Jobprotokoll einer Diätassistentin "Gluten-Unverträglichkeit? In den meisten Fällen absoluter Quatsch"
Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Jobprotokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwältin oder Betreuer im Jobcenter.
"Du hilfst Leuten also beim Abnehmen?' Diese Frage bekomme ich als Diätassistentin oft gestellt. Die meisten denken bei dem Beruf an reine Ernährungsberatung, dabei mache ich so viel mehr.
Einige Diätassistenten arbeiten in Kliniken, manche führen selbstständig ihre eigenen Praxen. Ich arbeite in einer großen, fachübergreifenden Rehaklinik und berate, plane und unterstütze unsere Patienten in Sachen Ernährung und Gesundheitsbewusstsein.
Ich backe und koche auch mit meinen Patienten in der Lehrküche. Viele Diätassistenten arbeiten für Großküchen, erstellen Speisepläne und bereiten diätisches Essen zu. Wenn ich Menüs zubereite, achte ich zum Beispiel darauf, dass die Soße laktosefrei ist. Oder wenn wir Patienten mit einer Gluten-Unverträglichkeit haben, mache ich glutenfreie Nudeln. Die müssen separat gekocht werden, damit sich danach keine Glutenspuren finden lassen. Wer nicht gern in der Küche steht, ist bei uns also fehl am Platz.
Beratung auf vielen Ebenen
Außerdem führe ich Einzelgesprächen, berate die Patienten im Speisesaal der Klinik und halte Seminare. Dabei versuche ich zunächst immer herauszufinden, wo meine Patienten gerade stehen und welche Veränderungen leicht umzusetzen sind: Kocht jemand nur für sich oder für eine ganze Familie? Nimmt jemand bestimmte Medikamente? Hat die Person eine Unverträglichkeit?
Im Speisesaal bin ich Ansprechpartnerin für Patienten, die ein Diätmenü bekommen. Sie erhalten Informationsbroschüren sowie Zutatenlisten und kommen oft noch mal auf meine Kolleginnen und mich zu, um sich die Mahlzeiten erklären zu lassen und sich Tipps zu holen. Diabetiker, die insulinpflichtig sind, lassen sich von uns beispielsweise zu blutzuckerwirksamen Kohlenhydraten beraten, sodass sie ihre Insulinmenge richtig an die Mahlzeit anpassen können.
Das anonyme Jobprotokoll: So sieht der Alltag wirklich aus
Oft geht es bei der Beratung im Speisesaal auch einfach nur darum, Präsenz zu zeigen, damit es für die Patienten einfacher ist, mit uns in Kontakt zu treten. Häufig hab ich pro Patient nur 30 Minuten für ein Gespräch. Ich wünschte, dass ich mir meine Zeit hier individueller einteilen könnte: Bei manchen Patienten reicht die halbe Stunde aus, bei anderen bräuchte ich doppelt so viel Zeit.
Da ich den ganzen Tag mit Menschen arbeite und mich mit etwas sehr Persönlichem wie der Gesundheit auseinandersetze, ist Empathie in meinem Beruf sehr wichtig. Wenn Patienten von ihren Krankheiten und dem daraus resultierenden Leidensdruck erzählen, möchte ich, dass sie sich ernst genommen fühlen und spüren, dass ich ihnen wirklich helfen möchte.
In meiner Beratungsfunktion brauche ich eine hohe Frustrationstoleranz und viel Fingerspitzengefühl. Besonders die Patienten, die von ihren Ärzten geschickt werden, haben oft keine Lust auf eine Verhaltensänderung. Da renne ich immer wieder gegen Wände.
"Ich weiß, dass ich nicht alle retten kann"
Da ich groß und schlank bin, kommt es sogar vor, dass mein eigenes Gewicht und die Körperform bei den Beratungen eine Rolle spielt: Ein großer Gewichtsunterschied schafft immer eine gewisse Distanz. Manche Patienten fühlen sich dann bloßgestellt oder bevormundet und verschließen sich dann.
Es ist hilfreich, auf persönlicher Ebene mit den Menschen zu sprechen. Auch ich als Diätassistentin esse gern mal Süßigkeiten. Den Patienten das klarzumachen, baut Vertrauen auf. Auch Schubladendenken ist nicht hilfreich. Nicht jeder dicke Patient ist faul und ungesund, viele haben erfolglose Diätversuche hinter sich - Entmutigung und Frust inklusive. Auch sind meine dünnen Patienten nicht alle gesund und fit, oft ist sogar das Gegenteil der Fall.
Im Umgang mit den Patienten und ihren Erfolgen versuche ich immer, realistisch zu bleiben. Oft sind die Menschen nicht in der Lage, dem ernährungswissenschaftlichen Optimum zu entsprechen. Ich weiß, dass ich nicht alle retten kann, schließlich hängt vieles eben nicht von mir ab. Das musste ich jedoch erst lernen.
"Ich freue mich mit ihnen über die Erfolge"
Die Arbeit mit Patienten gibt mir sehr viel: Ich freue mich mit ihnen über die Erfolge und stehe mit Rat und Tat zur Seite. Eine Patientin von mir, die zu dem Zeitpunkt schon drei Jahre mit einem Stoma, also einem künstlichen Darmausgang, lebte, war zu Beginn der Beratung sehr verzweifelt. Durch ihr Stoma hatte sie sehr flüssigen Stuhlgang, was sie sehr belastet hat.
Die Frau hatte viel Humor. Während Stuhlgang allgemein tabuisiert wird, haben wir offen darüber gesprochen und auch viel gelacht. Ich half, indem ich ihre Ernährung umstellte, und bereitete zum Beispiel einen Mix aus Haferflocken, Apfel, Banane und Heidelbeeren zu. Ihr hat es geholfen, und sie war wirklich dankbar.
Nervige Ernährungshypes
Was mich bei der Arbeit nervt? Das sind Halbwissen und Ernährungshypes, denn die erschweren es mir, die Patienten optimal zu beraten. Oft informieren sich die Leute im Internet oder in sozialen Netzwerken und nehmen das dort Geschriebene für bare Münze. Viele kommen beispielsweise zu mir und sind fest davon überzeugt, eine Gluten-Unverträglichkeit zu haben, was in den allermeisten Fällen absoluter Quatsch ist.
Wer abnehmen und sich gesund und ausgewogen ernähren möchte, sollte immer medizinisches Fachpersonal aufsuchen. Wir können über die Krankenkasse abrechnen und im die Patienten Hinblick auf Gesundheitszustände beraten - all das können weder Fitnessstudios noch Instagram.
Wenn man nach Tarifsätzen des öffentlichen Dienstes bezahlt wird, beispielsweise in einem öffentlichen Krankenhaus, verdient man etwa 2300 Euro brutto. Da diese Stellen aber ziemlich rar sind, müssen die meisten meiner Kollegen mit deutlich weniger auskommen.
Leider ist 'Ernährungsberater' keine geschützte Berufsbezeichnung. Unser Berufsfeld wird oft verkannt und die Ausbildung nicht gewürdigt. Dazu trägt auch die Bezeichnung 'Assistenz' bei - ich finde, das hat etwas Abwertendes. Viele sehen in uns nur Abnehmcoaches - das Kochen und das medizinische Wissen werden oft vergessen."