"Desperado" Mein Leben als Tierfreund
Was bisher geschah:
Als Zocker riskiert er seine große Liebe, als Purist wollte er das Dasein pur genießen. Das ging gehörig daneben: Am Ende saß Martin, der eifrige Glücksucher, buchstäblich alleine da. Aber vielleicht sind Menschen ja auch gar nicht die Lösung. Treu sein und gut zuhören - das können andere viel besser
Mein Leben als Tierfreund
Wann habe ich zum ersten Mal das Hinfällige der Kreatur, die zeitliche Begrenztheit des Lebens begriffen? Als Ulrich meinen Hamster Liddi zu Tode gekuschelt hatte? Oder als Liddis Nachfolger Möhri vom vielen Spielen im Tageslicht überschnappte und sich mit der Nachbarskatze anlegte? (Es war ein kurzer und unfairer Kampf, der einmal mehr bewies, dass Verwegenheit körperliche Vorteile nur bedingt ausgleichen kann.)
Ich glaube, es war beim Anblick von Ella, der aus Kasachstan stammenden Steppenschildkröte meiner Großmutter. "Sie kann 200 Jahre alt werden!", hatte mein Vater stolz erklärt, als ob wir uns auf eine tolle Jubiläumsparty mit Ella freuen könnten. Mir aber wurde klar: Sie wird uns alle überleben, auch mich, einen damals Zehnjährigen, der 20 Jahre jünger war als die faltige Krötenlady und doch viel weniger Zukunft hatte als sie.
Heute hat der Gedanke an Ella etwa Beruhigendes, er nimmt mir die Angst vor der Zukunft. Was heißt schon 40 werden im Angesicht eines Krötenlebens? Alter ist relativ. Die Vorstellung, dass für diese Bewohnerin der vegetativen Zonen des Daseins mein Martyrium nur eine kurze Szene ist, eine Farce wie aus alten Schwarzweißkomödien, in der die Figuren auf Hochgeschwindigkeit beschleunigt übereinanderstolpern, tröstet mich. Und dass sich Muffi an ihr die Zähne ausbeißen würde, auch.
Dabei habe ich in Muffi große Hoffnungen gesetzt. Sie hätte meine bessere Hälfte sein können, ein Eckermann auf vier Beinen. Als ich den Labrador aus dem Tierheim holte, glaubte ich in seinem Blick mein vitaleres Selbst zu erkennen. Man sollte vorsichtig sein, von wem man sich schöne Augen machen lässt. Aber alles der Reihe nach.
Die Hunde meiner Mutter konnte ich unmöglich alleine in der Wohnung lassen. Und ich muss sagen: Meine drei Begleiter waren schon ein stattliches Gefolge. Als ich die Agentur betrat, fühlte ich mich regelrecht beschützt, gestärkt von einem überraschenden Gefühl der Sicherheit und des Selbstvertrauens.
Mit den Hunden in die Montagsrunde: Das erschien mir dennoch erst einmal so riskant wie ein Spaziergang im Smoking durch Berlin-Marzahn. Man würde mich schief anschauen, Zieper hätte einen schneidenden Kommentar parat, eventuell würde man mich aus dem Konferenzraum schmeißen. Der Einzige, der je ein Tier mit in die Agentur bringen durfte, war Brenner selbst. Zack, seine Dänische Dogge von der Größe eines bodygebuildeten Kalbs, hatte eine Zeitlang einen Ehrenplatz in seinem Büro. Sie bewachte die Tür und galt schon bald als Orakel, was Zeitpunkt und Aussichten von Gehaltsverhandlungen anging. Zack müde, desinteressiert: Der Chef war entspannt, man würde schlimmstenfalls ausgelacht werden. Zack unruhig, sabbernd: Brenner hatte Stress, schon der Anblick eines Bittstellers würde ihn zu Häme und Beschämungen reizen. Zack, reglos aus dem Fenster starrend: ganz schlecht. Der Chef heckte Schlimmes aus, Umbesetzungen, Streichungen, Rausschmisse. Da war es am besten, man sagte "Falsche Tür, sorry!" und verschwand.
