G-8-Treffen: Der Gipfel-Sturm - DER SPIEGEL
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G-8-Treffen Der Gipfel-Sturm

Die Anti-Globalisierungswelle erreicht ihren Höhepunkt. Beim G-8-Treffen in Genua werden kommende Woche 150.000 Demonstranten aus der ganzen Welt erwartet. Vom phantasievollen Widerstand bis zur Massenschlacht scheint alles möglich.
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Berlin - Die Mauer soll weg. Bis zu drei Meter hoch wird das Bollwerk sein, das die "rote Zone" schützt. 18.000 Polizisten und Militäreinheiten verteidigen den Bereich in Genuas Altstadt und rund um den Hafen, in der vom 20. bis 22. Juli das G-8-Treffen der großen Wirtschaftsnationen stattfindet. Diese Mauer "symbolisch" zu überwinden, ist das erklärte Ziel der Demonstranten, die in der kommenden Woche zu Tausenden in die norditalienische Hafenstadt pilgern. "Die Regierenden sollen sich nicht vor dem Protest ihrer Untertanen schützen können", sagt Angelika Klein vom Verein "Euromärsche", der den Marsch aus Deutschland nach Italien mitorganisiert.

Wenn Kanzler Gerhard Schröder das Dolce Vita seines Italienurlaubs unterbricht, um in Genua, aus Sicherheitsgründen auf einem Schiff, mit seinen Kollegen über die Weltwirtschaftsordnung zu fachsimpeln, erlebt die Welt ein zweifachen Gipfel. Die Bewegung der Globalisierungskritiker steuert auf ihren vorläufigen Höhepunkt zu, wenn bis zu 150.000 Demonstranten Genua belagern werden. "Es geht ein Gespenst um in Europa, das der Globalisierungsgegner", freut sich Oliver Moldenhauer von "Attac".

Der Name des internationalen Netzes klingt martialischer, als er gemeint ist. Die Abkürzung stammt aus dem Französischen und heißt übersetzt ganz harmlos: "Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen zu Gunsten der Bürgerinnen und Bürger." Ein unverständlicher Bandwurm, den die deutsche Sektion der internationalen Vereinigung deshalb schon gar nicht mehr im Namen trägt. Das ungeliebte Kürzel abschaffen wollen Moldenhauer und seine fast 500 Mitstreiter aber auch nicht. Sie müssten sich sonst mühselig neu bekannt machen, denn "Attac" gilt inzwischen etwas in der Szene. Weil die Gruppe mit ihrer deutschen Zentrale in Verden und den festen Ansprechpartnern berechenbare Strukturen aufgebaut hat und nicht für Krawall-Tourismus steht, sondern inhaltlich arbeitet. "Wir wollen Veränderung über die Köpfe der Menschen", sagt Moldenhauer. Sie nennen sich Reformisten, nicht Revolutionäre.

Kritik an der internationalen Finanzarchitektur

Attac fordert unter anderem eine zügigere und umfassendere Entschuldung der Entwicklungsländer, eine stärkere Kontrolle der internationalen Finanzmärkte und eine gerechtere Praxis bei Exportbürgschaften.. "Das bisherige System führt nur zu sozialer Polarisierung und zu Chaos auf den Märkten", sagt Felix Kolb von Attac. 20 Prozent der Weltbevölkerung, vor allem in den Industrieländern, die beim G8-Gipfel vertreten sind, verschwenden 83 Prozent der Ressourcen des Planeten. Gleichzeitig müssten 1,3 Milliarden Menschen von weniger als einem Dollar pro Tag leben. Die Regierungschefs der G8 beraten zwar über die Entschuldung von 23 Ländern, ursprünglich waren aber mal 41 Staaten auf der Liste.

5000 Demonstranten aus Deutschland

Allein aus Deutschland rechnet Attac mit 5000 Teilnehmern, die mit Bussen den Gipfel erklimmen wollen. Bereits an den Grenzen erwarten sie Widerstand und scharfe Kontrollen: "Darauf sind wir vorbereitet. Es wird nicht einfach, uns aufzuhalten", kündigt Sascha Kimpel vom "Genua-Bündnis Berlin" an.

Aber alle Seiten sind nervös. Denn bereits beim EU-Regierungsgipfel in Göteborg Mitte Juni eskalierte die Situation. Im "Genua-Sozialforum" (GSF) haben sich rund tausend Nicht-Regierungsorganisationen aus aller Welt für den Genua-Gipfel vereint. Alle mussten sich zur Gewaltfreiheit bekennen. Sie wollen "virtuell und poetisch" mit zahlreichen Aktionen versuchen, in die rote Zone einzudringen. "Aber es gibt auch Gruppen außerhalb dieses Bündnisses, die nicht gewaltfrei sind", sagt Klein. Dennoch kritisiert sie die "Militarisierung Genuas", denn sie schätzt die Gewaltbereiten auf höchstens 200: "Die wären leicht zu isolieren."

Menschen von der Teilnahme abschrecken

Die Diskussion über Globalisierung und Gewalt hat seit Göteborg einen neuen Höhepunkt erreicht. In Genua wird nun mit allem gerechnet. Denn gerade die italienischen Linken sind seit der Regierungsübernahme durch den Rechtsausleger Silvio Berlusconi besonders aufgeheizt. "Das Ziel dieser Gewaltdebatte ist es, von unseren inhaltlichen Positionen abzulenken und Menschen von der Teilnahme an den Protesten abzuschrecken" sagt Felix Kolb von Attac.

Die Globalisierungsgegner organisieren sich längst global. Die Vorbereitungen stimmen sie per Internet ab, vor Ort informieren sie sich per Handy und SMS kurzfristig und damit für die Polizei schwer berechenbar über den jeweils nächsten Schritt. Auch die nationalen Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden suchen nun stärker die Zusammenarbeit. Beamte des Bundeskriminalamtes haben bereits bei zwei Treffen in Italien ihre Kollegen jenseits der Alpen über das Profil möglicher deutscher Krawallmacher ins Bild gesetzt. Und in Brüssel trägt die Keimzelle einer europäischen Staatsanwaltschaft, "Pro Eurojust", seit vier Monaten Informationen für die Strafverfolger zusammen. Um wirksame Maßnahmen gegen gewalttätige Gipfelstörer wird es auch bei der Sonderkonferenz der EU-Innenminister an diesem Freitag in Brüssel gehen.

Genua ist nur noch zu Fuß zu erreichen

Genua selbst befindet sich im Ausnahmezustand: Während der Gipfelwoche wird die Stadt zur Festung. Der Luftraum bleibt gesperrt, kein Schiff darf ein- oder auslaufen, die Bahnhöfe werden stillgelegt, mehrere Kontrollringe auf den Straßen sollen die Demonstranten schon am Rande der Stadt aufhalten. Genua ist praktisch nur noch zu Fuß zu erreichen.

Militär gegen Zivilisten

Nun soll auch erstmals das Militär gegen zivile Proteste vorgehen. In Genua sind italienische Armee-Einheiten nach einem Bericht der konservativen Tageszeitung "Corriere della Sera" nicht nur zum sonst üblichen Objektschutz abgestellt, sondern ermächtigt, "im Falle von Unruhen einzugreifen." Beim Gipfel-Sturm wird mit allem gerechnet: Die italienischen Organisatoren des Treffens für die Polit-Prominenz haben eine Turnhalle als Lazarett angemietet - und ein Kühlhaus für Leichen.