Krokodiltraining im Zoo: Echse Audrey sieht Rot
Krokodilbändiger "Hunde beißen mich immer"
Krokodile, das weiß doch jeder, sind keine Kuscheltiere. Sie sind als hinterhältig zuschnappende Lauerjäger berüchtigt. Ralf Sommerlad findet das unfair: "Für Elefanten, Eisbären und Pandas spendet doch jeder. Krokodile sind die Underdogs der Tierwelt." Der 62-Jährige ist Deutschlands bekanntester Krokodilexperte. Zusammen mit einem Kollegen hat er das Standardwerk "Krokodile: Biologie und Haltung" geschrieben und berät heute Zoos rund um die Welt im Umgang mit den gefährlichen Fleischfressern.
So wie jetzt in Hagenbecks Tierpark in Hamburg. Unter Sommerlads Schirmmütze lugt ein raues Gesicht mit grauem Schnauzer hervor, auf dem Shirt prangt ein Krokodillogo, und die Jeans hält ein Gürtel aus Leder, natürlich Krokodilleder. Sommerlad schaut im tropisch gehaltenen Gehege gerade einem Tierpfleger beim Krokodil-Training über die Schulter. In der Hand hält er einen fingerdicken Bambusstab, den er warnend auf ein Krokodil richtet, das regungslos wie ein Stein hinter den beiden Männern liegt. Als ob er die gewaltige Panzerechse damit im Ernstfall tatsächlich aufhalten könnte.
Ebenfalls einen Stab hält der kauernde Tierpfleger neben ihm in der Hand. Zur besseren Sichtbarkeit hat er die Spitze mit rotem Papier umwickelt, stochert damit im Sand herum und ruft ein zweites Krokodil aus dem Wasser: "Audrey. Komm. Komm, Audrey", wie nach einem Schoßtier. Und plötzlich: Audrey, ein mächtiges Nilkrokodil, tapst tatsächlich ans Land in Richtung der roten Stabspitze. "Siehst du", sagt Sommerlad und grinst zufrieden, "Krokodile hören auf Namen. Jetzt wirf ihr eine Belohnung hin."
Tierische Karrierestrategien: Aufsteigen wie die Affen
Der Experte bringt Tierpfleger Florian Ploetz bei, wie er Krokodile auf Kommando an einen Ort locken kann. Das ist dringend nötig: "Wenn wir das Becken reinigen wollen, müssen wir manchmal lange warten, bis die Tiere endlich von alleine aus dem Wasser kommen", sagt Ploetz. Mit den Tipps des Experten soll das bald schneller gehen.
Aber wie wird man das überhaupt, Krokodilfachmann? "Eine akademische Ausbildung habe ich nicht", gesteht Sommerlad. "Ich bin Autodidakt und befasse mich seit 45 Jahren intensiv mit Krokodilen." Tatsächlich arbeitet er den größten Teil des Jahres als Versicherungsmakler in Frankfurt am Main. Denn leben könne er von seinem Nebenjob als Krokodilexperte nicht. Was er damit verdient, decke gerade mal für die Kosten für seine Forschungen. Dafür bietet der Krokojob andere Vorteile. Zum Beispiel kann Sommerlad dank der Tiere die Welt bereisen.
Alligatoren lächeln immer
Asien, Australien, Amerika - wo Krokodile zu Hause sind, fährt auch er regelmäßig hin. Zu jeder Unterart kann er Geschichten erzählen. Etwa, dass der China-Alligator das Vorbild für den chinesischen Drachen war. Oder dass der Gangesgavial zwar mächtig aussieht, mit seiner langen, dünnen Schnauze für Menschen aber ungefährlich ist. Und dass Alligatoren durch die besondere Zahnreihe im Gegensatz zu ihren Verwandten, den Krokodilen, stets zu lächeln scheinen.
Meist enden Sommerlads Geschichten allerdings traurig: "Kaum noch Lebensraum." - "Sinkende Population." - "Fast ausgestorben." Deswegen habe er auch nichts gegen Zoohaltung von Krokodilen. "Ohne Zoos würden wir viel weniger über sie wissen und könnten Menschen nicht so leicht für den Artenschutz begeistern."
In einem Zoo, dem seiner Heimatstadt Frankfurt, sah er als Kind sein erstes Krokodil in echt. Wenn er davon erzählt, klingt er wie ein Autoliebhaber, der einen Sportwagen beschreibt: "Lackschwarz. Mit gelben Querbändern." Es ist das typische Merkmal junger Mississippi-Alligatoren. Im Frankfurter Zoo begann Sommerlad Ende der Sechzigerjahre eine Ausbildung zum Tierpfleger.
"Ich wollte alles über diese Biester wissen"
Doch diese Karriere währte nicht lange. Wohnung, Auto, Familie: Das war bei seinem Tierpfleger-Gehalt nicht drin. Schon bald brach er die Ausbildung ab und ging in die lukrativere Versicherungsbranche. Trotzdem ließen ihn Krokodile nicht mehr los. "Ich wollte alles über diese Biester wissen." Statt Urlaub zu machen, besuchte er in den kommenden Jahren Krokodilexperten in aller Welt, um von ihnen zu lernen oder sie auf Forschungsreisen zu begleiten.
"Audrey. Komm. Komm, Audrey." Der Tierpfleger wiederholt in Hagenbecks Tierpark immer noch mantraartig seinen Lockruf. Und das Nilkrokodil tapst ein paar weitere Zentimeter auf den Stab zu. Schon bald, so hofft Pfleger Ploetz, könne er alle vier Krokodile des Tierparks gezielt aus dem Wasser rufen. Neben dem praktischen Nutzen, meint Trainer Sommerlad, mache den Tieren das Training auch noch Spaß und sei gute Beschäftigung. "Sonst würden die gar nicht mitmachen."
Statt in die Sümpfe Alabamas geht's zurück an den Schreibtisch
Am Ende des Tages geht es für den Krokodilfachmann zurück. Aber nicht in die Sümpfe Alabamas oder an die Küsten Indiens. Sondern nach Frankfurt ins Büro. Sein Zoo-Training könne er wegen des Hauptjobs nur einmal im Jahr anbieten, sagt er. Und dann suche er genau aus, welcher Zoo seine Beratung bekommt. "Krokodil-Showprogramme oder artwidrige Haltung wird es mit mir nicht geben." Hagenbecks Tierpark sei mit dem 400.000 Liter fassenden Krokodilbecken in der Haltung vorbildlich.
Noch lieber als in Zoos schaut sich Sommerlad Krokodile aber in freier Natur an. Auch wenn das schon mal gefährlich werden kann. In Australien sei mal ein fünf Meter langes Krokodil wie aus dem Nichts direkt vor seinem kleinen Boot aufgetaucht, erinnert er sich. "Zum Glück ist es wieder abgedreht, sonst wäre ich heute nicht hier." Fast noch mehr Respekt als vor Krokodilen habe er allerdings vor Hunden, sagt Sommerlad: "Ich weiß nicht warum, aber die beißen mich immer."
Markus Huth (Jahrgang 1982) ist Chefredakteur von "Weltseher" , einem digitalen Magazin für Reportagen. Daneben arbeitet der studierte Archäologe und ausgebildete Nachrichtenredakteur als Autor und Fotograf für renommierte Print- und Online-Medien. Gerade lebt er im bulgarischen Plovdiv und schreibt ein Buch für den Random House Verlag.