Umso überraschter bin ich, wie das Trio empfangen wird. Lächelnde Kolleginnen, gütig nickende Kollegen. Beim Verlassen des Konferenzraums zähle ich die Streicheleinheiten, die das Trio von Männern und Frauen bekommt. Das Verhältnis ist zwei zu zehn. Dies ist der Moment, wo mir klar wird, dass ein Leben ohne Tiere eine gottlose, sinnlose Existenz darstellt. Daniela kommt strahlend auf mich zu: "Gehen wir Hübschen heute essen?" Paschka antwortet mit einem Hecheln. Ich hätte es nicht besser sagen können.
Beim Italiener kriegen die Hunde eine Schüssel Wasser, je einen Frolic-Riegel und mehr Aufmerksamkeit als ein Filmstar. Das Gespräch mit Daniela gerät zunehmend ins Stocken, weil ich alle fünf Minuten Fragen nach Herkunft, Alter und Rasse beantworten muss. Paschka ist der Star der Truppe, auf seine Biografie verwende ich mehr Kreativität als auf eine Anzeigenkampagne. Vor allem der Teil über ausgesetzte Tiere kommt unheimlich gut an. "Er wäre ohne dich am Straßenrand einfach verhungert!", entrüstet sich eine Kollegin von der Buchhaltung. Dabei krault sie Paschkas Nacken, während ihre Freundin mit seinen Ohren spielt. "Und andererseits werden für Heimtierzubehör pro Jahr rund 860 Millionen Euro ausgegeben", sage ich mit Bernhardiner-Miene. "Zynisch, oder?"
Drei Tage später holt Hossein die Hunde ab. Der neue Freund meiner Mutter ist Großhändler. Hossein Seyyedi, Im- und Export erlesener Teppiche. Er plant die Verlegung seines Geschäftssitzes von Hamburg nach Berlin, so sehr hat es ihm meine alte Dame angetan. Dabei ist der Hund der natürliche Feind alles Gewebten und Geknüpften.
Bislang waren Hossein und ich Brüder im Geiste; gleich unsere erste Begegnung stand im Zeichen lustvoller Mordphantasien. "Die billigste Auslegeware müssten die Tölen fressen, solche, die man in Ämtern und Einrichtungen verwendet", unkte mein persischer Freund. "Genau, und als Dessert ein paar Kubikmeter Linoleum!" Wenn uns dann, nach solchen imaginären Festen der Gemeinheit, der Blick eines der Hunde traf oder, noch besser, Brigitte ein "Sind sie nicht süß, meine drei Racker!" zu uns hinübersäuselte, dann waren wir inniger verbunden als Dr. Jekyll und Mr. Hyde.
"Na, wo stecken die Quälgeister?", fragt Hossein deshalb mit selbstverständlicher Gehässigkeit. "Verdauen sie gerade ein paar Geschirrhandtücher? Oder deine Tagesdecke?"
"Tatsächlich sind sie im Schlafzimmer, sie ruhen sich aus." Ich biete Hossein einen Platz auf dem Sofa an. Es ist komplett zernagt, obwohl es erst vor zwei Tagen geliefert wurde.
"Soll ich das für dich aufpolstern lassen?", fragt er. Seine übereinandergeschlagenen Beine geben den Blick auf Seidensocken mit Monogramm frei.
"Bist du verrückt? Diese Bissspuren sind Inschriften des Vertrauens und der Ausgelassenheit, wie sie nur eine glückliche Kreatur zustande bringt!" Ich habe einen Kloß im Hals, beherrsche mich aber, denn die Hunde sind hereingestürmt, und ich will nicht, dass sie mich weinen sehen.
"Da seid ihr ja, ihr Hübschen. Na, habt ihr schön schlafi schlafi gemacht?"
"Also, äh, Martin, ich muss dann los."
"Was, jetzt gleich? Aber du bist doch gerade erst angekommen." Malgoscha beschnüffelt Hosseins Socken, sie weiß Markenware wirklich zu schätzen.
"Willst du vielleicht einen Espresso? Dann packe ich solange die Sachen für die Hunde zusammen."
"Die Sachen?"
