Gehaltsgefälle in Beziehungen: Wenn sie reicher ist als er
Frauen als Besserverdiener Ach, könnt' er mir doch ein Pferd kaufen!
Lisa König* hat es immer darauf angelegt, viel Geld zu verdienen. "Na klar", sagt sie, "mir war der Beruf immer wichtiger als die Familie, ich wollte unbedingt in allen Lebenslagen unabhängig sein." Die promovierte Juristin arbeitet als Unternehmensberaterin mit eigenem Büro in Berlin-Mitte. Ihr Freund Andreas, mit dem sie seit acht Jahren zusammen lebt, betreibt eine Reinigungsfirma, obwohl er früher mal Philosophie studiert hat.
"Ich wollte einfach immer Männer, die nett sind", erklärt Lisa, "ein Top-Manager mit einem Jahreseinkommen von 500.000 Euro war für mich nie interessant." Trotzdem beschwert sie sich. "Mein Partner kann mir kein Pferd kaufen und mich auch nicht ins Fünf-Sterne-Hotel einladen", sagt sie. "Das würde mir aber auch mal gefallen." Andreas und sie teilen sich zwar die Hypothek fürs Haus und alle Kosten für die Lebensmittel. "Aber jeden Urlaub, jede Opernkarte, jedes Möbelstück und alles, was wir uns leisten, zahle ich."
Andreas' Firma läuft nicht wirklich rund. Zudem hat er zwei Kinder aus einer früheren Beziehung, die Unterhalt bekommen: 1000 Euro jeden Monat. Da ist Lisas Portemonnaie eine Quelle, die er immer wieder mal anzapft. "Geld ist das Hauptproblem in unserer Beziehung", sagt die Geschäftsfrau.
Bei ihr hat sich der Eindruck festgesetzt, dass sie in dieser Partnerschaft draufzahlt - vor allem mit ihrer Lebensenergie. Lisa möchte ein Buch schreiben, doch die finanzielle Decke für eine Auszeit im Job ist zu dünn. Mehr Zeit und weniger Stress - das kann sie sich nicht leisten. "Es ist einfach sehr, sehr anstrengend, als Selbstständige die volle Verantwortung für das Finanzielle zu tragen", sagt sie.
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Lisas Ärger hat noch einen anderen Grund. Ihr Kinderwunsch blieb trotz ärztlicher Hilfe bisher unerfüllt, sie ist 46 Jahre alt. "Auch das liegt am Stress", meint die Juristin. Weil ihr Freund sie nicht ernähren kann, misslingen die Versuche, schwanger zu werden, so sieht sie es.
Wenn sie Andreas darauf anspricht, dann entzieht er sich oder reagiert wütend. Was soll er auch tun? Wie könnte er Lisa eine Atempause verschaffen?
"Wer weniger verdient, ist oft verunsichert, welchen Wert er in die Beziehung einbringt", sagt die Berliner Paartherapeutin und Autorin Berit Brockhausen (siehe Buchtipp). Die Fragen sind dann: Lässt sich der Mietvorschuss tatsächlich mit mehr Hausarbeit verrechnen? Kann der Partner seine finanzielle Unterlegenheit auf Dauer mit einem perfekt geputzten Badezimmer kompensieren? Und will man tatsächlich immer alles aufrechnen?
Akademiker tauschen seltener die Rollen
Das Paar muss herausfinden, ob die Unzufriedenheiten finanzieller oder doch eher emotionaler Art sind - und ob es gemeinsam gelingt, wieder eine Balance im Miteinander zu finden, die beide als fair empfinden, so dass der jeweilige Kontostand nicht mehr das Allesentscheidende ist, meint Brockhausen. Wer großen Wert auf Status und Prestige lege, für den sei so ein Beziehungsmodell ohnehin nichts, sagt sie.
Den meisten Männern, die eine deutlich besser verdienende Frau attraktiv finden, stelle sich früher oder später die Frage, wie sie sich langfristig ebenbürtig fühlen können. "Da braucht es die Bereitschaft, auch andere Werte in die innere Beziehungsbuchhaltung einzubeziehen", sagt die Psychologin.
Entsprechend selten ist so ein gemischtes Doppel. Die Ergebnisse einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung (siehe Kasten) belegen, dass vor allem Akademiker aus der gehobenen Mittelschicht die Rolle des Hauptverdieners einnehmen, während ihre Frauen beruflich kleinere Brötchen backen.
