Berühmte Kopien: Das hab ich doch schon mal gesehen!
Geklaute Filmszenen Vollkommen nachgedreht!
Dieses von Wut und Wahnsinn verzerrte Gesicht. Wie er mit den Fäusten an die verschlossene Tür schlägt, am Knauf rüttelt. Seine Frau, die auf der anderen Seite um ihr Leben bangt, nackte Angst in ihren Augen. Und dann der Moment, der sich Millionen Kinobesuchern ins Gedächtnis gebrannt hat: Wie der Irre sich die Axt greift, weit ausholt, Hieb um Hieb ein Loch in die massive Holztür schlägt und schließlich mit wildem Blick durch die zersplitterte Öffnung stiert.
Die Axtszene aus "Shining" mit Jack Nicholson ist eine der bekanntesten Sequenzen der Kinogeschichte. Wer Stanley Kubricks Film gesehen hat, kriegt diese Bilder nie mehr aus dem Kopf. Dem Meisterregisseur muss es genau so gegangen sein - als er den Stummfilm sah, aus dem er die Szene vermutlich geborgt hat.
"Der Fuhrmann des Todes" ist so etwas wie das "Shining" der zwanziger Jahre. Der Horrorfilm von 1921 war damals zwar kein sonderlicher Erfolg an den Kinokassen. Doch mit seinen intensiven Bildern, einer komplexen Erzählstruktur voller Rückblenden und seiner stilprägenden Tricktechnik wurde das Werk des Schweden Victor Sjöström zu einem Klassiker unter Kinokennern und Filmemachern. Sein Landsmann Ingmar Bergmann etwa sagte einmal, er habe "Der Fuhrmann des Todes" das erste Mal mit 15 gesehen und von da an mindestens einmal pro Jahr.
Film: genial! Story: geklaut
Auch wenn Kubrick nie erwähnte, dass Sjöströms Film ihn inspiriert hat, gleicht seine Version dem mutmaßlichen Vorbild sogar bis in einige Schnittfolgen. Sjöström hätte das sicher nicht gestört - denn er selbst hatte sich die Idee zu der Szene sehr wahrscheinlich von einem anderen Regiestar der Stummfilmzeit ausgeliehen. 1919 hatte D.W. Griffith in seinem Film "Broken Blossoms" einen Mann gezeigt, der versuchte, mit einer Axt die Tür zu einem Zimmer einzuschlagen, in dem sich eine verängstigte Frau vor ihm in Sicherheit gebracht hatte. Und niemand kann behaupten, dass ein visionärer Regisseur wie Sjöström freiwillig den neuesten Geniestreich des Chef-Filminnovators Griffith verpasst hätte.
Die Filmgeschichte ist voll von Zitaten - und alle ehren ihre Vorlagen. Egal, ob es sich bei den Originalen nun um einen längst vergessenen Stummfilm, einen unerreichbaren Klassiker oder ein obskures B-Movie handelt. Natürlich sind manche wunderbare Hommagen und andere nur ein mieser Abklatsch. Doch bei jeder zitierten Kameraeinstellung, jeder nachgedrehten Szene und jedem ausgeliehenen Filmplot muss man sich einen Regisseur vorstellen, der einen Film gesehen hat und dachte: genial!
Das dachte auch der italienische Regisseur Sergio Leone, als er in den sechziger Jahren einen Brief von seinem großen Idol Akira Kurosawa erhielt. Der japanische Regisseur hatte ihm einen Glückwunsch zu seinem Western "Für eine Handvoll Dollar" zukommen lassen. Stolz wie ein Kind zeigte Leone den Brief überall herum. Dabei war der Inhalt eigentlich wenig schmeichelhaft. "Sie haben einen sehr schönen Film gemacht", hatte Kurosawa seinem Kollegen geschrieben, "aber es ist mein Film."
Berühmte Kopien: Das hab ich doch schon mal gesehen!
Tatsächlich glich der Plot von "Für eine Handvoll Dollar" Kurosawas Samuraigeschichte "Yojimbo - Der Leibwächter". In beiden Filmen streiten sich zwei rivalisierende Gruppen um die Vorherrschaft in einem kleinen Ort. Dann kommt ein Fremder, der beiden seine Dienste anbietet und sie schließlich gegeneinander aufhetzt, so dass sich die beiden Parteien am Ende gegenseitig aus dem Weg räumen.
George Lucas, der Meisterdieb
Diese Story hätte Leone allerdings auch aus Dashiell Hammets Roman "Rote Ernte" haben können, aus dem Kurosawa selbst die Idee für seinen Film hatte. Oder von dem venezianischen Stückeschreiber Carlo Goldoni, der für sein Stück "Der Diener zweier Herren" bereits 1745 auf denselben Plot gekommen war. Doch Kurosawa-Fan Leone hatte sich offenbar so sehr in "Yojimbo" verguckt, dass er dem Film auch in vielen Details treu blieb. So viele, dass Kurosawa am Ende einen Prozess gewann, der ihm an "Für eine Handvoll Dollar" gleich einige Sackvoll Dollar einbrachte: 15 Prozent der weltweiten Einnahmen sowie die Vertriebsrechte für Japan, Taiwan und Südkorea. Am Ende verdiente Kurosawa an der Kopie mehr als an seinem Original.
Szenenklau-Detektive auf YouTube:
Im Netz tümmeln sich diverse Filmfans, die Filmszenenvergleiche zusammenschneiden. Die kurzen Filme zeigen etwa eine Gegenüberstellung der Axtszenen aus "Shining" und "Der Fuhrmann des Todes" , vergleichen die Geschichten von "Reservoir Dogs" und "City On Fire" oder zeigen, wie Disney sich selbst kopiert.
Trotz der Entscheidung des Gerichts ist "Für eine Handvoll Dollar" natürlich weit mehr als ein schnödes Plagiat. Nicht umsonst gilt Leones Western nicht nur als Revolution, sondern als Rettung des Genres. Denn damals verlor das Publikum merklich das Interesse daran, weitgehend ungebrochenen, strahlenden Helden dabei zuzusehen, wie sie auf Pferden Schurken nachjagten. Leone führte mit "Für eine Handvoll Dollar" nicht nur den charismatischen Antihelden ein, sondern veränderte mit seinem visuellen Still - extremen Nahaufnahmen neben lang gedehnten Panorama-Shots - auch den Look der Filme.
Dass jedes Meisterwerk mehr ist als die Summe seiner Teile, musste Gus Van Sant erkennen, als er ein Remake von "Psycho" drehte. In seinem waghalsigen Filmexperiment kopierte der Regisseur Hitchcocks Überthriller nahezu Szene für Szene und Einstellung für Einstellung - und scheiterte kläglich. Er reproduzierte zwar die Bilder, aber nicht die Aura des Originals.
Andersherum gibt es einige Regisseure, die sich wie Kinder im Bonbonladen mit leuchtenden Augen an der Filmgeschichte bedienen und aus den Versatzstücken mit meisterlicher Hand neues komponieren. George Lucas etwa verwendete für seinen ersten "Star Wars"-Film mit gigantischem Geschick Szenen und Kniffe von verschiedensten Vorbildern. Oder auch der Kinofreak Quentin Tarantino, der geradezu einen Sport daraus gemacht hat, so viele Zitate wie möglich in seine Filme zu pressen.
Welche Filme in "Star Wars - Eine neue Hoffnung" stecken, warum Roland Emmerichs "Godzilla" eigentlich das Remake eines ganz anderen Films ist und wie Quentin Tarantino es mit seiner Zitierwut einmal zu weit getrieben hat, sehen Sie in der einestages-Bildergalerie.