"Nur ein paar Kleinigkeiten. Paschkas Schlafdecke und Vanjuschkas Spielmaus. Und natürlich die Regenjäckchen, wobei ich die von Malgoscha eine Nummer zu klein gekauft habe. Die darfst du am Hals nicht ganz zuknöpfen."
"Martin "
"Ach, Hossein, es ist doch noch so früh, willst du nicht noch ein wenig warten? Sie kommen ja sonst am helllichten Tag in Zehlendorf an, während sie doch bei Nacht bei mir abgegeben wurden. Sie kriegen ja Jetlag, von dem emotionalen Stress ganz zu schweigen." Damit meine ich auch mich selbst. Diese vierbeinigen Gesellen haben mich akzeptiert, ohne Wenn und Aber. In ihrer Gegenwart kann ich mich entspannen, das Hier und Heute anerkennen, ja genießen. Außerdem hat Friederike einen Spaziergang mit den Hunden vorgeschlagen - ein Zeichen, dass sie mir verziehen hat.
Aber Hossi bleibt hart. "Nein, ich muss weiter, Brigitte und ich sind heute Abend eingeladen. Wo sind die Leinen?"
Ich zucke zusammen. Die Leinen! Schon das Wort ist wie ein Peitschenschlag. Jetzt passiert es also: der Abschied. Ich nehme alle Kraft zusammen, umarme sie noch einmal, erst Paschka, dann Vanjuschka, die Frau Härkles Hausschuhe von ihrer Sohle befreit hat, dann Malgoscha. Sie gähnt mich an, wie immer, wenn sie sich, von ihren Emotionen überwältigt, keine Blöße geben will.
"Nicht vergessen, Vanjuschka hat's an den Gelenken. Was? Du willst sie nicht tragen? Gut, ich komme mit runter. Und Paschka sitzt nicht gern hinten, da wird ihm schlecht. Ich weiß, ein angeschnallter Hund sieht lächerlich aus, aber Sicherheit geht vor, oder? Wusstest du übrigens, dass sich Windhunde leichter erkälten als Kleinkinder und Rentner? Also, bei aller Liebe zur Frischluft, bis Zehlendorf bleibt das Fenster oben, okay? Hossein?"
Aber da fällt schon die Tür ins Schloss. Und ich bin wieder allein.
Beliebt wie Lassie
2
Tiere sind gut für Menschen. Sie helfen bei Depressionen, Einsamkeit und Herzrhythmusstörungen. Sie sind geduldig und hören auch dann noch zu, wenn sich Freunde längst abgewendet haben. Lange habe ich sie belächelt, jene Zeitgenossen, die sich, frustriert von der Gesellschaft, Wellensittichen, Zierbarschen, Katzen und Hunden zuwenden. Rudolf Mooshammers Liebe zur Hündchen-Lady Daisy zum Beispiel erschien mir früher als Tiefpunkt einer fehlgeleiteten Libido. Heute weiß ich um die moralische Integrität dieser Verbindung. Es gilt der Satz von Johannes Rau: Als Hund war er eine Katastrophe, aber als Mensch unersetzlich.
Wer braucht also eine Friederike, wenn er eine Daisy hat? Anders gefragt: Wer will um die Liebe einer Kollegin buhlen, wenn ein Tier der viel verständnisvollere Begleiter ist? Warum sich um Menschen bemühen, ihre Allüren, Vorurteile, Ansprüche ertragen, wenn es eine viel friedlichere Form der Gemeinschaft gibt?
Gut gelaunt mache ich mich zu Gunn & Gleason auf, Heimstatt von rund 150 verschiedenen Tierarten. Die Besitzer, zwei ehemalige Punk-Musiker aus Manchester, kamen in den frühen Achtzigern für eine Methadon-Kur nach Berlin, entdeckten die heilsame Wirkung von Aquarien und legten sich, quasi als therapeutisches Projekt, zwei Dutzend Zierfische zu. In Erinnerung an ihre glorreichen Tage als Vertreter der Gegenkultur kamen bald Schlangen, Vogelspinnen, Leguane und sogar Geckos hinzu. Aus dem Hobby wurde ein Beruf, heute ist ihre Tierhandlung in Charlottenburg ein Stück Westberliner Folklore und der Beweis, dass der Wechsel von subkulturellen zu bürgerlichen Lebensformen würde- und humorvoll vonstattengehen kann.
