Weltliteratur: Lernen von Frankenstein und den Buddenbrooks - DER SPIEGEL
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Weltliteratur Lernen von Frankenstein und den Buddenbrooks

Das bisschen, was Sie noch lesen, schreiben Sie sich selbst, nämlich Konzepte, E-Mails oder Präsentationen? Dann verpassen Sie etwas. Weltliteratur kann sogar als Arbeitslektüre taugen. Hier kommen fünf Klassiker als Ratgeber für den Berufsalltag, von Thomas Mann bis Virginia Woolf.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn man jeden Tag im Job bis Oberkante Unterlippe zu tun hat oder gerade frisch in eine Führungsposition aufgestiegen ist, fehlt es an Zeit und Geduld zum Lesen. Sicher kennen Sie das: Im Urlaub beschränkt sich Ihre Lektüre auf schwedische Krimis. Im Alltag reicht es gerade so für die Lokalzeitung am Frühstückstisch.

Höchste Zeit also für ein paar Schwergewichte der Weltliteratur, zu lesen auf dem Weg zur Arbeit oder abends auf dem Sofa - es wird ja jetzt eh früher dunkel. Aber bitte nicht die Zusammenfassungen von Anbietern wie "Get Abstract" und Co., die Literatur und Ratgeber in mundgerechte Häppchen für Manager eindampfen, zum Small Talk in Konferenzpausen und bei Arbeitsessen. Nein, wir meinen das echte, ganze Buch. Das Original.

Wie? Sie lesen nicht einfach nur so, Sie sind so in Ihrer Businesslogik des "Return on Investment" gefangen, dass Sie einen Anreiz brauchen? Bitte schön, können Sie haben: Verbuchen Sie's einfach als Arbeitslektüre. Denn diese fünf Klassiker taugen allemal, um sich Inspirationen für den Berufsalltag zu holen.

1. Herman Melville, "Bartleby der Schreiber":

Return on Investment:
Bartleby lehrt die Furcht vor störrischen Mitarbeitern - und wie man mit ihnen umgeht.

Darum geht's:
Im Original hat die Story den Zusatz "Eine Geschichte von der Wall Street". In einer Kanzlei in Manhattan ist eine Handvoll Schreiber damit beschäftigt, Akten per Hand abzuschreiben und Korrektur zu lesen. Bartleby verweigert eines Tages die Arbeit, erst das Korrekturlesen, dann das Kopieren. Er sagt nicht viel, nur immer den einen Satz: "Ich möchte lieber nicht." Der Anwalt bemerkt, dass Bartleby nun auch im Büro schläft, sein ganzes Leben dort eingerichtet hat. Mit seiner Verweigerungshaltung ruiniert er den Ruf der Kanzlei, der Anwalt sucht in seiner Verzweiflung ein neues Büro, Bartleby landet im Gefängnis, verweigert auch dort alles, was übers reine Existieren hinausgeht. Und verhungert.

Das Geschäft:
Die Kanzlei ist spezialisiert auf Liegenschaftsrecht, der Anwalt erklärt sich zum "Fachmann für ungeklärte Besitzverhältnisse und Abfasser tiefgründiger Urkunden aller Art".

Die unternehmerische Lehre:
Drücken sich Angestellte konsequent vor der Arbeit, haben Chefs ein Problem. Heute können die Personalabteilung oder Ombudsleute, Betriebsräte oder Gewerkschafter bei Konflikten eingreifen. Aber Bartleby mit seiner Verweigerungshaltung, mit seinem Verzicht auf jede Unterwürfigkeit führt den Vorgesetzten als völlig hilflos vor.

Das inspiriert:
Einfach mal nein sagen. Das kehrt die Machtverhältnisse überraschend schnell um.

Der Satz, den man auch im Meeting zitieren kann:
"I prefer not to" - kommt gut, wenn es darum geht, Aufgaben zu verteilen. Auf Deutsch klingt's leider eher wie bei einem trotzigen Kind: "Ich möchte lieber nicht."

Weiterlesen:
Am besten als nächstes zu Siegfried Kracauers Texten greifen - "Die Angestellten" ist eine prima Fortsetzung.

Das Buch:
Herman Melville: "Bartleby der Schreiber" (1853), C.H.Beck 2011, 91 Seiten - im SPIEGEL-Shop bestellen 

Größenwahn - Mary Shelley, "Frankenstein oder Der moderne Prometheus"

Boris Karloff und Valerie Hobson in "Frankensteins Braut": Lehrstück für Größenwahnsinnige

Boris Karloff und Valerie Hobson in "Frankensteins Braut": Lehrstück für Größenwahnsinnige

Foto: ddp images/ Capital Pictures

Return on Investment:
Mary Shelley führt uns die Risiken größenwahnsinniger Ideen vor Augen.

