Schnarchen kann auch gefährlich sein - DER SPIEGEL
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Wir machen uns mal frei Mein Leben als (Nerven-)Säge

Kolumnist Jens Lubbadeh hat ein Laster, das andere terrorisiert: Er schnarcht laut, sehr laut. Aus Sorge um seine Gesundheit und seine Freundin macht er sich auf die Suche nach Ursachen. Nur eine Verwandlung in eine Star-Wars-Figur scheint ihn retten zu können.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ich weiß jetzt, wie Dr. Jekyll sich morgens immer gefühlt haben muss. Wenn ich aufwache, bin ich völlig ahnungslos, was ich letzte Nacht wieder Schlimmes verbrochen habe. Ich bringe zwar nachts niemanden um, dafür aber würde mich meine Freundin manchmal am liebsten erwürgen - weil ich ihr mal wieder den Schlaf geraubt habe. Durch mein Schnarchen.

An vielen Frühstückstischen auf diesem Planeten herrscht sicherlich oft eine Atmosphäre, die die Milch im Müsli gefrieren lassen könnte. Schön ist es nicht, wenn man selbst gutgelaunt den Tag angeht und einem jemand mit dunklen Augenringen, bisweilen auch genervt, gegenübersitzt. Dann kommen Schuldgefühle auf, wegen einer Sache, über die man keinerlei Kontrolle hat und von der man noch nicht mal etwas weiß.

Der Schlaf wird auch der kleine Bruder des Todes genannt. Bei starken Schnarchern kommt er dem großen Bruder zuweilen recht nahe - ihnen drohen nämlich die gefürchteten Schlaf-Apnoen. Das sind Atemaussetzer von einer Länge, die andere nicht mal freiwillig im Schwimmbadbecken schaffen würden.

Jede dieser Atempausen kostet eine Menge Nervenzellen .

Doch nicht nur das: Schlaf-Apnoe erhöht das Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt. Die unausgeschlafenen Kollegen haben zudem ein dreifach erhöhtes Risiko, einen Unfall zu bauen. Sieben Jahre kürzer leben Schlaf-Apnoeiker. Bei Kettenrauchern sind es zehn Jahre. Der Unterschied ist nur: Während Raucher womöglich noch Spaß aus ihrem Laster ziehen, haben Schlaf-Apnoeiker gar nichts davon.

Chrrrrr-rr-rrr: Aufwachen vom eigenen Krach

Als bei mir im Laufe der Jahre das Schnarchen immer schlimmer wurde und ich sogar schon manchmal von meinem eigenen Krach aufwachte, entschloss ich mich zu handeln. Die Medizin kann Herzklappen züchten, Lungen transplantieren, aus Männern Frauen machen und umgekehrt. Dann wird sie doch wohl auch gegen eine so banale Sache wie das Schnarchen etwas in ihrem Arsenal haben.

Vertrauensvoll wandte ich mich an meinen HNO-Arzt, voller Vorfreude, was er mir an Laser-, Mikrowellen- oder ähnlichen Gizmo-Therapien anbieten würde. Doch er schüttelte nur traurig den Kopf, outete sich als Leidensgenosse und sagte: "Herr Lubbadeh, es tut mir furchtbar leid, aber die Medizin steht mit leeren Händen da." Dann gab er mir den Tipp seines Lebens: "Nähen Sie in das Rückenteil ihres Pyjamas Tennisbälle ein." Das hätte seine Beziehung gerettet.

Die rabiate Methode soll verhindern, dass man sich im Schlaf in die Rückenlage begibt, in der man eher schnarcht. Was bei Boris Becker vielleicht noch funktioniert, klappte bei mir nicht. Nicht dass ich so weit gegangen wäre, meinen Pyjama zu ruinieren und mich in einen Quasimodo für Arme zu verwandeln (Tischtennisbälle hätte ich vielleicht noch ausprobiert). Doch versuchte ich eine ganze Weile lang, nur noch auf dem Bauch zu schlafen. Mit dem Ergebnis, dass ich genauso viel schnarchte, Beinah-Erstickungsanfälle hatte und morgens auf dem Kissen kornkreisartige Speichelflecken vorfand.

Seit Jahren bin ich auf der Suche nach einem Muster, nach dem ich abschätzen kann, wann ich schnarche. Unzählige Kissen, jede Schlafstellung habe ich durchprobiert. Klar ist so weit nur: Alkohol und Schnupfen lassen Wahrscheinlichkeit und Phonzahl exponentiell in die Höhe schnellen. Im Winter, bei trockener Heizungsluft, schnarche ich mehr. Allerdings auch im Sommer, weil ich da fast permanent Heuschnupfen habe. Eigentlich ist bei mir das ganze Jahr über Schnarchsaison.

Vom harmlosen Schnarchen zur gefährlichen Apnoe

Erfahrungen im Anti-Schlaf-Labor

Wenn ich schon nichts gegen das Übel unternehmen konnte, wollte ich wenigstens abklären, ob mich Apnoen heimsuchten. Mein Vater, ein starker Schnarcher, litt darunter. Doch das wurde erst nach seinen drei Schlaganfällen entdeckt. So weit wollte ich es nicht kommen lassen. Nachdem ich Monate auf den Termin im Schlaflabor gewartet hatte, ließ ich mich also eines Nachts in einem Raum, der so kuschelig war wie ein Kreißsaal, auf einer kalten Pritsche in einem lächerlichen Hemd an mindestens 20 Kabel anstöpseln (und mich damit zur Bewegungslosigkeit in der verbotenen Rückenlage verdammen).

Das Ergebnis der Forscher nach einer Nacht, in der ich gefühlt durchgängig fürchtete, aufs Klo zu müssen, und schon allein deshalb kaum schlafen konnte: keine Apnoen erkennbar. Ich aber hatte meine Zweifel daran, was die Wissenschaftler in diesem Anti-Schlaf-Labor gemessen hatten. Also wollte ich es noch einmal wissen und nahm ein portables Apnoe-Messgerät von meinem HNO-Arzt mit nach Hause. Es war weitaus angenehmer, man musste nur eine Sonde unter die Nase kleben, die den Luftstrom während der Nacht misst. Zu meiner Beruhigung ergab auch diese Messung keinen auffälligen Befund.

Mein Vater übrigens erlebte im fortgeschritteneren Alter noch einen zweiten Frühling, als er endlich einen Atemapparat bekam. Mit diesem hörte er sich zwar an wie Darth Vader bei einem Nickerchen. Aber er schnarchte nicht mehr und war tagsüber so hellwach, gutgelaunt und voller Tatendrang, wie wir ihn seit Jahren nicht mehr erlebt hatten. Die Verwandlung geschah im wahrsten Sinne des Wortes über Nacht. Vielleicht könnte eine Atemmaske meine Verwandlung in Mr. Hyde ja auch unterbinden? Und meiner Freundin zur Entschädigung Star-Wars-Träume bescheren. Sie ist ein großer Fan.