Rennsportingenieurin bei der DTM - DER SPIEGEL
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Rennsportingenieurin bei der Arbeit: Bitte hier entlang durchs Ziel

Foto: Mercedes-Benz

Ingenieurin im Motorsport Sie denkt, er lenkt

Ein Dutzend Jungs in der Boxengasse - das ist ein Rennteam. Doch der Tourenwagenpilot Gary Paffett vertraut blind auf eine Frau: Romy Mayer zeigt ihm, wie's am schnellsten durchs Ziel geht. Jeden anderen Technikerjob fände die Ingenieurin zu langsam.
Von Peter Ilg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kaum zu glauben, dass hier gleich ein Autorennen startet. Auf der Start- und Zielgeraden in der Motorsport-Arena Oschersleben herrscht Trubel wie bei einem Volksfest. Die Autos stehen bereit, ganze Familien spazieren die Aufstellung ab. Kleine Täfelchen zeigen die Startpositionen an, gehalten von jungen Frauen mit langen Haaren und noch längeren Beinen in eng anliegenden Einteilern. Die Deutsche Tourenwagen-Masters (DTM) lässt Motorsportfans ganz nahe ans Geschehen heran.

Etwa zehn Männer stehen beim Auto von Gary Paffett, 32, auf Startplatz 12. Die Mechaniker tragen feuerfeste Anzüge, Ingenieure und andere Teamvertreter weiße Hemden und schwarze Hosen. Darunter nur eine Frau: Romy Mayer, 27, blond, zierlich, konzentriert. Paffett kommt zum Auto gelaufen, geht schnurstracks auf die Renningenieurin zu. Sie hat ihn schon erwartet, zeigt ihm den vorbereiteten Ausdruck eines Diagramms. Der Rennfahrer nickt, sie wünscht ihm viel Glück. Er steigt ins Auto und drückt auf den Starterknopf.

Paffetts Mercedes ist einer von 22 Sportwagen, die ihre brutale Kraft aus ungedämpften Auspuffrohren den 70.000 Zuschauern entgegenbrüllen. Eilig verlassen die letzten Zuschauer die Piste.

Romy Mayer ist nun machtlos. Sie hat keinen Einfluss mehr, wo ihr Schützling Paffett nach 51 Runden stehen wird.

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Dabei vertraut er ihr blind, Romy Mayer gehört zu den zwei wichtigsten Ingenieuren in seinem Rennstall: "Der Fahrzeugingenieur macht das Auto schnell, Romy mich", sagt Paffett. Er fährt sein 100. DTM-Rennen an diesem Tag. Doch ohne ihre Hilfe hat der Engländer kaum Chancen: "In kurzer Zeit wertet sie Daten aus und findet Lösungen, wie ich schneller werde."

Entscheidend ist die Tagesform

Die Daten liefern Sensoren im Auto. Beispielsweise die Stellung von Gas und Kupplung, der Bremsdruck, der Lenkwinkel. Mit einer speziellen Analysesoftware werden die Daten aller sechs Autos des Rennstalls verglichen. Frühes Einlenken oder spätes Einbremsen? Die Grafiken zeigen, an welcher Stelle des Kurses welcher Fahrer wie agiert und welches Verhalten das Fahrzeug schneller macht.

Das strenge Reglement der DTM schreibt viele Details der Autos vor, bis hin zur Gummimischung der Reifen. Das führt dazu, dass die Fahrzeuge nahezu gleichwertig sind: Nur eine Sekunde trennt den schnellsten vom langsamsten Fahrer pro Runde in Oschersleben, also auf 3,7 Kilometern.

Entscheidend für Sieg oder Niederlage ist daher die Tagesform des Fahrers, die Reifenstrategie und das Zusammenspiel der Teammitglieder. "Ich arbeite darauf hin, Garys Rundenzeit in jedem Streckenabschnitt, beim Start und der Fahrt in die Boxengasse zu optimieren", so Mayer. Die Fakten liefert der Computer, überzeugen muss sie selbst. Dafür ist eine viel Menschenkenntnis und Einfühlungsvermögen notwendig.

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Foto: Stephanie Pilick/ picture alliance / dpa

Als zierliche Blondine musste Mayer auch dem Rennteam erst einmal beweisen, dass sie etwas von der Technik versteht, Ausdauer hat und selbst unter Stress einen kühlen Kopf behält. Inzwischen ist ihr das Team zur Ersatzfamilie an den Rennwochenenden geworden. "Wir arbeiten auf engstem Raum zusammen, und das deutlich länger als in den meisten Bürojobs." Ihr gefällt, dass jeder Handgriff unmittelbare Auswirkungen hat - anders als in vielen anderen Ingenieurberufen. "Ich kann es mir nicht vorstellen, fünf Tage in der Woche am Schreibtisch zu sitzen, um ein Bauteil zu entwickeln, das in drei Jahren auf den Markt kommt." Für Mayer sind schon Minuten eine Ewigkeit.

Was sie bei der Arbeit vermisst, sind andere Frauen. "Ich genieße es, zu Hause mit meinen Freundinnen über Themen zu quatschen, die die Jungs hier nicht interessieren." Und sie freut sich, daheim den Kleiderschrank zu öffnen, aus dem es bunt leuchtet. Weißes Hemd und schwarze Hose sind zu Hause in Schorndorf tabu.

"Ich falle sofort auf"

Dort, vor den Toren Stuttgarts, ist Mayer aufgewachsen. Der Vater vererbte ihr die Technikbegeisterung, riet ihr aber, auch Wirtschaftskenntnisse zu erwerben. Nach dem Abitur schrieb sie sich an der Hochschule Esslingen in Wirtschaftsingenieurwesen ein. Drei Semester studierte sie, machte ihr erstes Praktikum im Controlling und stellte fest: "Wirtschaft ist gar nichts für mich."

Sie sattelte um auf Fahrzeugtechnik und trat ins Formula-Student-Team der Hochschule ein. In diesem Wettbewerb messen sich Hochschulteams auf der Rennstrecke. Dort und in ihrem Abschlussjahrgang war sie die einzige Frau: "Ich falle unter lauter Männern sofort auf." Sie fühlte sich oft beobachtet und entwickelte einen enormen Ehrgeiz. "Um in dieser technischen Männerwelt bestehen zu können, muss ich besonders gut sein."

Mit dem Formula-Student-Team landete sie unter den Top-Ten - und kann seither vom Rennsport nicht mehr lassen. Ihre Diplomarbeit schreibt sie bei AMG in Affalterbach, wo Sportversionen von Mercedes-Modellen entwickelt werden. Schließlich landet sie bei HWA in direkter Nachbarschaft, der Firma, die das DTM-Engagement von Mercedes managt. "Wir entwickeln und bauen die Autos, setzen sie bei den Rennen ein und betreuen die Teams", erklärt HWA-Vorstandsvorsitzender Gerhard Ungar.

Und Paffett in Oschersleben? Hat ein glänzendes Rennen gefahren. Er überholte sechs Autos, fuhr als Sechster über die Ziellinie. Der Fahrer war auf der Ideallinie unterwegs, Mayer ist sehr zufrieden.

Peter Ilg (Jahrgang 1960) arbeitet als freier Journalist in Aalen und schreibt vor allem über Berufe und Karrieren.