Angela Merkels Verletzung Das passiert beim Bruch des Beckenrings
Beckenring: Operation im Fall Merkel nicht notwendig
Foto: SPIEGEL ONLINENachdem sich Angela Merkel im Skiurlaub in der Schweiz beim Langlauf verletzt hat, haben Ärzte einen Bruch des Beckenrings auf der linken Seite festgestellt. Merkel selbst sei zunächst lediglich von einer Prellung ausgegangen, sagte ihr Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin.
Seibert ergänzte, die Kanzlerin müsse in den nächsten drei Wochen mehrere Termine und Reisen absagen. Jetzt folge sie dem Rat der Ärzte, um eine optimale Heilung zu ermöglichen. Merkel müsse deswegen möglichst viel liegen, könne nicht fliegen und benötige vorerst eine Gehhilfe.
Wo genau hat sich Merkel verletzt? Wie werden solche Brüche behandelt? Die Antworten im Überblick.
Welche Verletzung hat Angela Merkel?
Regierungssprecher Seibert sagte, es handele sich um eine "schwere Prellung verbunden mit einem unvollständigen Bruch im linken hinteren Beckenring." Damit liegt die Fraktur im sogenannten Os ileum, dem Darmbein. Die Bruchlinien können an den unterschiedlichsten Stellen liegen, häufig sind sie zwischen Darmbein und Kreuzbein lokalisiert. "Die wichtigste Aussage ist, dass es ein unvollständiger Bruch ist", erklärt Wolfgang Rüther, Direktor der Klinik für Orthopädie der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. "Darunter verstehe ich, dass nur Teile des Knochens betroffen sind, andere Teile aber die Stabilität erhalten." Eine Operation sei in diesem Fall nicht notwendig.
Was ist der Beckenring?
Der Beckengürtel oder Beckenring ist ein ringförmiger Zusammenschluss aus Knochen, der Beine und Rumpf miteinander verbindet und eine Art Schüssel bildet. Er stützt die Wirbelsäule und die in der Schüssel liegenden Beckenorgane, zu denen unter anderem die Blase gehört. Der Ring setzt sich aus fünf verschiedenen Knochen zusammen: Hinten mittig liegen Kreuzbein und Steißbein, die das Ende der Wirbelsäule bilden. An sie schließen zu beiden Seiten die Darmbeine an, bei denen sich Angela Merkel auf der linken Körperseite den Bruch zugezogen hat. Sie bilden die Rückseite der Schüssel. Auf sie folgen rechts und links erst die Sitzbeine und schließlich die Schambeine, die an der Vorderseite des Beckens wieder aufeinandertreffen.
Wie schmerzhaft ist die Verletzung?
Eine Beckenfraktur ist sehr schmerzhaft, vor allem die begleitenden Prellungen und Blutergüsse tun weh. Weil neben den Beckenknochen nur Weichteile eine Begrenzung bieten, können hier große Hämatome entstehen. "Wenn man den Knochen belastet, wird es heftig", sagt Orthopäde Rüther zu SPIEGEL ONLINE.
Wie sieht die Therapie aus?
Ein stabiler, unvollständiger Bruch des hinteren Beckens verheilt von allein. Die Prellungen und Blutergüsse werden gekühlt, die betroffene Seite entlastet. Eine Operation ist nicht sinnvoll, wenn die Stabilität erhalten ist. "Zusätzlich helfen Schmerzmittel wie Diclofenac nicht nur gegen die Schmerzen, sondern wirken auch abschwellend", erklärt Rüther. Bis der Knochen wieder zusammengewachsen ist, sollte man Ruhe halten. "Es hilft nur abwarten", so Rüther.
Wie lange dauert der Heilungsprozess?
Ein stabiler Bruch am Becken heilt normalerweise innerhalb von sechs bis acht Wochen wieder ab. In dieser Zeit sollte eine Mobilisation unter Anleitung eines Physiotherapeuten stattfinden. "Ich hielte es aber nicht für ausgeschlossen, wenn sich Frau Merkel unter ärztlicher Kontrolle schon früher wieder belastet - vorausgesetzt, es handelt sich um eine stabile Fraktur", meint Wolfgang Rüther. "Ich könnte mir vorstellen, dass sie sich eine Zeitlang im Rollstuhl bewegt, um mobil zu sein aber gleichzeitig ihre Extremitäten weniger zu belasten. Aber das ist reine Spekulation."
Wie kann man sich beim Langlauf eine derart schwere Verletzung zuziehen?
"Salopp ausgedrückt ist so ein Unfall nichts anderes als das sprichwörtliche Ausrutschen auf einer Bananenschale", sagt Bertil Bouillon, Direktor der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sporttraumatologie in Köln-Merheim. Auch beim Langlauf kann man schlicht unglücklich ausrutschen und sich beim Fall auf das Becken einen Bruch zuziehen.
Am häufigsten verletzen sich Langläufer an Armen oder Händen - jeder zweite Unfall falle in diese Kategorie, sagt Bouillon. Dazu zählen Brüche im Handgelenk oder der "Skidaumen", wenn jemand bei einem Sturz an den Stöcken hängengeblieben ist. Mit 30 Prozent am zweithäufigsten sind Verletzungen an Beinen und Füßen, etwa durch Umknicken. Auch Knieverletzungen können Langläufer plagen. 15 Prozent kommen - wie nun Angela Merkel - mit Rumpfverletzungen zum Arzt. Kopfverletzungen sind eher selten, sie machten fünf Prozent der Fälle aus. Insgesamt ist Langlauf jedoch alles andere als eine Risikosportart.