Physiotherapie studieren: Behandlung nach Plan B - DER SPIEGEL
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Physiotherapie ohne Verordnung Behandlung nach Plan B

Mit dem Rückenleiden direkt zum Physiotherapeuten? Auf Kosten der Krankenkassen geht das in Deutschland nicht. Das muss sich ändern, fordern Experten - zum Wohl der Patienten.
Physiotherapeut bei der Arbeit
Physiotherapeut bei der Arbeit

Physiotherapeut bei der Arbeit

Foto: Wolfgang Kumm/ picture alliance / dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer Rückenschmerzen hat und therapeutische Hilfe braucht, muss zuerst zum Orthopäden. Nach einiger Wartezeit auf einen Termin bekommt er dort vielleicht eine Spritze gegen die Schmerzen und eine Verordnung für Physiotherapie, standardmäßig sechs Sitzungen à 20 Minuten.

Ist das sinnvoll? Hätte der Physiotherapeut ähnlich entschieden? Wären andere Maßnahmen hilfreicher? Der Umweg über den Arzt ist oft nicht nur zeitraubend, er ist für Patienten mitunter auch nicht der beste. Dabei könnte es eine Alternative geben: So wie in den Niederlanden oder in Schweden, wo Patienten direkt zu einem Physiotherapeuten gehen können.

Auch in Deutschland gibt es Vorstöße in diese Richtung. Die Union forderte kürzlich in einem Positionspapier (PDF) , die Stellung von Logopäden, Physio- und Ergotherapeuten zu verbessern. Das Ziel: Therapeuten sollen ohne ärztliche Vorgabe entscheiden können, welche Behandlung für ihre Patienten die richtige ist - und dafür auch mehr Geld bekommen. "Wenn der Arzt die Diagnose stellt und der Therapeut darauf aufbauend mit dem Patienten einen Therapieplan aufstellt, können Patienten mit einem schnelleren und nachhaltigeren Behandlungserfolg rechnen", sagt Roy Kühne, zuständiger Berichterstatter der Union und selbst Physiotherapeut. So sieht es auch ein nicht öffentlicher Referentenentwurf des Bundesgesundheitsministeriums vor.

Ein Studium für Logopäden ist international längst Standard

Das erfordert allerdings nicht nur ein Umdenken bei Krankenkassen und Ärzten, auch die Therapeuten müssen dafür entsprechend ausgebildet werden - durch Zusatzqualifikationen oder eine akademische Ausbildung. Ein Studium für Logopäden, Physio- und Ergotherapeuten ist international und in vielen europäischen Nachbarländern längst Standard.

Dort hat man erkannt, dass der demografische Wandel neue Herausforderungen an das Gesundheitssystem und die therapeutischen Gesundheitsfachberufe stellt, bei denen die bisherige Ausbildung an ihre Grenzen stößt. "Wir werden zukünftig mehr ältere, chronisch und mehrfach erkrankte Menschen haben", sagt Astrid Schämann, Leiterin des Instituts für Physiotherapie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. "Außerdem erfordern auch der medizinisch-wissenschaftliche Fortschritt und die Technologieentwicklung eine entsprechend angepasste Ausbildung."

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Seit zehn Jahren schon bieten Schweizer Hochschulen Studiengänge für die therapeutischen Gesundheitsfachberufe an. Mit Erfolg, wie Schämann sagt: "Wir haben reflektierende Praktiker." Was im Ausland längst die Regel ist, steht in Deutschland noch auf dem Prüfstand.

Zwar können seit 2010 Berufsanwärter Therapieberufe wie Logopädie, Physio- und Ergotherapie auch direkt studieren - ohne vorher eine Ausbildung machen zu müssen. Bisher ist das jedoch nur ein Modellversuch. Hochschulen und Verbände drängen darauf, dass daraus Regelstudiengänge werden, die die bisherige Ausbildung an den Berufsfachschulen ergänzen.

Noch in diesem Jahr soll und muss der Bundestag über diese Fragen entscheiden. Denn die Hochschulen müssen wissen, wie es weitergeht, und interessierte Schüler, welchen Bildungsweg sie ab 2017 einschlagen können - bis dahin sind die Modelle befristet.

"Unsere Studierenden können sich ihre Stellen aussuchen"

"Wir brauchen auf dem Arbeitsmarkt auch Therapeuten, die sich mit wissenschaftlichen Studien auseinandersetzen können und dadurch ihr eigenes Handeln kritisch hinterfragen", sagt Birgit Schulte-Frei, Dekanin des Fachbereichs Gesundheit und Soziales der Hochschule Fresenius. Das habe man im Ausland längst begriffen. "Wir hinken im internationalen Vergleich 10 bis 20 Jahre hinterher", so Schulte-Frei.

Die private Hochschule Fresenius war die erste bundesweit, die ein Studium in den Therapieberufen angeboten hat. Mittlerweile gibt es an deutschen Hochschulen etwa 110 Studiengänge. Die Absolventen seien gefragt, sagt Schulte-Frei: "Unsere Studierenden können sich ihre Stellen aussuchen."

Auch Susanne Klotz hatte nach ihrer Ausbildung als Physiotherapeutin das Gefühl, dass das Handwerkszeug aus der Ausbildung nicht ausreichte, um jedem Patienten gerecht zu werden. "Rückenschmerzen gehen nicht weg, indem ich einen Patienten dreimal massiere", sagt die 31-Jährige. Sie wollte Behandlungen hinterfragen, aktuelle Forschungsergebnisse im Blick haben und mit den Patienten Therapiepläne entwickeln. Sie entschloss sich, zu studieren und machte ihren Bachelor an der Hochschule Fulda. "Hätte es damals schon die Möglichkeit gegeben, direkt zu studieren, hätte ich es gemacht", sagt Klotz, die mittlerweile am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg arbeitet.

Der Physiotherapeutin, die auch Sprecherin des Bundesstudierendenrats im Deutschen Verband für Physiotherapie ist, liegt vor allem eines am Herzen: "Ich möchte mehr Coach sein und gemeinsam mit dem Patienten einen für seinen Alltag passenden Behandlungsplan entwickeln." Einen Plan etwa mit Anregungen für den Alltag am Schreibtisch oder als Umzugshelfer, der dem Rücken länger hilft, als sechs Massagesitzungen à 20 Minuten.

Zur Autorin
Foto: Tinka und Frank Dietz

Kristin Hüttmann ist Diplom-Biologin und arbeitet als freie Wissenschaftsjournalistin in Hamburg. Zu ihren Schwerpunkten zählen Themen aus Medizin, Biologie, Biotechnologie, Gentechnik, Stammzell- und Pharmaforschung.