Kinderspiele in der Nachkriegszeit: Von Knallpistolen, Karbidbomben und Schleuderbüchsen
Kinderspiele in der Nachkriegszeit Von Knallpistolen, Karbidbomben und Schleuderbüchsen
Nach der Rückkehr aus der Evakuierung ins zerstörte Nachkriegs-Bochum passten sich die Spiele und Freizeitbeschäftigungen von uns Kindern den veränderten Lebensumständen an. Hatten wir im beschaulichen Pommern noch hauptsächlich Verstecken bzw. "Räuber-und-Schanditz" in freier Natur gespielt, lockte uns jetzt die Erkundung der Spuren, die der Krieg hinterlassen hatte.
Eine zeitgemäße Variante des Suchspiels bestand darin, dass wir uns in die noch zugänglichen Bunker schlichen. Einer ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Der unter der Bochumer Drusenbergschule, wo wir in den unterirdischen Gängen den Überraschungseffekt mit Knallkorkenpistole und plötzlich eingeschalteter Taschenlampe noch erhöhten. Oder wir spielten "Erobern". Das bedeutete, wir teilten uns in zwei Gruppen und mussten die jeweils gegenüberliegende Häuserruine einnehmen. Um die "feindlichen Truppen" in die Flucht zu schlagen, warfen wir dicke Wackersteine aus dem obersten Stockwerk. Gott sei Dank wurde nie jemand ernsthaft verletzt. Vieles, was wir taten, war lebensgefährlich.
Zündeln mit Munitionsresten
Heute hört es sich abenteuerlich an: An den vormaligen Flakstellungen, an denen wir spielten, lagen häufig Munitionsreste herum. Mit denen experimentierten wir. Für ein Feuerchen waren sie allemal gut, gab es doch dabei mächtig Zunder. Außerdem sammelten wir leidenschaftlich gern dort herumliegende Bomben- und Granatsplitter. Mein Bruder Karl und ich trugen eine stattliche Sammlung zusammen, sie waren wertvolle Tauschobjekte.
Zur zeitgemäßen Ausstattung eines jeden Kindes gehörte damals eine selbstgemachte Knallbüchse. Zur Herstellung schnitten wir uns von einem kräftigen Holunderstrauch einen etwa 20 Zentimeter langen Zweig ab - natürlich mit unserem in der Lederhose sitzende Bowimesser. Wir höhlten das Mark aus, bastelten uns einen passenden Stößel (mit Knauf) aus härterem Holz in gleicher Länge und pressten als Geschoss an ein Ende eine Eichel, die wir vorher mit den Zähnen halbiert hatten.
Durch einen Schlag auf den Knauf schoss dann die Eichelhälfte in die Luft. Damit der Stößel richtig passte, musste er vorne in Pinselform gebracht werden, dazu schlug man den Zweig am Boden auf und bearbeitete ihn zusätzlich mit Spucke.
Manche Spielkameraden hatten Väter, die in einer Dreherei beschäftigt waren, in Bochum waren das damals Firmen wie Mönninghoff und Jahnel. Die besaßen oft "Spezialanfertigungen" aus soliderem Holz, die auf der Drehbank entstanden waren und über einen maßgerechten Stößel und Stößelführungskanal verfügten. Die mit dieser Büchse erzielte Wirkung war natürlich erheblich besser als die der Marke Eigenbau. Und wer eine solche besaß, war entsprechend stolz.
Hauptsache, es knallt!
Die Verwendung von in Knallpistolen eingesetzten Zündplättchen wurde von uns sozusagen technologisch erweitert. Wir stopften die Plättchen in einen Hohlschlüssel, in den dann ein an einer Schnur befestigter Nagel eingeschlagen wurde, das führte dann zum entsprechenden Knall. Das war bei allem fast das Wichtigste: Es musste ordentlich laut sein. Beliebt war daher auch, Karbid und Wasser in einem geschlossenen Behälter zu mischen, am besten in einer Mülltonne. Diese machte sich dann zu unserer Belustigung explosionsartig mit fliegendem Deckel Luft.
Die Schleuderbüchse war eine weitere Erfindung jener improvisationsfreudigen Jahre. Zu ihrer Herstellung benötigte man lediglich eine Konservenbüchse, durchlöcherte sie mit einem Nagel, setzte in der Büchse Holz, Kohle und Teerpappe in Brand und schleuderte das qualmende Gefäß an einer Metallschnur um sich herum. Besonders schön anzusehen war das Büchsenschleudern natürlich während der Abendstunden. Vor dem Nachhausegehen schleuderten wir die Büchse mit dem restlichen glühenden Inhalt hoch in die Luft und ließen sie auf den Boden fallen. "Ülma" nannten wir das.
Das harmloseste Spiel, an das ich mich erinnere, war das sogenannte Schabbeln. Wir warfen Geldstücke in Richtung Bordsteinkante und derjenige, der sein Geldstück am nächsten am "Abgrund" platzieren konnte, hatte gewonnen.
Diese zu den rauen Nachkriegsjahren passenden Spiele verschwanden Anfang der fünfziger Jahre mit dem Abtragen der Ruinen, dem aufkommenden Verkehr, der uns Kinder mehr oder weniger von der Straße vertrieb, und dem steigenden Wohlstand. Für die betreffende Generation allerdings waren diese Jahre prägend und ein wesentlicher Bestandteil ihrer Entwicklung.