie bei diesem Auto haben wir die Karosserie noch nie modifiziert", sagt Petit. Dabei heraus gekommen sind eine Frontschürze mit eklatanen Lufteinlässen, fette Kotflügelverbreiterungen sowie ein riesiger Diffusor am Heck. Wer Derartiges mag, kann den Preis - falls auch ein neues Interieur, ein tiefer gelegtes Sportfahrwerk und ein Satz 22-Zoll-Räder geordert wird - locker auf knapp 100.000 Euro treiben.

Die gleichen Register ziehen freilich auch Abt und Brabus. Der Audi Q5 wird mit neuen Schürzen und Spoilern, Tieferlegung und 20-Zoll-Rädern deshalb schnell zum 70.000-Euro-Auto und der Mercedes GLK, wenn er in der Brabus-Variante Wide Star gestellt wird, kostet rund 90.000 Euro. Der Name rührt von den beänstigend weit ausgestellten Radhäusern her.

Getunter Motor - wie steht es dann mit den Garantieleistungen?

Einerseits profitieren die Hersteller davon, wenn Tuner ihre Serienmodelle für einen Teil der Kundschaft begehrenswerter machen; andererseits betonen sie stets, das Serienauto sei bereits das Nonplusultra an Leistungsentfaltung und Individualisierung. Daher wird von offizieller Herstellerseite gerne betont, wie hoch die Belastung für Motor, Getriebe und Fahrwerk bei einer Leistungssteigerung seien.

En passant wird dann auch auf das Garantierisiko hingewiesen, das der Kunde mit dem Eingriff in Fahrzeugtechnik auf sich nehme. Denn sobald fremde Teile im Motorraum stecken, erlischt die Gewährleistungspflicht der Hersteller und die Kulanz der Kundenbetreuer in München, Stuttgart oder Ingolstadt geht dann durchaus gen Null. "Davon muss sich kein Kunde abschrecken lassen", kontert Abt-Sprecher Florian Büngener. "Alle Lücken werden von seriösen Tunern geschlossen: Wir übernehmen die Garantie analog zum Werk."