meinung •Trügerische Jahreszeit Der Fluch des Frühlings
Ein Pärchen am Timmendorfer Strand im März 2018
Foto: Rainer Jensen/ dpaDer Frühling ist die Jahreszeit, die am meisten verspricht und am wenigsten hält. Frühling suggeriert Aufbruch und Lebendigkeit, liefert aber hauptsächlich Überforderung und Enttäuschung und den Menschen in seiner elendsten Darreichungsform. Ein SPD-Vergleich läge nahe, aber auf den Frühling fallen wesentlich mehr Menschen herein, konstant, jedes Jahr.
Drei Dinge assoziiert man üblicherweise mit dem Frühling: Verliebtsein, Frühjahrsputz und Frühjahrsmüdigkeit. Man könnte sagen, das ist eigentlich ziemlich ausgeglichen. Bisschen Lust-, bisschen Realitätsprinzip, bisschen Verschleißerscheinungen. In Wirklichkeit sprechen alle drei Phänomene dafür, dass der Frühling diejenige Jahreszeit ist, in der sehr vielen Menschen alles komplett zu viel wird. Weltflucht, wohin man blickt.
Beim Verliebtsein ist das nicht so offensichtlich. So was Schönes eigentlich. Aber am Ende nur eine Verwechslung, vielleicht durch das viele Licht, die Wärme, man weiß es nicht genau. Es gibt keinen guten Grund dafür, warum Leute sich im Frühling eher ineinander verlieben sollten als im Sommer, Herbst oder Winter. Fortpflanzung kann es nicht sein, denn der Mensch könnte sich inzwischen daran gewöhnt haben, dass er keine feste Paarungszeit hat und deswegen seinen Jahresablauf eigenständig planen muss und die Lücken traditionell mit Hobbys und Krieg füllt.
Hartnäckig wie Läusekot
Es wäre denkbar, sich nach ein paar Millionen Jahren darauf einzustellen, dass Menschen sich saisonunabhängig paaren können, so wie es üblich geworden ist, Kleidung zu tragen, seit das Fell weg ist, aber das Klischee vom Verlieben im Frühling hält sich so hartnäckig wie das widerliche Zeug, das ab Mai von Linden runterkommt und von dem man sich aussuchen kann, ob man es lieber Honigtau oder Läusekot nennt.
Die eigenartige Fixierung aufs Verlieben im Frühling lässt sich halbwegs logisch nur mit dem Versuch erklären, die Tier- und Pflanzenwelt nachzuahmen, aber wie sinnlos: Vögel, die irgendwelchen Müll zusammensuchen, um ein Nest zu bauen, in dem ihre nackte, schreiende Brut halbwegs geschützt ist vor wütenden Hauskatzen, die gerade vom Nachbarskater begattet wurden, mit einem Penis voller Widerhaken. Wer will das denn nachmachen bitte? Es ist eigentlich alles nicht so, dass man es der Natur direkt gleichtun will.
Die Sache mit dem sogenannten Frühjahrsputz stellt sich zunächst harmloser dar, ist aber genau so niedlich-traurig. Während man beim Verlieben vor sich selbst wegrennt, was ja bei vielen Leuten ein berechtigter Versuch ist, ist das Putzen der Versuch, den Verfall überschaubar aussehen zu lassen, der leider unendlich ist.
Aussichtslose Entrümpelung
Die Institution Frühjahrsputz lässt sich nicht von der Tatsache trennen, dass im Frühling im Schnitt exakt alle Vorsätze vom Jahreswechsel bereits zu Staub zerfallen sind. Man versucht es dann noch mal neu.
Man schmeißt Sachen weg, für die man sich schämt. Man plant sich einen Beachbody, weil Fachmagazine für Menschenhass suggerieren, dass das klappen könnte. Im Frühling darauf schmeißt man die Fachmagazine weg. Ein ewiger Kreislauf versuchter Komplexitäts- und Fettreduktion.
Es ist nicht nur traurig, selbst daran teilzunehmen, sondern auch, anderen dabei zuzusehen. Eines der bekanntesten deutschen Frühlingsgedichte ist der "Osterspaziergang" aus "Faust I", ein entsetzliches kleines Stück Text, in dem Menschen sich durch Landschaften schieben wie Hamster durch Plastikrohre. Es ist nicht ungewöhnlich, solcher Bilder überdrüssig zu werden, es ist vernünftig.
Vernünftig aber auch nur bis zu einem gewissen Grad, denn an irgendeinem Punkt muss man auf sich aufpassen, nicht zu denen zu werden, denen der Frühling endgültig zu viel wird, und das sind einige. Die meisten Suizide finden im Frühling statt , nicht im Herbst oder im Winter, sondern im angeblich so schönen, harmlosen Frühling.
Flüche wie Glückwünsche
Die ehrlichste Frühlingstradition ist die Frühjahrsmüdigkeit. Man plant sie nicht, man kriegt sie einfach. Offensichtliche Überforderung, weil plötzlich alles hell ist und voller Pollen und auch schon wieder Ostern. Weil im Frühling fast alle müde sind, wäre der Frühling die perfekte Zeit, sich einzugestehen, dass man den Rest des Jahres auch überfordert ist.
Es könnte ein gemeinsames Ritual sein. So wie man sich zu Neujahr Glück wünscht, so würde man im Frühling über alles fluchen, das unerträglich ist, weil der Frühling selbst so ein Fluch ist, und man weiß, dass Fluchen Schmerzen lindert und das Durchhaltevermögen verbessert, das ist alles wissenschaftlich erwiesen, es müsste nur jemand den ersten Schritt tun und aufhören, den Frühling als etwas Positives zu betrachten, diese verdammteste aller Jahreszeiten.
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