Erste Hilfe Karriere Der Affe auf dem Chefsessel
Ein Experiment mit Affen verlief kurios: Die Forscher pickten sich aus den Käfigen jene Tiere, die bei Rangkämpfen immer unter die Räder kamen, die geborenen Verlierer. Die Affen bekamen Elektroden in den Kopf gepflanzt, um das Nervenzentrum für Drohgebärden anzuregen. Danach entließ man die Affen zurück in die Käfige. Sie waren nicht stärker und nicht schlauer als vorher. Geändert hatte sich nur ihr Verhalten: Die "gedopten" Affen spielten sich zu Chefs auf und schüchterten die anderen ein.
Der Erfolg war grandios: Die gedopten Tiere stiegen in der Rangordnung zu Chefaffen auf. Es kam nicht auf Muskel- oder Gehirnmasse an - nur auf das Gehabe. Groteske Pointe: Als man den manipulierten Tieren die Elektroden wieder entfernte, fielen sie nicht auf ihren alten Rang in der Hackordnung zurück. Sie blieben an der Spitze.
Die Beförderungs-Kriterien der deutschen Firmen laden zu einem solchen Affenverhalten ein. Denn wofür - außer für Fachwissen - wird man in Deutschland mit einer Beförderung belohnt? Etwa für Verhaltensweisen, die auf soziale Kompetenz schließen lassen? Dafür, dass man sich in die Teamarbeit kniet, den Werkstudenten bei seiner Diplomarbeit unterstützt und jedem Kollegen, der Sorgenfalten trägt, ein offenes Ohr schenkt?
Wer sich so verhält, gilt bei seinen Chefs bestenfalls als "nett" - was freundlicher klingt als "naiv" und "beförderungsuntauglich", aber exakt dasselbe meint. Soziales Verhalten wird oft als Hinweis auf Durchsetzungsschwäche und mangelnden Ehrgeiz diskreditiert.
Höher angesehen sind Imponier-Affen. Sie sind Meister darin, sich selbst ins rechte Licht zu rücken - und ihre Kollegen in den Schatten zu stellen. Beispiele:
- Ein Konzept, das eine Kollegin erarbeitet hat, tauft der Imponier-Affe durch Handauflegen auf seinen eigenen Namen um - und verkauft es so nach oben.
- Einen möglichen Geschäftspartner der Firma, den er vor Jahren aus der Ferne gesehen hat, stellt er als "Duzfreund" dar.
- Wenig spektakuläre Aufgaben lässt er auf wundersame Weise von seinem eigenen Schreibtisch auf den eines Kollegen wandern. Soll der sich um die Routine kümmern!
- Und natürlich nimmt er die Teamsekretärin so selbstverständlich in Beschlag, als hätten er die dritte Beförderung schon hinter sich - statt noch auf die erste zu warten.
Beim Delegieren, einer Prestigetätigkeit, gehen die Beförderungskandidaten gegenüber Kollegen mit taktischem Geschick vor. Zum Beispiel hat sich beim Weiterreichen langweiliger Arbeit die Tom-Sawyer-Taktik bewährt.
Management by Tom Sawyer
Leser von Mark Twain erinnern sich: Tom wurde von Tante Polly dazu verdonnert, bei bestem Badewetter einen alten Zaun zu streichen. Eine schlimme Strafarbeit! Doch was tat Tom? Er stellte seine Pinselei den vorbeikommenden Kindern als reizvollste Sache der Welt dar, als eine Verantwortung, die längst nicht jedem Jungen übertragen würde. Schon wurde ihm der Pinsel fast aus der Hand gerissen - und Tom war nicht nur seine Arbeit los, er kassierte auch noch Lohn dafür, dass andere für ihn arbeiten durften.
Zum Beispiel sagt der Karriererist zum Kollegen: "Du weißt doch, wie wichtig der Geschäftsführung unsere Verkaufsstatistik ist. Ich habe fast ein schlechtes Gewissen, dass ich mich jedes Mal mit diesen Federn schmücken kann. Wenn du willst…" Und schon ist er die lästige Arbeit los, bekommt die Zahlen auf dem Silbertablett serviert - und wird sich die Federn natürlich doch an den eigenen Hut stecken, etwa indem er die Zahlen auf dem mündlichen Weg schon mal nach oben übermittelt.
Wer sich so verhält, verhält sich wie im Affenkäfig. Der Effekt ist oft derselbe: ein Aufstieg in der Hierarchie, den die Mitarbeiter ausbaden müssen; denn der wahre Charakter eines Menschen, bis dahin oft durch Anpassung verborgen, schält sich in der Chefposition unbarmherzig heraus.
Bei Kurt Tucholsky heißt es: "Wenn man einen Menschen richtig beurteilen will, so frage man sich immer: 'Möchtest du den zum Vorgesetzten haben?'"