StrongmanRun: Laufen in Dreck und Schlamm - DER SPIEGEL
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StrongmanRun: Der härteste Lauf Deutschlands

Foto: Thomas Wenning

Achilles' Verse Teamgeist im Schlammbad

Schlamm, Schlick und barbarisch steile Hügel: Wer den StrongmanRun am Nürburgring schafft, hat mindestens das härteste Rennen der Welt hinter sich gebracht, findet Achim Achilles. Das schöne an dem Spaßlauf: Er bietet dreckigen Urlaub vom durchgereinigten Ich.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was würde Mona wohl sagen, wenn ich mich nach einem kräftigen Frühlingsregen durch die Rabatten unseres Vorgartens wälzte? Wahrscheinlich würde sie gleich zum Hörer greifen und den psychologischen Notdienst anrufen. Klarer Fall von Läuferirrsinn. Robben aber 12.000 Erwachsene auf dem Nürburgring durch den Schlamm , dann herrscht nicht Zwangsjacken-Alarm, sondern High-five-Heldenzeit.

Warum nur genießen Freizeitsportler Dreck und Qual, Stromschläge und Containerwände, knöchelstauchende Reifenhaufen und barbarisch steile Anstiege? Ganz einfach: Sie wollen Leben spüren, ihren Körper, all das Echte, das im richtigen Leben weggepolstert ist. Endlich mal wieder bluten. Wer sich zur Domina nicht traut, der bucht den StrongmanRun, das härteste Rennen der Welt. Das stimmt so natürlich nicht, klingt aber gut für alle, die zu Hause sitzen und den Kopf schütteln über die Blessuren, die nachher stolzer getragen werden als ein neues Flammen-Tattoo.

Klar, man kann dieses weitgehend risikofreie Abenteuer über 21,6 Kilometer für kindisch halten. Andererseits ist es schön, dass die insolvente Spaßbrache Nürburgring mal vernünftig für Leibesübungen genutzt wird. Eine merkwürdige Asymmetrie zwar: Hunderte von Millionen Euro wurden für durchgekärchertes Entertainment mit TÜV-Zertifikat verballert, und nun wollen Läufer an diesem Ort nur ein bisschen Schmutz und menschliche Wärme.

Urlaub vom Ich

Der Strongman  und seine vielen Verwandten bieten Urlaub vom Ich: ein bisschen Heavy Metal wie in Wacken, ein Schuss Kölner Karneval, durchaus Sport und Rumsauen wie zu Woodstocks Zeiten. Es ist eine klare Absage an den Sanftheits-Terrorismus der Yoga-Gesellschaft. Derlei Spaßläufe sind wohltuend unernst, zugleich aber harte Aufgabe für Arme, Beine und Seele . Nachher darf der Leib nicht nur weh tun, er muss es sogar. Selbst gestählte Sportskameraden wanken spätestens in der zweiten Runde mit pfundschweren Dreckschuhen über den Parcours, sofern sie nicht schon einen Treter im Schlammbad verloren haben. Wer den StrongmanRun schafft, hat was geleistet. Er hat was zu erzählen, etwas, worauf er stolz sein kann.

Was auf einem Truppenübungsplatz vor den Toren Münsters begann und seinen Höhepunkt wohl im britischen "Tough Guy"  hat, ist von einer Sonntagsvormittagsbespaßung für Marines-Anwärter zur Massenbewegung geworden. Jedes Wochenende wird irgendwo in Europa zum Matschfestival gebeten. Anders als beim traditionellen Wettlauf nach Verbandsregeln, wo dünne, strenge Menschen ausschließlich mit ihrer GPS-Uhr kommunizieren, basiert der StrongmanRun auf einer Schlammblutsbrüderschaft ohne gigantische Leistungsansprüche. Wichtiger als ein paar Sekunden mehr oder weniger im Ziel ist das gemeinsame, wohlige Gefühl, sich die glitschige Strohpyramide hochgeholfen und oben einfach nur vor Glück gebrüllt zu haben, um hinterher alles auf Facebook auszubreiten.

Kaum einer weiß hinterher, wer gewonnen hat, wenn es nicht gerade der stille Dortmunder Knut Höhler  ist, der Superstar der deutschen Hardcore-Szene. Der verletzte sich allerdings schon am zweiten Hindernis und musste aufgeben. Lange war nicht ganz klar, wer überhaupt gewonnen hat, da zwei Läufer Hand in Hand durchs Ziel wetzten, während ein weiterer Favorit ein paar Extrarunden gerannt war, weil die Streckenposten ihn in eine Sackgasse gejagt hatten.

Für Zielzeit-Freaks ähnlich unverständlich sind die Warteschlangen, die sich vor manchen Hindernissen bilden, was vor allem für jene Flinkfüße ärgerlich sein könnte, die bereits auf dem Ende der zweiten Runde keuchen, aber nicht an den Langsamsten der ersten Runde vorbeikommen.

Konsequenterweise gibt es auch kein Preisgeld. Dafür aber eine Lehre fürs Läuferleben: Wer am Start mit Trinkrucksack, Multifunktionsjacke und allerlei anderem Schnickschnack für Bewunderung sorgte, wird spätestens nach fünf Kilometern einsehen müssen, dass perfekte Ausrüstung vor allem eines ist: Ballast.


Ob Schlamm oder Straße - Hauptsache Rennen. Achim Achilles: "Laufen und Lust: In zehn Schritten zu mehr Spaß am Leben"  (Achim Achilles Bewegungsbibliothek), Mano-Verlag.