Erste Hilfe Karriere Gärtner einer Gurkentruppe
Gurken im Gewächshaus: Martin Wehrle appelliert an die Personalverantwortung von Führungskräften
Foto: Bodo Marks/ picture alliance / dpaDer Abteilungsleiter Gero Braun, ein Endvierziger im Nadelstreifen, hatte sich eine geschlagene Stunde über seine Mitarbeiter ausgeheult: wie faul, wie dumm, wie unzuverlässig sie doch seien. "Sobald ich mal einen Tag weg bin, bricht der ganze Laden zusammen", sagte er am Ende.
Nun sah er mich, den Coach, mit einem Zustimmung heischenden Blick an. Vielleicht hoffte er, dass ich "Sie Ärmster!" rufen und seine Klage unterstützen würde. Aber ich hatte eine andere Idee: "Sie halten Ihre Mitarbeiter also für einen ziemlich unfähigen Haufen?" fragte ich. "Ja, das bringt es auf den Punkt." - "Wie groß ist Ihre Abteilung?" fragte ich. "Zwölf Mitarbeiter. Acht Männer, vier Frauen." "Wie viele dieser Mitarbeiter haben Sie selbst eingestellt?"
Nun war mir so, als würde ihn der Stolz ein paar Zentimeter auf seinem Stuhl wachsen lassen: "Alle zwölf. Ich bin schon seit 15 Jahren der Chef, hab die Abteilung selbst aufgebaut." "Dann haben Sie 15 Jahre lang nur Versager um sich versammelt - warum eigentlich?"
Sein Mund öffnete und schloss sich tonlos. Wie bei einem Fisch im Aquarium. Er begann, auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen. "Aber wie kommen Sie… Ich habe doch nicht… Ich meine…"
Dann hatte er sich gesammelt: "Ich musste nehmen, was der Arbeitsmarkt hergab." - "Also nur unfähige Bewerber?" fragte ich, und weiter: "Nur eine Sekretärin, die - wie Sie sagen - zu dumm zum Kaffeekochen ist? Nur ein Stellvertreter, der - ich zitiere Sie - 'die Zügel aus der Hand gibt, sobald ich aus der Tür gehe'? Und nur Fachleute, die - wieder Ihre Worte - 'sich brennend für die Fußballspiele am Wochenende, aber kein bisschen für die Arbeit und die Firma interessieren'?"
Gero Brauns Unruhe steigerte sich. Er glitt von einer Stuhlseite zur anderen, als würde die Sitzfläche wie eine Herdplatte erhitzt. Ich bohrte weiter: "Wer trägt die Personalverantwortung für diese Mitarbeiter?" "Na ich", rief er trotzig.
Führung heißt zuerst: positive Gefühle wecken
"Und heißt Personalverantwortung nicht auch, dass Sie verantwortlich für die Arbeitsleistung und die Arbeitseinstellung Ihrer Mitarbeiter sind? Vom Anheuern ganz zu schweigen." Wütend stampfte Braun mit seinem Lackschuh auf den Boden: "Worauf wollen Sie eigentlich hinaus? Soll ich etwa die Schuld an diesem ganzen Schlamassel tragen - und nicht meine Mitarbeiter?"
Er hatte es begriffen. Endlich.
Vielen Chefs geht es wie diesem Abteilungsleiter: Oben in der Hierarchie sehen sie den Himmel, unten die Hölle. Aber über die Tatsache, dass sie selbst keine Engel sind, sehen sie selbstgefällig hinweg. Wenn Mitarbeiter keine Lust mehr auf ihre Arbeit haben - wie oft hat ihnen ein Chef diese Lust ausgetrieben! Wenn Mitarbeiter schlecht informiert sind - wie oft hat ihnen ein Chef das Wissen und die Fortbildungen verweigert! Wenn Mitarbeiter keine Initiative zeigen - wie oft hat ein Chef ihre früheren Ideen abgeschmettert!
Die Stimmung, die Motivation, die Arbeitsleistung der Mitarbeiter: Sie sind nur ein Spiegel, in dem ein Chef seine eigene Führung sieht. Wer mit einem Finger auf seine Mitarbeiter zeigt, zeigt mit drei Fingern auf sich selbst.
Welche Aufgabe hat eine Führungskraft? Gute Laune zu verbreiten, sagt der bekannte Psychologe Daniel Goleman. In seinem Buch "Emotionale Führung" schreibt er, Chefs sollten "in den Menschen, die sie führen, positive Gefühle wecken. Die wichtigste Aufgabe einer Führungskraft liegt im Bereich der Emotionen".
Kein Gärtner trampelt seine Gewächse platt
Die Stimmung des Chefs ist wie ein Virus: Sie springt aufs ganze Team über, sorgt für Kummer- oder Lachfalten, je nachdem. Verbreitet ein Chef schlechte Laune, kann das tödlich sein, sogar im wörtlichen Sinne. So lag in einer kardiologischen Station, wo das Personal die Köpfe hängen ließ, die Todesrate viermal höher als in vergleichbaren Stationen, wo mehr gelacht wurde! Und bei Versicherungen muss man nicht auf die Zahlen, nur in die Gesichter der Mitarbeiter schauen, um die Geschäfte vorauszusagen: Je besser die Laune, desto größer der künftige Erfolg.
Ein guter Chef ist wie ein Gärtner: Er sorgt in seinem Gewächshaus für ein gedeihliches Klima, er legt ein Beet an und setzt jeden Mitarbeiter dort ein, wo der am besten gedeiht. Jeder bekommt so viel Rückmeldung, so viel Fortbildung, so viel emotionalen Rückenwind, dass er wachsen und gedeihen kann.
Aber was passiert, wenn ein Chef schlechte Stimmung verbreitet, wenn er die Geschäftszahlen anbetet und seine Mitarbeiter verachtet: als Kostenstellen und Geldverschwender, als Faulpelze und Kaffeekränzchen-Könige? Dann ziehen seine Mitarbeiter die Köpfe ein.
Aber wie sollen sie dann noch wachsen, diese Kleingemachten? Stellen Sie sich vor, ein Gärtner würde auf den schlechten Zustand seiner Pflanzen schimpfen, ohne Rücksicht darauf, dass er sie nie gießt und täglich mit Gummistiefeln durchs Beet trampelt.
Solche Gärtner gibt es nicht, sagen Sie? Solche Chefs gibt es sehr wohl.