Halbmarathon in Berlin: 21 Kilometer leiden - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Der Feind in meinem Körper

Anna Achilles wollte in Berlin Halbmarathon unter zwei Stunden laufen. Dafür trainierte sie monatelang. Doch am Morgen des Wettkampftags erlebt sie eine unangenehme Überraschung.
Anna Achilles (links) beim Halbmarathon in Berlin
Anna Achilles (links) beim Halbmarathon in Berlin

Anna Achilles (links) beim Halbmarathon in Berlin

Foto: Stuart McSpadden
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
ZUR PERSON
Foto: Christine Scholz

Jahrgang 1987 und Nichte von Achim Achilles. Für den Wunderläufer stellt sie aber keine Konkurrenz dar: Anna ist notorisch trainingsfaul und mindestens so untalentiert wie ihr Onkel. Sie lebt in München und macht zurzeit ein Volontariat beim Bayerischen Rundfunk.Facebookseite von Anna Achilles 

Wettkampftag, 7 Uhr

Beim Aufwachen spüre ich ein Ziehen im Bauch. Ich renne aufs Klo. Nein, bitte nicht. Ich möchte schreien, heulen, die Badezimmertür eintreten. Ich habe meine Tage bekommen. Früher als erwartet. Ausgerechnet heute, wo ich Großes vorhabe. Halbmarathon unter zwei Stunden. Monatelang habe ich mich ins Training gestürzt  für diesen einzigen Tag. Und jetzt kommen mir meine Hormone in die Quere?

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Mit Periode laufen fühlt sich an, als würde mir jemand mit dem Staubsauger den Schritt absaugen. Außerdem behaupten Studien, dass man während der Periode weniger leistungsstark sei. Erst zum Eisprung hin käme die Energie zurück. Und das ausgerechnet heute, wo ich jedes Körnchen an Kraft brauche.

Kurz vor dem Start

Nervös trete ich im Startblock von einem Bein aufs andere. Isa, meine Freundin, will beruhigen. "Du bist super trainiert, wir schaffen das trotzdem." 5 Minuten, 40 Sekunden pro Kilometer wollen wir laufen. Dann steht am Ende die 1:59h. Klingt so einfach. Klappt aber nur, wenn alles nach Plan läuft. Die Läufer um mich herum klatschen, machen Selfies, feiern sich. Ich dagegen zittere. Zünde einfach den inneren Kenianer in dir, würde mein Onkel Achim Achilles jetzt sagen. Bloß wo in diesem mitteleuropäisch-menstruierenden Körper soll sich der bitte versteckt haben?

Startschuss

Ich laufe über die Startmatte. Piepen. Der Signalton für: Ab jetzt musst du verdammt schnell sein. Die Zuschauer an der Strecke johlen. Ich lächle. Noch.

Noch 18 Kilometer

Isa und ich schlängeln uns an den anderen Läufern vorbei. Die Strecke ist fast so voll wie zu Stoßzeiten im Berufsverkehr. Unser Tempo fühlt sich gut an. Nur mich beunruhigt der leichte Druck auf meiner Blase. Wo kommt der her? Ich war doch erst kurz vor dem Start.

Noch 14 Kilometer

Das Tempo stimmt noch immer. Bloß meine Energiereserven rufen schon jetzt: "Bitte aufladen." Blase hält noch. Aber nur, weil ich mit eingekniffenem Beckenboden laufe.

Noch 12 Kilometer

Meine Blase, kurz vor der Explosion. Meine Gedanken, gefangen in einem Ping-Pong-Spiel. Wo ist das nächste Dixi? Soll ich wirklich anhalten? Dann schaffe ich die 1:59h niemals. Aber habe ich eine Wahl?

Noch 8 Kilometer

Dixi-Stopp.

Noch 6 Kilometer

Mir rennt die Zeit davon. Mein ganzer Körper ist schlaff wie ein Sack. Das hier ist kein Laufen mehr, sondern nur noch Leiden. "Anna, bleib bei mir", ruft Isa. Ein Krankenwagen fährt vorbei. Ist der für mich? Ich starre ihm hinterher. Und plötzlich ist Isa weg. Ich gucke nach links, nach rechts, hinter mich, vor mich. Aber da keuchen nur andere Läufer. Keine Isa. Ich möchte mich an den nächsten Straßenrand legen und weinen.

Noch 5 Kilometer

Wenige Meter vor mir erblicke ich drei bekannte Gesichter. Sie brüllen "Anna, Anna." Ist das eine Fata Morgana? Nein, es sind meine Freunde. Sie halten ein Plakat hoch. "You're too late." Du bist spät dran. Meine Freundin schaut besorgt. "Geht's dir gut?" Ich krächze unverständliche Laute, schleppe mich weiter. Die Zeit habe ich abgeschrieben. Es geht nur noch ums Überleben.

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Noch 1 Kilometer

Ein finales Aufbäumen, wie in Hollywood, wenn der Held kurz vor seinem Tod alles um sich herum niederwalzt. Ich spüre das Ziel. Ich sprinte zur Ziellinie. Ist das der innere Kenianer? Wenn ja, dann kommt er verdammt spät.

Ziel

Taumelnd falle ich einem Sanitäter in die Arme. Alles dreht sich. Ich finde mich im Notarztzelt wieder. Kreislaufkollaps. Ich bin am Ende. Körperlich. Mental.

Eine halbe Stunde später

Ich lebe wieder und google die offiziellen Rennergebnisse. Fühlt sich an wie in einem Thriller. Ich kann kaum hingucken. Dann sehe ich es: Zwei Stunden, vier Minuten, drei Sekunden. Ich möchte mich in Luft auflösen. Vergangenes Jahr war ich zu diesem Zeitpunkt vollgepumpt mit Endorphinen. Heute könnte ich einfach nur weinen. Monatelanges Training für nichts.

Foto: Stuart McSpadden

Eine Woche später

Ich spreche mit dem Sportmediziner, Jürgen Weineck. Ich will wissen, warum ich so versagt habe. Lag es wirklich an der Periode? Profi-Sportlerinnen reden sich ja auch nicht damit raus, wenn es mal nicht so lief. Aber Weineck widerspricht.

Hobbyläuferinnen würden bei einem Wettkampf viel mehr unter der Menstruation leiden als Profis. Im Gegensatz zu ihnen, die jeden Tag, den kompletten Zyklus hindurch, trainieren, seien Gesundheitssportlerinnen nicht daran gewohnt und würden deshalb Leistungseinbußen erleiden. Ich gelte jetzt also offiziell als Opfer meines Hormonzyklus. Ändern tut es trotzdem nichts. Die Zeit ist futsch.

Bleibt nur eine Lösung. Weiterlaufen. Dann bin ich nächstes Mal so gut trainiert, dass ich meinen Körper trotz schlechter Zyklusphase einfach überliste.