Auto-Elektronik: Extra-PS zum Runterladen? - DER SPIEGEL
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Auto-Elektronik Extra-PS zum Runterladen?

Der Fortschritt in der Automobilentwicklung spielt sich zu mindestens 80 Prozent im Bereich der Elektronik ab. Vor allem durch das Einbeziehen des satellitengestützten Global Positioning System (GPS) entstehen neue Varianten der Auto-Konfiguration.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Für Vielfahrer ist ein Navigationssystem praktisch. Ein paar Eingaben, und schon ermittelt die Software mit Hilfe von Satellitensignalen auf Wunsch den schnellsten, kürzesten oder schönsten Weg vom gegenwärtigen Standort zum Ziel. Das ist der Normalfall, doch die Informationen über den Standort eines Fahrzeugs können auch ganz anders genutzt werden. In den USA zum Beispiel können viele Transportunternehmen jederzeit ihre Lkw lokalisieren. Nun etablieren sich weitere Systeme, mit denen die Fahrzeuge, sobald sie die vorgesehene Route verlassen, gestoppt werden können. Per drahtlos übertragenem Computerbefehl lässt sich beispielsweise der Motor abwürgen, die Hupe aktivieren oder es können die Türen verriegelt werden. Ein vermeintlicher Dieb säße in der Autofalle.

Bei Transportunternehmen hier zu Lande ist es inzwischen ebenfalls üblich, Fahrzeuge in bestimmten Fällen per GPS zu überwachen. Ein Branchenkenner: "Für Zigarettentransporte nach Osteuropa sind ganz bestimmte Korridore für die Fahrtrouten festgelegt. Sobald ein Lkw diesen Korridor verlässt, wird Alarm in der Zentrale ausgelöst." Mit Hilfe der GPS-Informationen können dann Polizisten zum mutmaßlich gestohlenen Fahrzeug gelotst werden, sofern es weiterhin über GPS geortet werden kann.

Die Überwachungsszenarien lassen sich - zumindest in der Phantasie - beinahe beliebig variieren. So könnte etwa ein Auto (zum Beispiel für einen Fahranfänger), nur in einem bestimmten Entfernungsbereich oder nur bis zu einer festgelegten Höchstgeschwindigkeit "freigegeben" werden. Technisch ist dies längst möglich, aus praktischen, juristischen und moralischen Bedenken jedoch kommen solche Hemmnisse bislang nicht zum Einsatz.

Wie sieht es mit dem Datenschutz aus? Wie hoch ist das Unfallrisiko, wenn der Motor eines Autos plötzlich stoppt, sobald es eine virtuelle Grenze überfährt? Was geschieht, wenn es aus Sicherheitsgründen nötig wäre, kurzzeitig schnell zu fahren oder auf eine bestimmte Strecke außerhalb des definierten Bereichs auszuweichen, und das nicht möglich ist? Wie sieht es eigentlich mit dem Versicherungsschutz aus? Und was, wenn Unbefugte in die Pkw-Steuersysteme eindringen können und zum Beispiel die Daten des ABS-Systems manipulieren können? Es sind solche Fragen, die derzeit von Technikern und Verkehrsexperten diskutiert werden. Die Antwort fällt bislang einhellig aus: Noch ist nicht absehbar, dass ein Hersteller derart sensible Daten für ein Auto zur drahtlosen Übermittlung bereitstellt.

Gleichzeitig entstehen neue Ideen, was sich mit solchen Eingriffen in die Fahrzeugelektronik alles realisieren ließe. Es wäre doch praktisch, wenn sich für die Urlaubsfahrt mit dem Wohnwagen im Schlepp die Motorelektronik für drei Wochen so programmieren ließe, dass die Maschine 15 PS mehr leistet. Vor allem für Transportunternehmen würden Motor-Manipulationen ein enormes Sparpotenzial erschließen. Ein Lkw könnte weitaus Kraftstoff sparender und damit billiger genutzt werden, wenn er bei Leerfahrten mit einer vergleichsweise bescheidenen Standard-Motorleistung bestückt wäre, und dafür bei voller Zuladung und auf bergigen Autobahnen - und nur dann - durch eine Umstellung der Motorelektronik Extra-PS abrufen könnte. Schon gibt es Überlegungen, wie die Hersteller mit Service-Dienstleistungen dieser Art eine neue Einnahmequelle erschließen könnten. Nach dem Motto: Zehn PS mehr kosten pro Tag 15 Euro. Die technischen Grundlagen jedenfalls sind gelegt.

Beim Verband der deutschen Automobilindustrie (VDA) befassen sich gleich mehrere Gremien mit der Möglichkeit, "über drahtlose Verbindungen in die Elektronik eines Autos einzugreifen und kurzfristig Änderungen vorzunehmen". Grundsätzlich gelte, so teilt der VDA mit: "Die Autonomie des Fahrers muss gewahrt bleiben, das heißt, er trägt die Verantwortung für sein Fahrzeug im Verkehr und muss dazu auch in der Lage sein. Es darf nicht zu unabgestimmten Eingriffen von außen kommen." Und was die auch zeitlich begrenzte Änderungen von Motoreigenschaften betreffe, so führe dies nach geltendem Recht zum Erlöschen der Betriebserlaubnis.