Januar: Ekstase am Ganges - DER SPIEGEL
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Januar Ekstase am Ganges

Beim größten religiösen Fest der Welt treffen sich hundert Millionen Hindus zum reinigenden Bad im Ganges.
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Es war einmal, so erzählt es die Legende, eine Gruppe von Göttern, die aus dem Ozean einen Krug mit dem "Nektar der Unsterblicheit" geschöpft hatten. Mit diesem magischen Zaubertrank wollten die Himmlischen heim ins göttliche Reich ­ verfolgt von einer Bande übler Dämonen, die ebenfalls scharf waren auf die Unsterblichkeit. Zwölf Menschenjahre dauerte der Kampf, am Ende hatten die Götter gewonnen, nur ein paar Tropfen Nektar fielen während des Gefechts auf irdischen indischen Boden ­ auf die Ortschaften Allahabad, Hardwar, Ujjain und Nasik. Und in diesen mythischen Gefilden an den Ufern des heiligen Ganges feiern fromme Hindus das größte religiöse Fest der Welt, die Mahacumbha Mela.

42 Tage dauert die gewaltige Fete, rund hundert Millionen Gläubige pilgern dann an den sakralen Strom, der mit eiskaltem Wasser aus dem Himalaja kommt, stürzen sich ekstatisch in die trübe Brühe und benässen fünfmal Kopf und Schultern. Wer dieses rituelle Bad in der Menge, die Surya Namaskar, nimmt, befreit sich flugs von allen Sünden und verkürzt den Weg ins gelobte Nirwana. Frauen empfangen im Ganges-Wasser zusätzlich eine symbolische heilige Unterwäsche. "Es ist die Chance deines Lebens", erläutert der Sadhu Narayan, "entweder du reinigst deine Seele, oder du bist verdammt." So glauben es die Hindus, und wenn sie eintauchen in den heiligen Fluss, ist kaum noch Wasser zu sehen in diesem Menschen-Meer, und auch zu Lande herrscht ein unvorstellbares Chaos.

Millionen Pilger drängeln und kämpfen sich über Brücken und Pontons an den Fluß. Nackte Sadhus, heilige Männer, halten Hof an den Ufern, schmauchen ihre Haschischpfeifen und lassen sich von einfachen Pilgern die Füße küssen und mit ein paar Rupien versorgen. Wohlhabende Sektenchefs genießen ein feudales Leben in Luxuszelten und stellen ungeniert ihren Reichtum zur Schau.

Das "Fest des Nektarkrugs" ist eine gewaltige logistische Aufgabe für die indischen Behörden. An dem sechs Kilometer langen Badeabschnitt errichten sie eine 50 Quadratkilometer große Zeltstadt, Latrinen werden ausgehoben, Wasser-, Strom- und Telefonleitungen verlegt, Pontonbrücken über den Ganges gebaut. 2000 Lichtmasten erleuchten die Wasser-Schlacht. 10 000 Polizisten sind im Einsatz, 5000 Latrinenputzer und 7000 Straßenkehrer.

Allgegenwärtig ist die Furcht vor Massenpaniken, die schon einige Male, wie etwa 1986, zu Katastrophen führten. 1954 wurden im Gedränge über 500 Menschen zu Tode gequetscht.

Die Mahacumbha Mela 2001 geht am 21. Februar ­ unfallfrei ­ zu Ende. Zurück bleibt eine Schar verzweifelter alter Frauen. Denn etliche Eheleute haben die ungeliebte Oma mit üblen Hintergedanken zu der Reise überredet. Während die Alte nichts ahnend in den heiligen Fluss schlurft, quetscht sich die perfide Sippe in einen der überfüllten Pilgerzüge und lässt die Großmutter einfach am Ganges sitzen. 5000 Greisinnen registriert die Polizei in diesem Jahr, ihr Schicksal ist ungewiss. Viele der treulosen Enkel haben noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen ­ beim Nektarfest darf jeder nach Belieben sündigen und sich mit einem Tauchgang umgehend wieder reinwaschen.