ARD vs. Bild am Sonntag Wickert bleibt bis 2006
Hamburg - Nun soll Wickert, 59, also nach Ablauf seines Vertrags im August 2003 für weitere drei Jahre durch die "Tagesthemen" führen, erfuhr die dpa am Montag aus ARD-Kreisen. Die Senderverantwortlichen hatten am Wochenende schnell reagiert, nachdem "Bild am Sonntag" ("BamS") über die angeblich unsichere Job-Perspektive des langjährigen "Anchorman" der Nachrichtensendung spekuliert hatte. Sowohl der für die "Tagesthemen" zuständige NDR-Intendant Jobst Plog als auch der ARD-Vorsitzende Fritz Pleitgen sprangen Wickert zur Seite.
Damit setzt die ARD weiter auf die Erfahrung und auch das Ansehen Wickerts, der seit Mitte 1991 bei den "Tagesthemen" ist und seitdem wegen unterschiedlicher Vorfälle immer wieder unter Beschuss kam. Die ARD-Senderchefs wollen aber erst Ende November endgültig über die Verlängerung des Vertrags entscheiden.
Die "BamS" hatte berichtet, dass sich Wickert womöglich nach zwölf Jahren von der Nachrichtensendung verabschieden könnte. Einige Rundfunkräte hätten sich bereits gegen eine Vertragsverlängerung mit dem Moderator ausgesprochen, schrieb das Blatt. "Ein Wechsel bei den Tagesthemen würde Herrn Wickert nicht schaden und der ARD gut tun", zitierte die "BamS" den WDR-Rundfunkrat Heinrich Ostrop.
Auch der Rundfunkrat des Hessischen Rundfunks, Volker Hoff, plädiere für eine Veränderung: "Ich halte den Zeitpunkt für einen Wechsel nach zwölf Jahren für angebracht. Mit einem neuen Moderator hätten die 'Tagesthemen' außerdem die Möglichkeit, ein modernes Konzept einzuführen. Das heute-journal des ZDF präsentiert sich spürbar frischer." MDR-Rundfunkrat Friedbert Groß sagte dem Blatt: "Das ist ja Bestandteil der demokratischen Ordnung in der ARD, dass niemand Erbhöfe aufbaut und auf seinem Posten verweilt."
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Der auch als Buch-Autor ("Der Ehrliche ist der Dumme") bekannte Wickert war zuletzt vor einem Jahr in die Kritik geraten, als er in einem Zeitschriften-Beitrag US-Präsident George W. Bush "die gleichen Denkstrukturen" bescheinigte wie Osama bin Laden. Wickert sah sich gezwungen, sich dafür in seiner eigenen Sendung zu entschuldigen. Zuvor war Wickerts öffentliches Eingeständnis, 1968 einen Hasch-Rausch erlebt zu haben, auf Kritik in Kirchenkreisen gestoßen.
Die Diskussion über Wickerts Zukunft kommt zu einer Zeit, in der Zuschauer- und Marktanteil bei den "Tagesthemen" stagnieren oder sogar leicht rückläufig sind. Im ersten Halbjahr 2002 hatte die Nachrichtensendung im Schnitt 2,2 Millionen Zuschauer und einen Marktanteil von 11,5 Prozent. Im vergleichbaren Vorjahreszeitraum waren es ebenfalls 2,2 Millionen, der Marktanteil lag aber bei 11,6 Prozent. Die öffentlich-rechtliche Konkurrenz vom ZDF, die früher sendet und deshalb auch mehr Zuschauer hat, legte dagegen etwas zu. Das "heute journal" brachte es im ersten Halbjahr auf einen Marktanteil von 12,3 Prozent (3,44 Millionen Zuschauer) im Vergleich zu 12,1 Prozent (3,37 Millionen) im Vorjahr. "ARD aktuell"- Chefredakteur Bernhard Wabnitz wollte sich dazu am Montag nicht äußern.
Mit Marietta Slomka hat das "heute journal" Anfang vergangenen Jahres eine junge Moderatorin erhalten, die sich mit ihrer präzis-analytischen Präsentation schnell Respekt verschaffte. Bei den "Tagesthemen" folgte Anne Will im April 2001 auf Gabi Bauer. Auch Will hat sich durch ihre ironisch-charmante Art schnell einen Fankreis erobert. Beim ZDF scheidet jetzt zum Jahresende Wolf von Lojewski aus Altersgründen aus.
Als heißer Nachfolge-Kandidat gilt Claus Kleber, 47, einer der renommiertesten ARD-Korrespondenten. Doch der parteipolitische Hickhack beim ZDF - in Unionskreisen gibt es Widerstand gegen Kleber - hat bisher noch zu keiner Entscheidung im Verwaltungsrat des Mainzer Senders geführt. "Bild am Sonntag" hatte Kleber, der derzeit für den Norddeutschen Rundfunk aus London berichtet, auch als Nachfolger Wickerts ins Gespräch gebracht.