Bürofahrrad im Test: Bewegung am Schreibtisch, ganz nebenbei
Deskbike im Büro-Test Am Schreibtisch auf Radtour
Sie können sich abstrampeln, wie Sie wollen, Sie kommen nicht vom Fleck? Dann sind Sie entweder im falschen Job - oder Sie haben ein neues Bürogerät, das die schädlichen Auswirkungen des stundenlangen Sitzens am Schreibtisch kompensieren soll.
Nach den "walking desks", Laufbändern mit integriertem Schreibtisch, die in etlichen amerikanischen Büros mittlerweile zum Standard gehören, kommen nun die "desk bikes": Ergometer, die Büromenschen helfen sollen, die nötige Portion Bewegung in den Arbeitsalltag einzubauen.
Kann das funktionieren? Ein Test mit dem "Deskcise Pro" der chinesischen Firma Flexispot soll diese Frage klären.
Das Tischfahrrad kommt in einem erstaunlich kompakten Karton: Knapp 90 Zentimeter hoch, 85 Zentimeter breit, 35 Zentimeter tief. Beim Auspacken bin ich positiv überrascht: Die mitgelieferte Anleitung ist eigentlich überflüssig, denn die Montage ist in drei Minuten auch ohne sie erledigt. Berechtigt allerdings ist die Frage eines Kollegen: "Wozu brauchst du die Reflektoren an den Pedalen?"
In der Tat: Auch in der Dämmerung kommt es an Schreibtischen in unserem Großraumbüro eher selten zu Auffahrunfällen. Vermutlich stammen die Pedale von einem Fahrrad-Zulieferer. Aber die mitgelieferten Gummistulpen, die die Pedale barfußfreundlich machen, verdecken die Reflektoren ohnehin.
Bürofahrrad im Test: Bewegung am Schreibtisch, ganz nebenbei
Sitzhöhe, Tischhöhe und Tischtiefe sind schnell einzustellen. Angenehm: Das Gerät ist kabellos, man kann es frei im Raum positionieren. Noch angenehmer: Es ist sehr, sehr leise. Keine genervten Blicke von den Kollegen; zwei Tische weiter bekommt akustisch keiner mit, ob ich gerade trete oder pausiere.
Zwei kleine Batterien betreiben das Display, das Geschwindigkeit, Trainingsdauer und Distanz anzeigt - angeblich auch den Kalorienverbrauch, aber da man keine personenbezogenen Daten eingeben kann, ist das kein aussagekräftiger Wert. Daten-Junkies werden die Möglichkeit vermissen, das Gerät mit dem eigenen Fitnesstracker zu verbinden (oder die aktuellen Daten auf einem kleinen Fenster am Rechner angezeigt zu bekommen). Es ist konsequent offline, was andererseits auch sehr entspannend ist.
Der Coolness-Faktor tendiert allerdings gegen Null. Das Gerät sieht eher nach Reha als nach Lifestyle aus.
Aber: Der Sitz ist sehr bequem, und die Bewegung fühlt sich gut an. Der magnetische Trittwiderstand lässt sich in acht Stufen dosieren. Für dieses niedrigschwellige Bewegungsangebot brauche ich viel weniger Aufraff-Kraft als etwa für eine Joggingrunde in der Mittagspause.
Und das bleibt auch so, nachdem der Neuigkeitswert abgeklungen ist; ich setze mich immer wieder gern mal zwischendurch aufs Deskbike. Außerdem kann man den Tisch so weit verschieben, dass man das Gerät auch als einfaches Stehpult nutzen kann - eine sinnvolle Zusatzfunktion für Büroarbeiter.
Ich finde das "desk bike" insgesamt gut, frage aber lieber noch mal eine Fachfrau - Caroline Werkmeister, ärztliche Leiterin des Athleticums am Universitätskrankenhaus Eppendorf (UKE) in Hamburg. Die Orthopädin und Sportmedizinerin meint: "Jede Art von Bewegung ist besser als keine Bewegung", hat aber auch Kritisches anzumerken: "Die Haltung auf einem solchen Gerät ist physiologisch nicht optimal."
Bei der Arbeit am Schreibtisch sei oft eine gekrümmte Haltung das Problem. "Man hält die Schultern etwas nach vorn gerollt und den Nacken gebeugt; hier wäre ein Ausgleich besser, der die Körperhaltung mehr öffnet", sagt sie. "Wenn man auch zum Sport noch am Schreibtisch verharrt, ist das nicht gegeben."
Außerdem vermutet sie: "Die Produktivität ist wahrscheinlich bei den meisten Menschen niedriger, wenn man nebenbei noch radelt oder geht." Eine These, die sich in meinem Versuch bestätigt hat: Zwar fällt die Konzentration beim Radeln leichter als beim Gehen an einem "walking desk", ich habe aber dennoch das Gefühl, dass die Bewegungsabläufe ein paar Synapsen belegen, die ich bei sehr konzentrierten Tätigkeiten anderweitig brauche. Das mag allerdings Gewöhnungssache sein.
Das "Deskcise Pro" kostet beim Hersteller 560 Euro (die tischlose Version, die man unter den eigenen, höhenverstellbaren Schreibtisch schieben kann, ist für 430 Euro erhältlich).
Das Testgerät wurde der Redaktion leihweise kostenlos zur Verfügung gestellt.