Weinkunde »Geologische Aromen werden herbeigeredet«
Rebstöcke auf Basalterde in Ungarn
Foto:Privat
Herr Maltman, Leute vom Fach sprechen oft von mineralischen Weinen. Was sagen Sie als Geologe und Weinexperte, wenn Sie das hören?
Neulich las ich in einem bekannten Weinmagazin, man könne die unterschiedlichen Kalkböden von Weinen aus Saint Emilion schmecken. Dabei schmeckt Kalk nach nichts. Darum sage ich: Geologische Aromen werden herbeigeredet oder herbeigeschrieben. Es gibt sie schlicht nicht.
Aber was, wenn erfahrene Sommeliers, Winzer oder Önologen genau das schmecken?
Jeder Mensch schmeckt anders. Wer einen Wein als kühl, hart oder rau empfindet, mag das mineralisch nennen – ich würde das niemandem ausreden. Aber das ist eine Metapher, es sagt nichts über den tatsächlichen Zusammenhang zwischen einem Wein und dem Boden, in dem er gewachsen ist. Sagt man, ein Wein schmecke zitrisch, ist ja auch jedem bewusst, dass er keine Zitronen enthält. Diese Unterscheidung vermisse ich, wenn von der Mineralität bei Weinen geredet wird.
Wenn mineralische Vergleiche als Metapher okay sind, wäre der Satz »Moselwein schmeckt wie Schiefer« aber kein Unsinn?
Man könnte das sagen – aber was bringt das? Haben Sie schon mal an einem Stück Schiefer geleckt? Schiefer besteht hauptsächlich aus Silikatmineralien. Die haben weder Geruch noch Geschmack. Was wir stattdessen wahrnehmen, können Aromen von Flechten oder Pilzen sein, Salze oder Einschlüsse wie Eisen oder Schwefel. Die Beschreibung von nassem Stein ist ein gutes Beispiel, denn was wir riechen, ist die organische Substanz auf dem Stein, nicht der Stein selbst.
Schmeckt wie … Litauen
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Ernähren sich Reben nicht doch irgendwie aus dem Boden?
Pflanzen ernähren sich, angetrieben durch Licht, vom Kohlenstoff, den sie aus Luft und Wasser ziehen. Dabei können die Wurzeln auch geringe Mengen an Nährstoffen aus dem Boden aufnehmen – meist aus dem Humus. Unlösliches, anorganisches Gesteinsmaterial spielt dabei keine Rolle. Die Behauptung, ein Wein rieche oder schmecke nach Steinen, widerspricht dem Stand der Wissenschaft.
Also felsenfester Quatsch?
Wenn Steine im Wein wären – was sie nicht sind –, müssten sie als ungelöste Partikel im Glas herumschwimmen.
Die menschliche Fantasie wird zur Zutat im Geschmacksprofil?
Unsere Vorstellungskraft spielt eine große Rolle und übertrifft nicht selten die Natur.
Angeblich verursachen Vulkanböden rauchige Aromen im Wein. Mineralischer Bullshit?
Ich mag das Wort Bullshit nicht. Treffender wäre hier Naivität. Denn bloß weil vor Tausenden Jahren ein Vulkan aktiv war, schmeckt kein Wein danach. Rauch erinnert die Menschen an Holzrauch, wie beim Grillen. Der Rauch eines Vulkans besteht aber aus feiner, geruchloser Vulkanasche und aus unangenehmen schwefelhaltigen Gasen. Da Schwefel in der Weinbereitung ohnehin fast immer eingesetzt wird, vermute ich den Ursprung des vermeintlich vulkanischen Aromas dort.
Das klingt alles, als wollten Sie sich mit dem gesamten Wein-Establishment anlegen.
Als Geologe will ich offen sagen dürfen, dass »Mineralität« in der Weinsprache ein Begriff ohne Substanz ist. Die geologischen und tektonischen Gegebenheiten einer Region mögen für Geologen spannend sein – aber was bedeuten sie für Weintrinker? So eindrucksvoll die Begriffe meiner Wissenschaft klingen, im Zusammenhang mit Wein werden sie oft als Blendwerk eingesetzt.
Zu welchem Zweck?
Granit, Basalt, Schiefer, Kalk, Löss, Vulkanisches – all das hat eine gewisse Magie. Ich denke, damit soll der Ursprung eines Weins romantisiert und eine einzigartige Bindung zur Herkunft suggeriert werden. Man liest und hört das überall dort, wo sich Weinregionen als hochwertig darstellen und wo sich Erzeuger von industriellen Abfüllern abgrenzen. Doch gerade sie müssten wissen: Terroir und Weinbereitung sind viel zu komplex, um den Weingeschmack auf einen Boden oder Gesteinstyp zurückzuführen.
Weinstöcke auf eisenreichem Lehmboden: »Einzigartige Bindung zur Herkunft suggeriert«
Foto: PrivatAber wie erklären Sie dann, dass Weine aus derselben Rebsorte je nach Boden, zum Beispiel Schiefer oder Kalk, unterschiedlich schmecken?
Soweit ich weiß, wurde noch nie empirisch nachgewiesen, dass solche Unterschiede direkt vom Boden herrühren. Für mich gehört das ins Reich der Illusion und des Glaubens.
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Welche Rolle spielt der Boden überhaupt für den Geschmack von Wein?
Der größte Beitrag zur Charakteristik – und damit indirekt zum Geschmack – ist die Wasserversorgung. Es geht darum, wie gut ein Boden Wasser speichert und ableitet. Wenn sich Böden unterscheiden, unterscheiden sich meist auch viele andere Faktoren: die Mikroorganismen im Boden, die Intensität und Wellenlänge der UV-Strahlung, tägliche und jahreszeitliche Temperaturschwankungen – in der Luft, auf der Oberfläche und an den Wurzeln. All das beeinflusst die Reifung der Trauben und die Bildung von Aromavorstufen. Die Versuchung, den Boden isoliert zu betrachten, ist groß – weil man ihn sehen und anfassen kann. Und weil es einfach gut klingt.