Erstsemester Ende 40: Alles auf Anfang
Bachelor mit Ende 40 Die Spätzünderin
Irgendwann saßen Barbara Schürger, 48, und ihr Sohn zusammen hinter den Büchern. Er stand kurz vor dem Abitur, sie lernte für ihre Klausuren im Fach Wirtschaftspsychologie. "Dass wir einmal gemeinsam paukend am Küchentisch sitzen würden, hätten wir wohl beide nicht gedacht", sagt sie.
Barbara Schürger ist eine Spätzünderin. Mit 45 Jahren, nach der Trennung von ihrem Mann, entschied sich die vierfache Mutter dazu, ihr bisheriges Leben umzukrempeln und einen Neuanfang als Studentin zu wagen.
Dass jemand in Schürgers Alter noch einmal ein Studium oder eine Ausbildung beginnt, ist selten. Im Wintersemester 2013 betrug das Durchschnittsalter deutscher Studenten nur 25,2 Jahre. In ihrem Semester war Barbara Schürger mit einigem Abstand die Älteste. Die meisten ihrer Kommilitonen waren so alt wie ihre Kinder. Anfangs wurde sie öfter für eine Dozentin gehalten, ein Kommilitone traute sich nicht, sie zu duzen: Das sei eine Frage des Respekts. "Nach ein paar Wochen spielte der Altersunterschied dann keine Rolle mehr", erzählt Schürger.
Promotion mit 62 Jahren: Schaustellerin mit Doktorhut
Sie hatte schon einmal studiert, direkt nach dem Abitur, in Jülich, Medizintechnik. Als ihr zweites Kind zur Welt kam, legte sie eine Pause ein und beschloss irgendwann, ganz zu Hause zu bleiben. "Für eine Mutter war es damals nicht einfach an der Hochschule. Einen Hund konnte man problemlos mit in die Vorlesung bringen, mit einem Baby auf dem Arm dagegen wurde man seltsam angeschaut", erinnert sie sich. "Eine flächendeckende Kinderbetreuung oder gar einen Anspruch auf einen Kita-Platz gab es noch nicht."
Heute bereut sie sehr, dass sie das Studium nicht abgeschlossen hat. Doch als sie vor gut drei Jahren beschloss, es noch einmal zu versuchen, entschied sie sich gegen die Ingenieurwissenschaften. "Auf diesem Gebiet hat sich so viel verändert - auch in meinem alten Fach hätte ich komplett neu anfangen müssen." Auch ihre Interessen sind heute andere: "Mehr in Richtung Wirtschaft und Menschen."
Schürger entschied sich für das Fach Wirtschaftspsychologie an der privaten Fachhochschule Fresenius in Köln, ein Job im Personalmanagement schwebte ihr vor. Zur Finanzierung brauchte sie einen Teil ihrer Altersersparnisse auf: "Ich denke, dass Bildung die beste Investition in meine Zukunft ist. Mich bestärkte die Aussicht, auf eigenen Beinen stehen zu können."
Zu alt für eine Berufsanfängerin?
Für Barbara Schürgers Kinder war die Entscheidung anfangs nicht einfach, schließlich mussten sie jetzt mehr im Haushalt anpacken - die Rundumbetreuung von früher gab es nicht mehr. Mittlerweile seien sie ziemlich stolz auf sie, erzählt Schürger: "Wir unterhalten uns über die Uni, über Stress in der Klausurphase. Ich bin immer noch die Mutter, aber unser Verhältnis ist mehr auf Augenhöhe."
Im Freundeskreis erntete ihre Entscheidung nicht nur Zustimmung. "Einige ältere Freundinnen hatten schon begonnen, ihren Ruhestand zu planen, als ich plötzlich mit dem Traum von einer beruflichen Karriere um die Ecke kam."
Dass sie für eine Berufsanfängerin zu alt sein könnte, kam Barbara Schürger nie in den Sinn. Im Gegenteil, sagt sie, ihre Lebenserfahrung sei doch eine Bereicherung für einen Arbeitgeber. "Gerade im Personalbereich sollte das eine Rolle spielen. Die Arbeitswelt wird ja auch immer bunter und komplexer."
Ihr Studium hat sie vor ein paar Monaten erfolgreich abgeschlossen, in ihrem Jahrgang gehörte sie zu den Besten. Momentan arbeitet sie als freiberufliche Dozentin am Düsseldorfer Standort ihrer ehemaligen Hochschule und absolviert einen berufsbegleitenden Masterstudiengang.
"Eine ungerade Biografie und wenig Berufserfahrung können mit einer tollen Präsentation ausgeglichen werden", sagt Joachim Sauer, Präsident des Bundesverbands der Personalmanager. Das Alter könne man im Lebenslauf ruhig angeben, viele Unternehmen setzten gezielt auf Diversity.
Barbara Schürger hat seit ihrem Abschluss im Februar ein gutes Dutzend Bewerbungen verschickt. Sie kann einige Praktika nachweisen, ein Auslandssemester in San Francisco, sie spricht mehrere Sprachen und hat jahrelang ehrenamtlich eine Bücherei geleitet. Die 48-Jährige glaubt daran, dass das Thema Diversity in deutschen Unternehmen nicht nur ein Lippenbekenntnis ist, und sie auch in der zweiten Lebenshälfte eine Chance bekommt.
Viele ihrer jungen Kommilitonen, erzählt sie, suchen übrigens auch noch nach einer Festanstellung.
KarriereSPIEGEL-Autorin Marie-Charlotte Maas (Jahrgang 1984) arbeitet als freie Journalistin in Köln.