Dax-Chefs: Die schlimmsten Phrasendrescher - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Top Ten: Die Klartexter unter den Konzernchefs

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Rhetorik von Konzernchefs So schmissig wie eine Doktorarbeit

"Ohne Klarheit in der Sprache ist der Mensch nur ein Gartenzwerg", heißt es in einem Popsong. Oder er ist Firmenchef - und quält Zuhörer mit Wortungetümen wie "Business-to-Business-to-Consumer-Wirtschaft". Kommunikationsforscher haben die heftigsten Phrasendrescher gekürt - und leuchtende Vorbilder.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die meisten Dax-Chefs sprechen einer Studie zufolge unverständliches Kauderwelsch. Auf einer Skala von 0 bis 10 erreicht die Verständlichkeit ihrer Reden 4,6 Punkte; im Vorjahr war sie mit 3,8 Punkten noch schlechter. Das ergab eine Untersuchung der Universität Hohenheim  in Zusammenarbeit mit dem "Handelsblatt" . Demnach waren Redebeiträge von Vorstandschefs eher so unverständlich wie Doktorarbeiten (0) und nicht so leicht zu verstehen wie Radio-Nachrichten (10).

Die Forscher untersuchten Rede-Manuskripte für die diesjährigen Hauptversammlungen. Die Reden enthielten Bandwurmsätze, abstrakte Begriffe und nicht erklärte Fachbegriffe. Außerdem spickten die Manager sie mit Wörtern, die beim Scrabble oder Galgenmännchen-Spiel beste Chancen hätten: SAP-Co-Chef Bill McDermott sprach von "Business-to-Business-to-Consumer-Wirtschaft", Münchner-Rück-Chef Nikolaus von Bomhard streute das Wort "Nicht-Leben-Rückversicherungsgeschäft" ein.

Die unverständlichste Rede hielt Reto Francioni, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse AG. Er schaffte es, 52 Wörter in einem einzigen Satz unterzubringen:

"Seit Einberufung der Hauptversammlung im Bundesanzeiger waren der festgestellte Jahresabschluss und der gebilligte Konzernabschluss, der zusammengefasste Lagebericht für die Deutsche Börse AG und den Konzern zum 31. Dezember 2012 sowie unser Vorstandsbericht nach Paragraph 289 Absatz 4 und 5 sowie Paragraph 315 Absatz 2 Nr. 5 und Absatz 4 des Handelsgesetzbuches zugänglich."

"...Plattform für den Austausch von Infrastrukturlösungen..."

Zum Vergleich: In Radiobeiträgen sind es meist nur sieben, acht Wörter pro Satz, um die Hörer nicht zu überfordern. Francioni erreichte damit einen Verständlichkeits-Wert von 1,3 - noch schlimmer als 2012 (2,6). Kaum besser schnitten Wolfgang Reitzle von der Linde AG (1,4) sowie Post-Chef Frank Appel (1,6) ab.

Siemens-Chef Peter Löscher brachte glatt 46 Wörter in einem Satz unter. Stellen Sie sich den mal gesprochen vor:

"Und es ist nicht nur der Ort, an dem unsere eigenen Städteplaner und Technikexperten an Infrastrukturlösungen von morgen arbeiten, sondern es ist eine Plattform für den Austausch zwischen unseren Experten und kommunalen Entscheidern der Städte und dient damit der Anbahnung von Kontakten, Lösungen und künftigem Geschäft."

Am besten zu verstehen war BASF-Chef Kurt Bock, auf dem Verständlichkeits-Index mit 7,4 bewertet. Er verdrängte Telekom-Chef René Obermann auf Platz zwei. Platz drei belegte RWE-Chef Peter Terium.

Das Problem: "Viele Vorstandsvorsitzende denken vor allem an Analysten und Wirtschaftsjournalisten, wenn sie auf der Hauptversammlung sprechen", sagte Studienautor Frank Brettschneider. "Sie vergessen, dass sie auch in die breite Öffentlichkeit wirken können." Dazu bedarf es aber einer Sprache, die auch jenseits der Fachkreise verständlich ist.

Fotostrecke

Büroleben: Elf Sätze für das Phrasenschwein

dpa-afx/mamk