Juli: Der Gipfel der Gewalt - DER SPIEGEL
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Juli Der Gipfel der Gewalt

Der erste internationale Auftritt des neuen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi endet mit einem Blutbad und einer erschreckenden Schadensbilanz für das demokratische Italien: Beim G-8-Gipfel in Genua liefern sich zunächst militante Demonstranten und brutale Polizeieinheiten einen erbitterten Kampf. Ein junger Globalisierungsgegner wird Opfer einer Polizeikugel. Später knüppeln die entfesselten Beamten mit dem Schlachtgesang "Uno, due, tre ­ viva Pinochet" auch friedliche Protestler und Passanten nieder. Nach dem Gipfel werden die Polizeistaatsmethoden in ganz Europa heftig kritisiert.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Silvio Berlusconi, Italiens neuer Ministerpräsident, hatte auf ein glanzvolles Entree in den Kreis der Mächtigen gehofft, als sich in Genua die Staats- und Regierungschefs der sieben wichtigsten Industrienationen und Russlands zum alljährlichen Plausch über die Probleme der globalen Wirtschaft treffen. Doch mit den Politikern war eine Heerschar von Demonstranten angereist, die dem Gastgeber die Polit-Party gründlich verderben.

Denn in Genua wollen die Demonstranten an diesem Wochenende vom 20. bis 22. Juli alles überbieten, was sie seit dem ersten Totalprotest gegen die globalisierte Hightech-Welt, Ende 1999 in Seattle, inszeniert hatten. "Ein Treffen mit der Geschichte", sollte es werden ­ so die Dachorganisation der Anti-Globalisierungs-Bewegung. Es wird ein Blutbad, in dem sich prügelnde Krawallos und knüppelnde Polizei-Rambos eine schreckliche Schlacht liefern.

Aus aller Welt sind sie gekommen, Umweltschützer und Pazifisten, Gewerkschafter und Menschenrechtler, engagierte Christen und Kommunisten, um Ungleichheit und Ungerechtigkeit anzuprangern. Über 15 000 hoch gerüstete Uniformträger stehen dagegen. Sie sollen die Protestler vom Tagungsort, dem schönen Palazzo Ducale mitten in Genuas Altstadt, fernhalten.

Ein vier Meter hoher Eisenvorhang teilt die Stadt in eine verbotene "rote Zone", in der sich die Politiker verschanzen, und einen freien Teil. Noch während Berlusconi im Palazzo seine Gäste begrüßt, lösen sich ein paar hundert schwarz vermummte Gestalten aus dem Zug von mehreren zehntausend "Anti-Global"-Protestlern mit einem einzigen Ziel: Randale. Der so genannte schwarze Block steckt Mülltonnen und Autos in Brand, zertrümmert Bankautomaten und Schaufenster. Und je mehr der "black block" wütet, desto rabiater geht die Staatsmacht gegen die bis dahin friedliche Mehrheit der Demonstranten vor. Gewalt gebiert neue Gewalt: Steine fliegen, Tränengas nebelt Straßen und Plätze ein. Ein Hauch von Beirut in seinen schlimmen Bürgerkriegstagen liegt über Genua.

Auf der Piazza Alimonda greifen am späten Freitagnachmittag ein paar Vermummte einen Geländewagen der Carabinieri an, der sich mit der Front zur Mauer, im Getümmel festgefahren hat. Mit Brettern schlagen die Randalierer die Scheiben ein.

Einer der Maskierten hat plötzlich einen großen roten Feuerlöscher in den Händen, hebt ihn hoch über den Kopf und läuft damit auf den Wagen zu. Dort, hinter der zertrümmerten Heckscheibe, hockt ein 20-jähriger Carabiniere in panischer Angst ­ mit einer Pistole in der Hand. Und er schießt.

Um 17.57 Uhr fällt der Mann mit dem Feuerlöscher tödlich getroffen zu Boden: Carlo Giuliano, 23. Das Carabinieri-Auto fährt fast zeitgleich rückwärts, erst mit dem hinteren, dann mit dem vorderen Rad über den Leichnam. Das Bild des blutigen Körpers geht Minuten später rund um den Globus. Es wird zum Symbol von Genua.

Das "Genoa Social Forum", Organisationsforum für beinahe 800 verschiedene, in Genua präsente Gruppen, ruft für den folgenden Tag zum friedlichen Protest gegen die Gewalt auf ­ vergebens. Der Samstag bringt neue bürgerkriegsähnliche Zusammenstöße zwischen Polizei und gewalttätigen Demonstranten ­ und die gewaltfreien Protestler geraten regelmäßig zwischen die Fronten, bekommen Prügel von beiden Seiten. Journalisten, Kameraleute, Fotografen werden brutal zusammengeschlagen.

Ein böser Verdacht kommt auf. Hat die Polizei Spitzel und Agents provocateurs in den schwarzen Block geschleust? Heizten Undercover-Staatsdiener den Krawall vorsätzlich an?

Fernsehbilder und Videodokumente liefern Anhaltspunkte. Sie zeigen maskierte Anarchos im friedlichen Plausch mit Polizisten und vermummte Zivilisten mit Polizeiplaketten. Schuf sich eine entfesselte Staatsmacht am Ende selbst den Grund zum Aufräumen?

Sondereinheiten wüten gegen alles, was keine Uniform trägt. Sie beschießen ältere Damen mit Tränengasgranaten, knüppeln junge Mädchen nieder, die demonstrativ die Hände über den Kopf halten. Wehrlose Menschen werden mit Stiefeltritten traktiert. Dazu erklingen rechtsradikale Lieder.

In der Nacht, die Demonstranten schlafen längst in Notunterkünften, stürmt die Polizei zwei Schulen, die als Schlafstätte für knapp hundert Globalisierungsgegner und als Presse- und Lagezentrum des Genoa Social Forum dienen. Sie zertrümmern Computer und Schreibtische, schlagen 63 Menschen krankenhausreif. Wer nicht ins Spital kommt, wird in den Kasernen weiter gequält ­ mit Schlägen, sexuellen Belästigungen, Demütigungen. Die Verhafteten müssen "Viva il Duce" brüllen. Polizisten, so berichtet ein Fotograf, sollen Nazi-Lieder gegen Juden und Neger gegrölt und "Uno, due, tre ­ viva Pinochet" skandiert haben.

Als sonntagfrüh die VIP-Staatsgäste Genua verlassen, interessiert sich kaum jemand für die Gipfelbeschlüsse ­ Schuldenerlass und bessere Handelschancen für Entwicklungsländer. Der Schaden für Italiens Image ist gewaltig. Ganz Europa empört sich über die Polizeistaatsauftritte. Italienische Botschaften werden symbolisch besetzt oder belagert, auf Spruchbändern heißt es: "Italien foltert Inhaftierte."

Diverse Untersuchungsberichte räumen später "Fehler und Versäumnisse" ein. Auch Fälle "grundloser Gewalt" sind aktenkundig. Ein paar hochrangige Polizeioffiziere werden versetzt. Aber, wer die Beamten in Marsch setzte und mit welchen Befehlen ­ das wird wohl nie geklärt.

HANS-JÜRGEN SCHLAMP