Darum geht's:
Der Schweizer Viktor Frankenstein, Naturwissenschaftler an der Universität Ingolstadt, sucht Gebeine in Schlachthöfen und Seziersälen der Stadt zusammen und baut daraus einen künstlichen Menschen. Aber das Wesen entkommt, entwickelt einen eigenen Willen und fängt an, Frankensteins Familienmitglieder umzubringen. Das einsame Monster bittet seinen Schöpfer, ihm eine Frau zu schaffen - aber Frankenstein bekommt Skrupel, zerstört Werk Nummer zwei und bringt das Monster damit erst recht in Rage. Es folgt eine wilde Jagd quer durch Europa, Frankenstein immer hinter dem Wesen her, um es zu beseitigen.

Das Geschäft:
Leben schaffen. Als Arzt hat Frankenstein Gutes im Sinn, überschätzt sich aber. Und ist nicht die ganze Gen-Industrie und Klon-Branche heute ein Abklatsch von Frankensteins Unterfangen?

Die unternehmerische Lehre:
"Leben und Tod erschienen mir zwei Schranken, die ich durchbrechen und einen Strom von Licht über die finstere Welt gießen durfte. Eine neue Art von Menschenwesen würde mich als ihren Schöpfer preisen und manches Gute und Edle sollte seinen Ursprung mir zu verdanken haben." Wenn Ihr Chef oder ein potentieller Geschäftspartner sich so ähnlich äußert, nehmen Sie Ihre Beine in die Hand, und rennen Sie!

Das inspiriert:
Frankenstein denkt, Naturgesetze aus den Angeln heben zu können. Er nimmt nichts als gegeben, sondern will etwas nie Dagewesenes schaffen - echter Erfindergeist. Ohne den säßen wir immer noch bei Kerzenschein. Aber bitte immer Risiken abwägen. Es gelingt nie, den Geist zurück in die Flasche zu stopfen.

Der Satz, den man auch im Meeting zitieren kann:
"Ich habe nichts mehr weiter zu tun, als das Ungeheuer, das ich schuf, zu verfolgen und zu vernichten." Für diese Haltung bekommen Sie Applaus, man muss Fehler auch eingestehen können.

Weiterlesen:
Den Prometheus-Mythos natürlich. Um tiefer in die Materie der Megalomanie einzusteigen, die ganzen Anspielungen zu kapieren und noch eine Schippe literarische Allgemeinbildung draufzupacken: nachlesen bei Hesiod oder Aischylos.

Das Buch:
Mary Shelley: "Frankenstein oder Der moderne Prometheus" (1818), Reclam 2011, 340 Seiten - im SPIEGEL-Shop bestellen 

Familienfirma im Ruin - Thomas Mann, "Buddenbrooks"

Return on Investment:
Es ist das literarische Lehrbuch, um ein Familienunternehmen zu führen. Oder zu ruinieren.

Darum geht's:
Thomas Manns Erstling ist ein Mehr-Generationen-Portrait der Kaufmannsfamilie Buddenbrook, inspiriert von einem realen Gebäude in Lübeck, dem Zuhause von Manns Großeltern und heutigen Buddenbrookhaus. Die Geschichte umspannt die Jahre 1835 bis 1877. Nach dem Tod von Familienoberhaupt Johann Buddenbrook gerät das Unternehmen ins Wanken, weil die Söhne und die betrügerischen Schwiegersöhne den Laden herunterwirtschaften und Courantmark um Courantmark zum Fenster hinauswerfen. Zwar haben sich die Buddenbrooks in der Hansestadt einen Namen gemacht, einer wird gar Senator, doch: Einer nach dem anderen stirbt, die Skandale reihen sich, am Schluss kommt auch noch der Typhus.

Das Geschäft:
Getreidehandel, eine fragile Branche - wie die Weizenernte ausfällt, nach zu feuchten, zu heißen oder zu kurzen Sommern, ist nicht langfristig planbar. Und Spekulation kann binnen Tagen alles ruinieren, was die Vorväter aufgebaut haben. Dumm, wenn das genau am 100. Gründungstag der Firma passiert.

Die unternehmerische Lehre:
Vorsicht, Familie! Wer eine Firma hochgezogen hat, sollte genau überlegen, ob der Filius den Job wirklich machen kann und will. Blutsbedingte Loyalität führt nicht unbedingt zum Erfolg.

Das inspiriert:
Das Haus führt eine Firmenchronik, in die mit Tinte fein säuberlich alle wichtigen Ereignisse und Beschlüsse eingetragen werden. Tolle Tradition, total analog. Stilistisch fallen die mannschen Ellipsen auf: Pausen in Form von "..." ziehen sich durch den gesamten Text, auf dass man sich den Rest dazudenke, das Zögern der Figuren bemerke - in der Stille kann Kraft liegen.

Der Satz, den man auch im Meeting zitieren kann:
"Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bei Nacht ruhig schlafen können." Und für pflichtgebeutelte Söhne und Töchter, die vom Familienoberhaupt zur Nachfolge gedrängt werden: "Wo könnte ich sein, wenn ich nicht hier wäre!", seufzt Thomas Buddenbrook am Schluss.

Mehr:
Es gibt auch den Film mit Armin Müller-Stahl in der Hauptrolle - kann man sich an- und etwas abschauen, gerade in Sachen vornehme Geschäftskleidung.