"Was glaubst du, wer Alice Cooper seine Boas besorgt hat, wenn er in Berlin aufgetreten ist?", fragt mich Gunn. "Und was glaubst du, von wem er die Drogen hatte, die Biester ruhigzustellen?" Lautes Lachen erschüttert den kleinen drahtigen Mann, dessen Oberarme per Tattoo verkünden: "Fuck the Police".
Ob so eine Würgeschlange das richtige Haustier für mich ist? Es ist natürlich ideal für den Single-Haushalt: Kein Gassigehen, kein Jaulen und Bellen, und man kann auch mal ein paar Tage wegbleiben, ohne hinterher diesen Du-hättest-wenigstens-anrufen-können-Blick zu kassieren. Aber ist eine hydraulische Presse als Mitbewohnerin wirklich wünschenswert? Sollte es nicht etwas Liebenswürdiges, Schnurrend-Flauschiges sein? "Typischer Anfängerfehler", sagt Gleason, um seinen Arm windet sich eine Kettennatter. "Für Einsteiger empfehlen wir grundsätzlich Fische."
Ich sitze im Büro, vor mir flösselt der Guppy durch sein kleines Reich. Ab und zu stößt er an das Glas, aber sie kränkt ihn nicht, diese Einschränkung. Gelassen dreht er eine weitere Runde, um kurz darauf die Grenzen seiner gläsernen Welt aufs Neue zu entdecken. Daneben schiebt sich Denny, Ellas Nachfolger, durch ein Beet aus Rucola. Wenn er schon nicht genügend Raum hat, will ich es wenigstens in kulinarischer Hinsicht an nichts fehlen lassen. Bei der Griechischen Landschildkröte sind rund 40 Quadratmeter Garten nötig, um einem Männchen und seinem Harem aus zwei bis drei Damen eine artgerechte Spielwiese zu bieten. "Komm, wir bringen deinen kleinen Freund auf die Dachterrasse", sagt Daniela. Gemeinsam tragen wir Denny nach draußen.
"Man kann so viel von Tieren lernen", erkläre ich später beim Italiener. Denny ruht in seinem kleinen Geviert aus Pappe. Ich konnte ihn einfach nicht zurücklassen unter lauter Fremden.
"Zum Beispiel in puncto Ernährung, da halte ich es ganz mit der Schildkröte. Ein wenig Obst, kein Fleisch, dafür aber viel Kräuter und Salate." Weil Bruno weder Brennnesseln noch Löwenzahn vorrätig hat, begnüge ich mich mit einem Teller Endivien, über die der Koch eine Zucchini geraspelt hat.
"Allerdings werden Tiere oft zu einer unnatürlichen Lebensweise gezwungen", fahre ich fort. Ein Salatblatt entwischt meiner Gabel, als grünes Hütchen spendet es fortan Dennys Denkerstirn Schatten.
"Stimmt, ein Viertel aller Hunde und Katzen in der westlichen Welt ist zu dick, die Halter adipöser Heimtiere sind häufig selbst übergewichtig", sagt Daniela.
"Und ist das nicht schlimm?", setze ich nach. "Je mehr wir Menschen uns von der Natur distanzieren, umso schwieriger und komplexer wird unser Verhältnis zum Tier. Statt Mäuse im Garten zu fangen oder Jagdbegleiter zu sein, müssen die Miezis und Bellos die unerfüllbaren Ansprüche erfüllen, die der moderne Mensch an sich und andere stellt."
"Kein Wunder, dass Ärzte bei Katzen immer mehr Stresspinkler behandeln." Daniela zeichnet zärtlich mit einem Fingernagel das Muster von Dennys Rückenpanzer nach. "Und die Pharmaindustrie verdient sich mit Betablockern und Stimmungsaufhellern für Hunde eine goldene Nase."
"Aber wir machen das anders!"
"Wir?"
"Habe ich gerade wir gesagt? Nun, ich meinte: Wir wahren Tierfreunde, die in den niederen Spezies unsere höheren Möglichkeiten erkennen. Wer einmal im Rudel durch den Tiergarten gestreift ist, wer die Verbundenheit des Schnüffelns und Lauschens, Spähens und Jagens selber erlebt hat, der weiß, was wahre Gemeinschaft bedeutet!"
