Mont Ventoux: Achim Achilles will den Teufelsberg bezwingen - DER SPIEGEL
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Radrennen am Teufelsberg der Tour Tritt mehr Watt, du Lurch

Am Donnerstag will Freizeitradler Achim Achilles den legendären Mont Ventoux bezwingen. Die Messung seiner Pedalkraft gibt wenig Grund zum Optimismus.
Achim Achilles ist noch nicht übern Berg
Achim Achilles ist noch nicht übern Berg

Achim Achilles ist noch nicht übern Berg

Foto: Frank Joung
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Na prima, da bist du ja wieder, du altes Miststück. Lange nicht gespürt. Und jetzt kriechst du wieder durch meine Adern, den Kopf, die Beine, die Seele. Immer das gleiche Elend: Kaum nimmt man sich eine Art sportlicher Aufgabe vor, kommt die alte Schlange Angst angekrochen und fragt, nur mal so:

Genug trainiert? - Nö.

Talent? - Was ist das?

Erfahrungen? - Keine.

Was ist, wenn die anderen schneller sind? - Biste halt wieder Letzter.

Welche Ausreden dieses Jahr?

Rasch googlen, was Radprofis so haben: Knie geht immer, Sitzprobleme auch, Sturz ist schwierig, weil man dafür sichtbare Schrammen bräuchte. Vielleicht stelle ich mich rasch auf das Skateboard des Sohnes. Blutgarantie.

Dank mehrerer Trainingseinheiten und mentaler Top-Verfassung bin ich bestens präpariert, um den Teufelsberg der Tour de France hochzufahren, den Mont Ventoux. Diesen Donnerstag übrigens schon, leider etwas früh angesichts meiner eher zart gestalteten Ausfahrten.

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Mont Ventoux: Der einsame Berg

Foto: BAS CZERWINSKI/ AP

Ein Experte ließ mich wissen, dass es ab 1500 Metern besonders eklig werde, weil dann plötzlich der Wind um die Gipfel fegt. "Ventoux", das weiß der Romanist, heißt ja weder "Flaute" noch "Rückenwind". Für Donnerstag sind stürmische Böen und um 14 Uhr sieben Grad vorhergesagt, aber Sonne - Traum-Kombi. Während die Sonne brennt, wiehern am Straßenrand sehr viele Holländer.

Vielleicht werde ich einen Rekord aufstellen und den am weitesten unten platzierten Gedenkstein bekommen. Denn die Angst hat mich schon umgebracht, bevor ich auch nur einen der 16 Kilometer mit seinen acht bis zehn Prozent Steigung genommen habe.

Merkwürdiges Gefühl der Schlappheit

Neulich erzählte Radsportfreund Erik, dass er durch die Dolomiten gekurvt sei und dabei stets ein merkwürdiges Gefühl der Schlappheit in sich trug. Lags an der Form oder dem Vorabendwein?

Zurück aus Südtirol, ging Erik zum Kardiologen, der ihn gleich in der Klinik behielt. Zwei von vier Zuflüssen zum Herzen waren schon verstopft, eigentlich hätte die Hochgebirgstour den guten Erik erledigen müssen. Aber dank jahrelanger Ausfahrten war sein Herz so fit, dass es auch eingeschränkt noch halbwegs funktionierte. Jetzt hat er eine halbes Dutzend Stents und radelt weiter. Genau die Geschichten, an die die Schlange Angst in diesen Tagen gern erinnert. Andererseits: Ein Tag im Berliner Straßenverkehr ist allemal lebensgefährlicher als so ein kleiner Alpengipfel.

Zum Glück gibts ein zuverlässiges Gegenmittel gegen die Angst: strategische Materialerweiterung zum Beispiel. Wer Training durch Neuerwerbungen aus dem textilen, elektronischen und digitalen Kosmos ersetzt, der hat gar keine Zeit mehr für Angst. Muss ja erst noch die Uhr updaten und die Ärmel vom Trikot etwas enger nähen, damit auch der spärliche Bizeps optisch Spannung erzeugt. Wir sind schon Füchse, wir Ausdauersportler.

Gerade technische Geräte liefern erstklassige Ablenkung. Irgendwas ist dann immer zu kalibrieren. Das Schicksal sandte mir ein Paket ins Büro, in dem sich ein revolutionäres System zur Messung der Trittleistung fand, das ich testen durfte. Prima. Kalorien, Puls, Pedalumdrehungen hat ja jeder. Aber nun gibt ein Profigerät wattgenau Aufschluss darüber, welche Kraft wirklich in meinen Hochleistungsbeinen steckte.

Achims Trainingstagebuch

Achims Trainingstagebuch

Foto: Polar

Heimliche Hoffnung

Seien wir ehrlich: Insgeheim hofft jeder, beim Leistungstest endlich mal gut abzuschneiden. Klappt nur nie. "Bei der Lungenfunktion ist aber noch Luft", krähte der Internist vergangenes Jahr durch die ganze Praxis. Das hört man gern als Läufer und Triathlet.

Nun also wird der Druck gemessen, mit dem ich meine recht kräftigen Schenkel aufs Pedal ramme. Chris Froome, der die Tour de France 2013 und 2015 gewann, bretterte vergangenes Jahr einen garstigen Berg mit durchschnittlich 414 Watt empor, was 5,78 Watt pro Kilogramm Körpergewicht bedeutet, drehte die Kurbel 97 Mal pro Minute bei einer maximalen Herzfrequenz von 174 Schlägen - eine interessante gleichwohl niederschmetternde Information.

Ich schaffe laut Messinstrument gut 200 Watt, bei mehr als 80 Umdrehungen tun die Beine weh, und jenseits des 130-Komfort-Pulses wird mir schwindlig. Was lernen wir: Tour-de-France-Athleten und ich liegen nicht nur beim Gewicht auseinander, sondern auch beim optimalen Fahrzeug.

Wie sagt die alte Schlange Angst: Nimm lieber ein E-Bike, du Lurch.

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Foto: Frank Johannes

Achim Achilles, Jahrgang 1964, lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.

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