Manager, die mal Superstars waren: Steiler Aufstieg, tiefer Fall
Top-Talente Schluss mit den Star Wars
Eigentlich hätte William C. Taylor allen Anlass, an die überragenden Fähigkeiten von Genies zu glauben. 1995 gründete er das Wirtschaftsmagazin "Fast Company", eine der erfolgreichsten US-Zeitschriftengründungen der letzten Jahrzehnte. Fünf Jahre später verkaufte er "Fast Company" für mehrere hundert Millionen Dollar an Gruner+Jahr. Abermals fünf Jahre danach stieß der deutsche Großverlag das Blatt wieder ab und erzielte dem Vernehmen nach gerade mal ein Zehntel des Einstandspreises.
Aus Taylors Sicht liegt der Schluss nahe: Ich kann's halt - und die deutschen Konzern-Fuzzis konnten es nicht.
Doch jetzt hat Management-Experte Taylor in den USA eine Debatte angestoßen, die dieser einfachen Erklärung seines eigenen Erfolgs komplett zuwiderläuft. "Great People Are Overrated" ("Großartige Menschen werden überschätzt"), hat er seinen Blog-Beitrag auf der Website der "Harvard Business Review" überschrieben, mittlerweile gefolgt von "Great People Are Overrated II" und "How Do You Know a Great Person when You See One?" Hunderte von Leserkommentaren zeigen, dass Taylor einen Nerv getroffen hat.
Zuckerberg: Ein Superstar ist hundertmal besser als ein Normalo
Taylors Argumentation: US-Unternehmen haben sich in einen Geniekult verrannt. Sie sind bereit, "Millionen und Abermillionen von Dollar über einer kleinen Gruppe von Superstars auszuschütten", statt für ungleich weniger Geld ein ausgewogenes Team zusammenzustellen, "das nicht funkelt vor individueller Brillanz, aber dafür mit kollektiven Fähigkeiten überzeugt".
Taylors Negativbeispiel: die Personalpolitik von Facebook. Dafür hat Facebook-Gründer Marc Zuckerberg sogar einen neuen Begriff geprägt: "Acqhiring", eine Kombination aus "hire" und "acquire" - einstellen und erwerben. Für diese Strategie stehen Firmenübernahmen wie die von Friendfeed, einem Internet-Start-up, das Facebook vor allem deshalb gekauft hat, weil es sich die dort beschäftigten Programmierer einverleiben wollte. Zu einem Preis von rund vier Millionen Dollar pro neuem Mitarbeiter.
"Jemand, der herausragend ist in seinem Job, ist nicht einfach nur ein bisschen besser als jemand, der gut ist", begründet Zuckerberg sein teures Acquiring. "Er ist hundertmal besser."
Mit Fleiß, Mut, Gottvertrauen geht alles
Stimmt das wirklich? Taylor ist anderer Ansicht und argumentiert, dass die Leistungsfähigkeit einzelner Menschen vor allem an der Organisation liegt, die sie umgibt. Er zitiert empirische Studien, nach denen die Treffsicherheit vermeintlich besonders guter Aktienanalysten an der Wall Street schlagartig abnahm, sobald sie den Arbeitsplatz gewechselt hatten - weil ihre Fähigkeiten eben nur im richtigen Betriebsklima, umgeben von den richtigen Kollegen, wirklich gedeihen konnten.
Taylors Thesen werden von den Lesern seines Blogs kontrovers diskutiert. So schreibt ein früherer Computerunternehmer und Informatikprofessor, dass der Leistungsunterschied zwischen einem Starprogrammierer und einem Durchschnittsprogrammierer zwar nicht hundert zu eins betrage, wie Zuckerberg behauptet, aber immerhin fünf zu eins. Was es immer noch als gerechtfertigt erscheinen ließe, für die Jagd nach wirklich guten Mitarbeitern einen erheblichen Aufwand zu treiben. Andere Leser stellen die Frage, inwieweit es von der Branche abhängt, ob ein Unternehmen besser mit Stars fährt oder mit solidem, aber teamfähigem Mittelmaß.
In jedem Fall ist es bezeichnend, dass die Management-Community in den USA gerade jetzt eine Debatte über die Grenzen der individuellen Großartigkeit führt. Schließlich gehört es gleichsam zur Gründungs-DNA dieser Nation, dass es auf den Einzelnen ankommt, nicht aufs Kollektiv. Wer nur genug Fleiß, Mut und Gottvertrauen mitbringt, der wird demnach auch Großes leisten: den Planwagentreck nach Kalifornien führen, zum Mond fliegen, den Irak von Saddam befreien, Facebook gründen.
Erst verrückte Außenseiter, dann geduldige Chefs
Doch seit der Finanzkrise und der anhaltenden Wirtschaftsflaute plagen sich immer mehr Amerikaner mit massiven Zweifeln an ihrem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. Millionen junger, gut qualifizierter Angestellter erleben, dass sie sich in ihrem Job abstrampeln können, wie sie wollen - und dennoch niemals den Lebensstandard ihrer Eltern erreichen werden. Da liegt die Frage nahe, ob es wirklich nur auf einen selbst ankommt. Oder nicht auch ein bisschen auf die Umgebung.
Taylor hat diese Entwicklung selbst durchgemacht. Vor der Finanzkrise schrieb er einen Management-Bestseller namens "Mavericks at Work" und feierte darin die Unternehmer-Genies. Verrückte Außenseiter, die gegen alle Regeln verstoßen, aber dank Fleiß, Mut und Gottvertrauen... siehe oben. Es wurde ein Bestseller.
Taylors neues, im Januar in den USA erschienenes Buch heißt "Practical Radical" und trägt die Gegenthese zu "Business Mavericks" bereits im Untertitel: "Nicht ganz so verrückte Wege, deine Firma zu verändern, deine Branche zu erschüttern und dich selbst in Frage zu stellen." Das Zeitalter sei vorbei, in dem große Egomanen Großes vollbringen, schreibt Taylor darin. Die Zukunft gehöre Führungskräften, die ihren angeblichen Geniestatus beständig in Frage stellen, ihren Mitarbeitern zuhören und so deren kollektive Intelligenz entfesseln.
Leicht überspitzt könnte man auch sagen: "Mavericks at Work" feierte den Führungsstil der Ära Bush, "Practical Radical" den der Ära Obama.
KarriereSPIEGEL-Autor Christian Rickens (Jahrgang 1971) ist Redakteur beim manager magazin. Zuletzt veröffentlichte er das Buch "Ganz oben".