"Schnüffeln und Lauschen?"
"Wenn die Beute im Unterholz aufblitzt, der Schweif eines Eichhörnchens, der Schwanz eines Bibers, und unsere Lefzen sich netzen in Vorfreude, unsere Glieder sich straffen in zitternder Gewissheit, dass sich gleich, gleich unsere Bestimmung erfüllen soll in wilder Hatz und ausgelassener "
"Martin?"
"Jagd!" Ich bin aufgesprungen, den Kopf geduckt, die Ohren angelegt, die Nüstern gebläht. Die umsitzenden Gäste verharren im Schreck. Selbst Denny hat seinen Marsch unterbrochen.
Schwer atmend nehme ich wieder Platz.
"Entschuldige, es liegt mir einfach im Blut."
"Nein, ist schon okay. Sag mal, was machst du eigentlich am Samstag?"
3
Seit einem Jahr geht sie am Wochenende mit Hunden aus dem Tierheim Gassi. Daniela, die Assistentin der Geschäftsführung von Brenner & Friends, ist, wie ich erfahre, eigentlich eine angehende Veterinärmedizinerin. Sie muss nur noch den Studienplatz, auf den sie seit vier Jahren wartet, bekommen. "Solange model ich ein bisschen und studiere euch Kreativtiere unter extremen Bedingungen", sagt sie verschmitzt.
Daniela hat sich für unseren Spaziergang einen vernarbten Bullterrier ausgesucht. Ich entscheide mich für Muffi, ein fülliges Labradorweibchen, ebenfalls eines der tristeren Exemplare und der perfekte Aufhänger für einen Vortrag über die Diskrepanz zwischen äußerer Erscheinung und inneren Werten.
"Wir sollten uns auf unser Gefühl verlassen", sage ich und schaue wie ein Welpe kurz vor dem Verhungern. Das finden auch die drei anderen Frauen, die ich auf der Hundewiese kennenlerne. Daniela hat sich bereits verabschiedet, und so bin ich, was die Geschichte meines Heimkinds angeht, auf imaginative Einfühlung angewiesen.
Binnen kürzester Zeit hat Muffis Biografie den Charme des Action-Dramas, besonders die Sache mit dem Hüftgelenk ("2000 Euro, aber ich hätte sie nie einschläfern lassen!") wirkt kolossal. Den Gedanken an Tierheim und Öffnungszeiten verdränge ich; die Geschichte von Muffi, meinem vierbeinigen Oliver Twist, den ich vor der zwielichtigen Existenz als Wachhund eines Berliner Drogenbarons bewahrte, ist einfach zu gut.
Ich berausche mich an meiner Rede, von Muffis Zweikampf mit einem kokaingedopten Boxer blende ich geschickt über zur biblischen Parabel von Lazarus, dem Hunde die Geschwüre leckten, bevor er von Engeln ins ewige Leben getragen wurde. Mein Publikum hat Tränen in den Augen. Ich fühle mich geliebt wie Lassie.
Als Frau Härkle blafft: "Sie haben Ratten im Schrank!", kommen mir kurz Zweifel. Hätte ich Muffi zurückgeben, hätte mich ihre zunehmende Bissigkeit skeptisch machen müssen? Wann immer ich mich ihr auf Armeslänge näherte, wurde sie wütend. Aber der Hund lebt als gezähmte Ausgabe des Wolfs schließlich erst seit 40000 Jahren mit dem Menschen zusammen, die Katze sogar erst 9500 Jahre - in den Zeiträumen der Evolution betrachtet kaum mehr als ein Wimpernschlag. Hätte doch sein können, dass Muffi ihre Wolfsseite in sich entdeckt hatte? Vielleicht passte ihr auch mein Musikgeschmack nicht.
"Machen Sie sich doch nicht lächerlich!", sagt Frau Härkle und stapft aus der Tür. "Hunde sind was für die Bergwacht, für Blinde oder Trüffelsucher. Sie werden noch enden wie Brigitte Bardot!"