Geld ist für Männer eine "externe Messlatte für beruflichen Erfolg und ihren persönlichen Selbstwert", sagt der Psychologe, Soziologe und Neidforscher Rolf Haubl von der Universität Frankfurt. "Sie verbinden damit Einflussnahme und Macht".
Gut verdienende Frauen empfinden ihr dickes Portemonnaie zwar als angenehm - doch ihren Status beeinflusst es weniger. Und begehrenswerter macht es sie auch nicht: Oft genug müssen sie sich davor schützen, als "wandelndes Bankkonto" wahrgenommen zu werden.
Unser Geheimnis: "Wir sind ein gutes Team"
"Die Paare die ich kenne, waren häufig schon zusammen, bevor sich der Verdienst so weit auseinander entwickelte", sagt Berit Brockhausen. So war es auch bei Juliane von der Almen*, die das Glück hatte, ihren Mann Lars schon im Studium zu treffen. Der lernte damals Maschinenschlosser und arbeitet heute nach einigen Fortbildungen als Entwicklungsingenieur in Teilzeit.
"Jeder hat seine Eigenständigkeit bei uns, und trotzdem haben wir uns immer unterstützt", sagt die 43-jährige Promovierte, die als Managerin in einem internationalen Biotechnologie-Unternehmen mindestens zwei Drittel des Familieneinkommens erwirtschaftet, während sich Lars hauptsächlich um die zwei schulpflichtigen Kinder kümmert.
"Als Lars für die Kinder zu Hause bleiben wollte, war ich geschockt"
"Wir haben weiterhin getrennte Konten", erzählt Lars, "und jeder zahlt, was anfällt." - "Das stimmt nicht ganz", ergänzt ihn seine Frau, "die monatlichen Zahlungen fürs Haus überweise ich dir auf dein Konto." Meins, deins, unsers - das wird in dieser Familie offenbar nicht ganz so eng gesehen. Man kauft, was man braucht, und fürs Hobby der beiden - das Motorradfahren - ist auch noch genug da.
"Als Lars mir früh in unserer Beziehung sagte, dass er zu Hause bleiben wolle, wenn wir mal Kinder hätten, da war ich sehr geschockt", sagt Juliane. Später eröffnete ihr das unorthodoxe Familienmodell die Möglichkeit, eine 50- bis 60-Stundenwoche mit Dienstreisen zu absolvieren, ohne dass sie an ihrer Mutterrolle hätte verzweifeln müssen. "Ich konnte ihm immer die beiden Jungen überlassen, da war kein Kontrollanruf nötig."
Lars und Juliane kennen sich schon ewig, 25 Jahre sind sie zusammen. Dass sie sich ums Geld nicht sorgen müssen - das ist nicht das Verdienst der Molekularbiologin allein. Das haben sie zusammen erreicht, da sind sie beide sicher. "Wir sind ein gutes Team", sagen sie. Und wenn Lars um 14 Uhr das Büro verlässt, kontert er die neidischen Blicke der Kollegen mit dem Spruch: "Ihr müsst eben in die Schaffenskraft eurer Frauen investieren."
"Es hat ein Jahr gedauert, bis ich mich zur neuen Rolle bekannte"
Lisa König hingegen hat in ihrem Leben bisher alles allein geschafft und erwartet vielleicht das Gleiche von ihrem Andreas: Erfolg und Unabhängigkeit. Stattdessen hängt er an ihrem Rockzipfel - und das nervt. Ein Erfolgsmodell, das auf maximale Unabhängigkeit setzt, hat aber nun mal seine Grenzen - gerade dann, wenn Kinder im Spiel sind.
Davon kann Carsten Schubert, der mit Frau und zwei Töchtern in einem kleinen Ort im Rhein-Main-Gebiet lebt, ein Lied singen.
Weil der Chef ihm eine Teilzeitstelle verweigerte, hat Carsten vor ein paar Jahren seinen Job als Referent bei einem Verband an den Nagel gehängt - damals, als das erste Kind kam. Seine Frau Michaela ist als Beamtin die sichere Bank der Familie. Carsten sieht sich als den "männlichen Hinzuverdiener". Er hat Jobs als freiberuflicher Dozent, als Kommunikationstrainer oder als Englischlehrer für Kinder. Und er gründet ein Coaching-Unternehmen. Doch nun ist er erneut Vater geworden. So werden es insgesamt wohl sieben Jahre, die Carsten, ein studierter Betriebswirt, für seine dann drei Kinder mehr oder weniger in Elternzeit verbringen wird.
