Der Bauer und sein Melkroboter Mein Kuhstall wird digital
Hightech im Kuhstall
Foto: SPIEGEL TVMelkt der Roboter die Kühe, hat der Bauer keine Mühe. Dieser Spruch könnte sich in den kommenden Jahren als moderne Bauernregel durchsetzen. Kein krummer Rücken mehr, kein Aufstehen zu nachtschlafender Zeit - für viele Milchbauern bedeutet die Digitalisierung einen Gewinn an Lebensqualität. Doch die vollautomatischen Helfer kosten viel Geld - und Landwirte fragen sich, ob sie sich die teure Investition in einen digitalen Kuhstall überhaupt noch leisten können.
Wie so eine Maschine funktioniert? Ganz einfach. Zur Melkzeit serviert der Roboter Kraftfutter, das die Kühe anlockt. Mit Sensoren gesteuert, setzt der Roboter dann sein Melkgeschirr an und reinigt die Zitzen. Der Computer misst die Milchleistung der Kühe und stellt fest, wenn etwas nicht stimmt. Er merkt auch, wenn eine Kuh nicht zum Melken erscheint, und schickt eine Meldung zum Landwirt.
Ein Melkroboter bei der Arbeit
Foto: Felix Kästle/ dpa"Der Lebensrhythmus wird nicht mehr von den Melkzeiten diktiert", lobt Markus Peters vom Bayerischen Bauernverband den technischen Fortschritt. Die Hoffnung auf eine gesunde Work-Life-Balance hat sich also auch auf dem Land herumgesprochen. Es prüft und saugt der Heinzelmann, wo der Bauer sonst nur melken kann.
Auch Landwirt Hans Foldenauer stand vor der Wahl: Mensch oder Maschine? Er habe überlegt jemanden einzustellen, sagt der Sprecher des Bundesverbands deutscher Milchviehhalter (BDM). Doch wegen der sehr niedrigen Arbeitslosigkeit in seiner Region sei es schwer, Arbeitskräfte zu finden.
Milchwirtschaft in der Krise
Mindestens genauso schwer ist es derzeit, vom Milchverkauf überhaupt zu leben. Die Erzeugerpreise sind in vielen Regionen Europas so tief gesunken, dass die Landwirte Verluste machen. Es sind also nicht die besten Zeiten, um in teures Equipment zu investieren - auch wenn kein Milchbauer seine Entscheidung von der kurzfristigen Marktsituation abhängig mache, betont Foldenauer. "Das sind langfristige Entscheidungen, das dauert oft ein bis zwei Jahre, bis die Finanzierung steht und alle erforderlichen Genehmigungen da sind." Doch wirtschaftliche Auswirkungen hat der Preisverfall bei Milch, Getreide und Schweinefleisch durchaus. So investieren die Bauern inzwischen spürbar weniger in neue Landtechnik, wie der Agrarhandelskonzern Baywa kürzlich berichtete.
Ein Melkroboter kostet je nach Hersteller etwa 150.000 Euro oder mehr. Und damit ist es in vielen Fällen nicht getan: Bevor der Roboter installiert werden kann, muss häufig der Stall um- oder sogar ganz neu gebaut werden. Das ist so teuer, dass sich die Investition erst ab einer Zahl von etwa 50 bis 60 Kühen lohnt. Doch ein bayerischer Milchbauer hält im Schnitt 40 Tiere, sagt Foldenauer.
Hightech für Kleinbauern - ein Dilemma
Hat ein Bauer 80 Kühe, muss er überlegen, auf über 100 aufzustocken - damit sich zwei Melkroboter rechnen. Das Dilemma betrifft vor allem kleine Höfe im Süden und in der Mitte Deutschlands, im Norden sind die Betriebe traditionell größer. Anfang Mai gab es nach den Daten des Statistischen Bundesamts noch 4,3 Millionen Milchkühe in Deutschland, verteilt auf 71.302 Betriebe. Die meisten Milchbauern - derzeit noch fast 32.000 - gibt es in Bayern.
Eine Kuh
Foto: Caroline Seidel/ dpaWer sich für Investition und mehr Vieh entscheidet, muss mit weiteren Nebenwirkungen rechnen. Und die sind wahrhaftig Mist: Will ein Bauer mehr Kühe halten, braucht er größere Flächen. Der Grund: Mehr Kühe produzieren auch mehr Gülle. Die Bauern dürfen aber ihre Gülle nicht beliebig auf Felder und Weiden kippen, damit der Boden nicht mit einem Übermaß an Stickstoff belastet wird. Deshalb muss ein Landwirt in der Regel auch mehr Boden pachten oder kaufen, wenn er mehr Tiere halten will. "Das führt zur extremen Knappheit der Flächen", erklärt Ulli Leiner, Biobauer im Allgäu und Grünen-Landtagsabgeordneter. Ein Güllehandel wie in Norddeutschland und den Niederlanden hat sich im Süden noch nicht durchgesetzt.
Killt Hightech also die kleinen Höfe? Nein, sagt Bayerns Agrarminister Helmut Brunner. "Ich glaube nicht, dass die Digitalisierung den Strukturwandel beschleunigt. In Mecklenburg-Vorpommern und in Niedersachsen sind es derzeit eher die größeren Betriebe, die zusperren." Auch der Bauernverband geht davon aus, dass gerade kleine Höfe von Melkrobotern profitieren, weil sie so effizienter arbeiten können. "Das könnte sogar eine Chance sein", sagt Peters.