"Die Bardot hat es mit Robben", sage ich entrüstet. "Außerdem hasst sie Ausländer und Schwule."
"Mag sein. Aber ich wette, sie hat keine Ratten."
"Sie haben Ratten!"
4
Er sieht tatsächlich aus wie Ratten, unser Nachwuchs. Fünf kleine, schwarz behaarte Pakete, die Augen geschlossen, belebt von einem hektischen Puls. Hatte Muffi also gar keine Figurprobleme, die Leicht-und-lecker-Diät (Kaustreifen mit weniger als fünf Prozent Fett) verfehlte die Lage ebenso wie der ausgiebige Workout, den ich verständlicherweise am Ende fast ganz allein absolvierte. Bei dieser Gelegenheit: Sich selbst einen Tennisball zu apportieren ist eine dem Menschen nur bedingt angemessene Übung.
Muffi fletscht die Zähne, ihr Beschützerinstinkt hat die Erinnerung an gemeinsam verbrachte Stunden in Parks und Cafés fast gänzlich getilgt. Selbst ihr Lieblingsmenü, "Kaninchen mit Waldkräutern", kann sie nicht beschwichtigen. "Geburt hin oder her, ich könnte ein wenig Solidarität vertragen!", sage ich genervt. "Es dreht sich nicht alles nur um dich!"
Der Guppy zum Beispiel hat seine OP nicht so gut überstanden. Zwei gebrochene Gräten wurden mit Plättchen und Schrauben geflickt, jetzt treibt er kraftlos in einer Mixtur aus Evian und Antibiotika. Er braucht meine Fürsorge ebenso wie die beiden Hasen. Ich habe sie gekauft, weil ihr Wesen so aufmunternd ist. Ihr Leben ist ein einziges Hoppeln und Mümmeln, aller Stress fiel von mir ab, wenn ich ihnen zusah. Seit kurzem aber scheint es ihr einziges Ziel zu sein, jedes Stromkabel auf Konsistenz und Geschmacksrichtung zu testen. Diesen kulinarischen Sonderweg haben sie mit der Konsequenz eines Selbstmordattentäters beschritten, und wenn ich sie nicht in der nächsten halben Stunde aufspüre, ist das Schlimmste zu befürchten.
Sie könnten sich auch mit den beiden Waranen anlegen, die ich ebenfalls seit einiger Zeit nicht mehr gesehen habe. Gleasson hat sie mir aufgeschwatzt, sie seien "das Coolste, was die Natur zu bieten hat" und ihr Anblick "beruhigender als Methadon". Bislang sonnten sie sich friedlich auf meinem Balkon oder kletterten durch die Küche. Ihr hinterhältiges Wesen können sie allerdings immer schwerer verbergen. Erst gestern wurde ich Zeuge ihres Überraschungsangriffs auf ein Paar Socken, das sie für einen kleinen Nager hielten.
Muffi hat unterdessen die Rolle des Zerberus übernommen, nur dass das Höllentor ausgerechnet meine Badezimmertür ist. Dort hat sie ihr Lager aufgeschlagen und behütet knurrend ihre Nachkommen.
Ich bin schon ein wenig gekränkt, nein, ehrlich. Wurde der Labrador von Hunderatgebern nicht übereinstimmend als anhänglich und sympathisch beschrieben? Ja, mehr noch, ist er nicht das politische Wappentier der Demokratie, ein Symbol für die Loyalität zwischen Hund und Herr, Volk und Staatsoberhaupt? Clinton hatte einen, Mitterand und Sarkozy auch. Andererseits besitzen auch Cheney und Putin einen - alles Überlegungen, die mir durch den Kopf gehen, als ich einsam durchs Viertel streune. Welchen Sinn hat es, in einer Wohnung zu bleiben, in der einem selbst der Gang zur Toilette verwehrt wird. Ob Muffi weiß, wer Blondi war? Und wenn ja, konnte sie der Vergleich derart kränken?
5
Die Forscher der Eastern Kentucky University, Richmond, befragten 193 Angestellte kleiner und mittelgroßer Firmen, was sie von Tieren am Arbeitsplatz hielten. Ergebnis: Die Befragten fühlten sich schon durch die bloße Gegenwart ihres Lieblingstiers entspannt. Der Chef nörgelt, die Kollegin nervt - aber eine ausgiebige Streicheleinheit für Bello oder Miezi, und die Welt ist wieder in Ordnung.
