Januar: "Einfach dämlich" - DER SPIEGEL
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Januar "Einfach dämlich"

Mit einem Hetzplakat gegen den Kanzler schießt die CDU ein fulminantes Eigentor.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Laurenz Meyer ist sichtlich zufrieden an diesem 23. Januar. Stolz reckt der CDU-Generalsekretär seinen Kantenkopf ins Blitzlicht der Fotografenmeute, als er in der Berliner CDU-Parteizentrale seinen neuesten Polit-Coup vorstellt: ein Poster mit Fahndungsfotos des Kanzlers. Schröder ist ein Rentenbetrüger ­ das ist die bornierte Botschaft, denn "um einen Inhalt zu vermitteln", schwadroniert der Christdemokrat noch siegesgewiss, müsse man auch mal zu "Provokationen" greifen.

Das gelingt ihm ausgezeichnet ­ bei der eigenen Partei. In der Berliner CDU-Zentrale klingeln unaufhörlich die Telefone, aufgebrachte Parteifreunde zetern: "Seid ihr übergeschnappt?" CDU-Abgeordnete raufen sich die Haare über den "geschmacklosen" Verbrechervergleich und schimpfen: "Das war einfach dämlich." Die SPD kann ihr Glück kaum fassen, dass der grobklotzige Unions-Meyer seinen Laden in eine neue Führungskrise manövriert. Denn die Chefin Angela Merkel persönlich hatte das skandalöse Plakat begutachtet und genehmigt; nun gerät "das Mädchen" (Helmut Kohl) erneut mächtig unter Beschuss.

Auch einige Landesfürsten wie der Stuttgarter Ministerpräsident Erwin Teufel waren angetan. 24 Stunden nach der glorreichen Präsentation zieht die Parteispitze das Gangster-Poster zurück. Kleinlaut treten Merkel und Meyer vor die Presse. "Vielleicht hätten wir das Plakat vorher mal zwei normalen Menschen zeigen sollen", grummelt Frau Merkel, die in Zukunft auf derlei "Knalleffekte" verzichten will und eine "kontrollierte Offensive" verspricht. Der geprügelte Wahlkämpfer Laurenz Meyer beteuert, er habe "manches gelernt".

Eine Zeit lang erwägen die Parteistrategen, das Schröder-Poster gegen einen alternativen Entwurf ("mehr was für Intellektuelle") auszutauschen: Er zeigt den Relativitätstheoretiker Einstein, daneben den sozialdemokratischen Stoppelkopf Riester mit der Rentenformel und der Unterzeile: "Der eine kann die Welt erklären, der andere nicht einmal die Rente." Schließlich verschwinden beide Plakate dort, wo sie hingehören ­ in der Versenkung.