Der überzeugte Papa findet sein Leben zwischen Wickeltisch und Spielplatz wunderbar. Doch es macht ihm trotzdem zu schaffen, dass er als "Nur-Vater" auf Partys mit dem Job nicht punkten kann. "Es hat mindestens ein Jahr gedauert, bis ich mich zu diesem Beruf bekennen konnte", sagt er.
Phase des Übergangs und des Verzichts
45.000 Euro Jahresgehalt hat er in seinem alten Job bekommen. Jetzt sieht sich der 44-Jährige in einer Phase des Übergangs und des Verzichts. Carsten Schubert sagt, dass sich sein Leben aktuell anfühlt wie damals als Student. Doch dieses bitter-süße Lebensgefühl nimmt er hin, weil seine "Traumfrau" und er es so verabredet haben.
Als sich die beiden kennenlernten, haben sie sich mehr als hundert E-Mails geschrieben und sich intensiv über ihr Lebenskonzept und ihre Wertvorstellungen ausgetauscht - und die waren sehr ähnlich. "Wir wollen zeigen, dass es möglich ist, die Ängste vor einer ungewissen Zukunft zu überwinden, deshalb wollten wir Kinder", sagt Carsten. Zu ihrer Vereinbarung gehörte schließlich auch, "dass ich zu Hause bleibe und meine Frau arbeiten geht". Die Beziehung von Carsten und Michaela hat also so etwas wie einen "Gründungsmythos", der ihr Halt gibt.
Michaela ist eine leidenschaftliche Lehrerin und hat ihren Carsten also überzeugen können, dass es nicht allzu weh tut, wenn die Frau draußen in der Welt den Hauptjob macht und der Mann das Beziehungsschiff im Innern lenkt. Doch es fühlt sich ein bisschen komisch für ihn an. Es ist eine Phase.
Die finanziellen Unterschiede müssen auf den Tisch
Je stärker das Gefälle beim Verdienst, desto schwieriger ist es für Frauen, klar zu sagen, welche Erwartungen an den Partner es gibt. Als Sonja Richter, 34, sich verliebte und feststellte, dass sie doppelt so viel verdient wie ihr Herzbube, hat sie das tief im Innern beunruhigt, denn sie sah darin eine schlummernde Gefahr für das Glück der beiden. Also hat die Werbekauffrau, die in einem Hamburger E-Commerce-Unternehmen arbeitet und deren aktuelles Gehalt zu D-Mark-Zeiten "locker sechsstellig" gewesen wäre, bei ihrem Liebsten die Flucht nach vorn angetreten.
"Wir haben viel diskutiert darüber, ob Reinhold nicht auch weiter vorankommen möchte, beruflich. Er hat Potential. Aber er hätte zur Abendschule gehen oder seinen Meister machen müssen", sagt Sonja. Und ob er dann überhaupt einen Job in Hamburg bekommen hätte, war völlig unklar.
Niemand soll den anderen durchfüttern müssen
Reinhold arbeitet als Chemikant in der Industrie. Sein Einkommen ist an einen Tarifvertrag gebunden - "da macht man nicht so große Sprünge", sagt Sonja. "Mir ist es aber wichtig, dass er sich verwirklicht und nicht das Gefühl hat, dass er was verpasst." Inzwischen haben die beiden das vermeintliche Problem der finanziellen Ungleichheit als unwichtig begraben - und geheiratet.
Ein bisschen verunsichert Sonja das Rollentauschprojekt in ihrer Ehe wohl aber noch immer. Denn wie eine Bärin verteidigt sie ihren Mann als "gut aussehend" und "intelligent". Er habe auch ein tolles Hobby - "als Barkeeper". Außerdem haben die beiden eine klare Spielregel: Niemand soll den anderen durchfüttern müssen - jeder soll sein Ding machen. Denn mit einem Mann, der "stinkend faul" wäre, würde Sonja nicht zusammenleben wollen.
"Jeder braucht Bestätigung im Beruf zum Glücklichsein!" - diese Parole hat Sonja für die Beziehung laut und deutlich ausgerufen. Es ist eine klare Sache: Ein Pantoffelheld am Herd hat an ihrer Seite keine Chance. Auch Reinhold soll zu Höherem berufen sein.
*Name geändert.