Das Buch:
Thomas Mann: "Buddenbrooks. Verfall einer Familie" (1901), S. Fischer 2011, 768 Seiten - im SPIEGEL-Shop bestellen 

Gier und die Folgen - Joseph Conrad, "Herz der Finsternis"

Return on Investment:
Conrads Reise ins "Herz der Finsternis" ist der Klassiker über das fatale unternehmerische Streben nach mehr. Und das in einem schmalen Bändchen. Liest man auf dem Weg zur Arbeit in einem Rutsch, ehrlich.

Darum geht's:
Mr. Kurtz ist im Urwald - im "Herzen der Finsternis", vulgo: Schwarzafrika - verschwunden. Charlie Marlow soll ihn suchen und erzählt die Story nach seiner Rückkehr nach London. Es ist die Geschichte einer Schiffsexpedition auf den Spuren der kolonialen Geschäfte. Kurtz steht für den Unternehmer, der den Hals nicht vollkriegen kann, im psychotischen Wahn bei Kannibalen gestrandet ist und am Ende auf der Heimfahrt auf dem Boot umnachtet stirbt.

Das Geschäft:
Elfenbeinhandel - der Gipfel der Luxusgier der Kolonialmächte, die auf ihren Raubzügen durch die unterworfenen Gebiete Schwarzafrikas zusammenrafften, was sie bekommen konnten.

Die unternehmerische Lehre:
Größenwahn endet im Ruin. Für Fair Trade ist hier kein Platz, die rücksichtslose Ausbeutung fremder Ressourcen endet in einem einzigen Alptraum.

Das inspiriert:
Wer sich auf Conrads Erzählstruktur einlässt, merkt: Der Leser befindet sich auf schwankendem Grund. Was Fakt ist und was Fiktion, was Marlow erzählt und was "wirklich" passierte - es verschwimmt. Über allem liegt der Nebel entlang des Urwaldflusses. Die Reise lehrt, Stereotype über Bord zu werfen, eigenen Vorurteilen zu misstrauen, sich bei der Entscheidungsfindung zu hinterfragen. Denn hinter der nächsten Biegung sieht alles schon wieder ganz anders aus.

Der Satz, den man auch im Meeting zitieren kann:
"Der Horror, der Horror". Passt immer.

Weiterlesen:
"Die Biegung des Flusses" von Literaturnobelpreisträger V.S. Naipaul spielt mit Conrads Story.

Das Buch:
Joseph Conrad: "Herz der Finsternis" (1899), DTV 2005, 144 Seiten - im SPIEGEL-Shop bestellen 

Beständigkeit und Wandel - Virgina Woolf, "Orlando. Eine Biographie"

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Return on Investment:
Gerade für Selbständige ein erstklassiger Ratgeber; Orlando zeigt, wie man sich nonstop neu erfinden kann.

Darum geht's:
Es ist eine fiktive Biografie. Virginia Woolf zeigt von Anfang an, dass Normen auch gesprengt werden können. Orlando lebt vom Elisabethanischen Zeitalter Mitte des 16. Jahrhunderts bis 1928, wacht mal als Mann, mal als Frau auf, katapultiert in unterschiedliche Epochen, und ist somit quasi unsterblich.

Das Geschäft:
Orlando geht verschiedenen Berufen nach - etwa als Botschafter, als Teil eines Gypsy-Clans, als Autorin. Ob sie oder er, der Person gelingt alles.

Die unternehmerische Lehre:
Besonders Freiberufler könnten den Roman zu ihrer Berufsbibel küren: Die Figur Orlando wandelt sich über diesen phantastischen Zeitraum von fast 400 Jahren, ob als Lady Orlando oder als britischer Botschafter in Konstantinopel. Sozusagen ein langfristiges Businessmodell - sich anpassen an die Zeit, genug Mumm haben, sich komplett neu zu denken. Und dennoch dem eigenen Wesen treu bleiben.

Das inspiriert:
Mann, Frau, egal, Menschen können fast alles erreichen - könnte bei der ganzen Frauenquotendebatte nicht aktueller sein. Und an Orlandos Fähigkeit, im dauernden Wandel einen beständigen Kern zu behalten, kann sich in der Wirtschaft jeder ein Beispiel nehmen.

Der Satz, den man auch im Meeting zitieren kann:
Orlandos Erleichterungsseufzer "Gott sei Dank, ich bin eine Frau!", gern genommen bei männlichem Platzhirschgehabe in Konferenzen. Alternativ, wenn es mal wieder länger dauert: "Die außergewöhnliche Diskrepanz zwischen der Zeit auf der Uhr und der gefühlten Zeit ist unbekannter, als sie sein sollte, und verdient gründlichere Erforschung."

Mehr:
Die Verfilmung mit Tilda Swinton als Orlando ist großartig.

Das Buch:
Virgina Woolf: "Orlando. Eine Biographie" (1928), Insel 2012, 304 Seiten - im SPIEGEL-Shop bestellen 

Foto: privat

KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978) ist freie Journalistin in Berlin.

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