Diese Leute sollten Muffi kennenlernen. Als ich zurückkomme, finde ich ein Schlachtfeld vor: Sie hat ihre Familie ins Schlafzimmer verfrachtet, wo sie bis auf einen Igel keinerlei Gesellschaft ausgesetzt ist. Den Igel habe ich im Tiergarten vor einem übereifrigen Landschaftsgärtner gerettet. Die Höhle, die er sich in meinem Wäschekorb gegraben hat, wird er so schnell nicht wieder verlassen. Gleichgültig gegen Gerüche, residiert er in einem Gewölbe aus Strümpfen und Unterwäsche.
Ich halte Muffi eine Standpauke, es fallen die Worte Egozentriker und Chaot, da klingelt es an der Tür. Es ist mein Nachbar, Dr. Kellso. Seine Wohnung grenzt an meine, sein Jähzorn ans Pathologische.
"Was machen zwei Eidechsen und ein Karnickel auf meinem Balkon? Gehören die etwa Ihnen?", blafft er, da bin ich schon nach draußen geeilt.
Kellsos Balkon hat einfach mehr Sonne. Verständlich, dass die Warane hier ihr Mittagsschläfchen halten.
"Ich hab sie, Dr. Kellso!", will ich rufen, aber mir stockt der Atem: Denny! In Zeitlupe rückt er über den Dachrinnenrand vor ins Nichts, in die Tiefe. Sofort klettere ich über die Brüstung, klammere mich mit einer Hand ans Geländer, mit der anderen angle ich nach der Schildkröte. Dabei verliere ich das Gleichgewicht. "Was für eine Art Arzt sind Sie eigentlich?", frage ich, den Blick starr auf Dr. Kellsos Gesundheitsschuhe gerichtet. Merkwürdig, welche Dinge einen beschäftigen, wenn man vier Stockwerke über der Erde baumelt.
6
So muss Ella die Welt wahrgenommen haben: als irres Ballett, bei dem sich alle gegenseitig im Weg stehen. Die zwei Feuerwehrleute, von Dr. Kellso herbeigerufen, schnappen sich die Warane, während Muffi wütend in die Runde bellt. Die Hasen machen sich über einen Berg Espresso her; wie sie die Dose kapern konnten, werde ich nie begreifen.
Der Igel trottet als kleines Wäschehäuflein in die Küche, vorbei an Dr. Kellso, der vor Schreck die Schildkröte fallen lässt, die Frau Härkle vor die Füße purzelt. Die vergisst sofort, warum sie eigentlich vorbeischauen wollte (eine "Friends"-DVD, von der ich ihr vorgeschwärmt hatte), und hält den Beamten eine Strafpredigt über Tierquälerei und Deutschtum. Langsam, wie eine Schildkröte, schiebe ich mich in den Mittelpunkt der Szene, hole tief Luft und brülle: "Schnauzeeee!"
Alle parieren, selbst Muffi. Sie kehrt winselnd ins Schlafzimmer zurück. Frau Härkle setzt sich verdattert aufs Sofa, in der Hand die ins Leere rudernde Schildkröte. Kellso will etwas sagen, aber ich schnappe: "Jetzt nicht, Doktor." Nur das Rascheln des Igels im Altpapier ist zu hören.
"Wie ich sehe, haben Sie die Lage im Griff", sagt der ältere der beiden Männer, ein stämmiger Typ mit Schnauzbart und Sonnenbrille.
"Jawoll", schnarre ich in feinstem Kasernenton. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie sich Kellsos Rücken ruckartig strafft.
"Echsen und Schlangen müssen übrigens angemeldet werden, aber das wissen Sie vermutlich."
"Selbstredend!", belle ich zurück. "Sind ja nicht umsonst da, unsere Verordnungen."
"Schöner Hund übrigens." Muffi beschnüffelt das Polizistenbein.
"Sitz", sage ich scharf wie Putin bei einer Militärparade.
Lesen Sie nächste Woche: "Mein Leben als Militarist".