Zusammen mit einer Jury aus der Literaturwissenschaftlerin Eva Horn, der Kritikerin Miryam Schellbach, dem Autor Michael Maar und dem Philosophen Peter Sloterdijk hat die Literaturredaktion des SPIEGEL 100 Romane aus 39 Ländern ausgesucht. Deutschsprachige Bücher sind nicht dabei, die haben einen eigenen Kanon.
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Norbert Blüm erklärte mal sehr gut, warum er zu den Millionen Fans der »Harry Potter«-Reihe zählte. Natürlich lobte der CDU-Politiker die Kreativität von Joanne K. Rowling, die von ihr bis in Details konzise entworfene Fantasy-Welt. Die Hauptfigur Harry geht auf ein Internat für Hexen und Zauberer, es gibt den Besensport Quidditch mit eigener Liga, die Eulenpost – und Jelly Beans, die in wirklich jeder Geschmacksrichtung kommen, inklusive Popel.
Blüm erkannte aber auch, wie viel Menschenkenntnis und Gespür für Gesellschaft Rowlings Romane grundieren und wie plausibel sie das eine mit dem anderen zusammen denkt. »Alle Zaubermittel sind nur Hokuspokus. Es geht immer nur um dich«, beschrieb er die Haltung, mit der Rowling Harry begegnet. Blüm folgerte: »So ist es auch mit allen Ideologien: Sie sind nur Tarnungen im Kampf um dich.«
Ich bin sicher, dass die »Harry Potter«-Bücher Leserinnen und Leser politisch über sich selbst aufklären können. Rowling besitzt die Fähigkeit, umfassend von Erfahrungen und inneren Zuständen zu erzählen, die das Handeln von Menschen prägen. In ihren Büchern ist alles fremd und vertraut, die Figuren darin kennt man oder ist man selbst. Man fühlt mit Harrys bestem Freund Ron, der Harry den Ruhm immer ein Stück neidet, man versteht Harry, der seine Eltern verloren hat und der auch deshalb immer alle retten muss. Selbst Harrys Erzfeind Lord Voldemort, der so einsam ist, dass er sich nur in zerstörerischen Größenfantasien spiegeln kann, ist am Ende zugänglich in seiner Verlorenheit.
Im fünften Band der Reihe wird diese Weltkenntnis von Rowling erwachsen: Die Zauberergesellschaft kippt in »Harry Potter und der Orden des Phoenix« in einen Faschismus, den viele noch nicht sehen wollen. Wie Rowling diese Entwicklung nachvollzieht, ist meisterhaft. Voldemort ist zurückgekehrt, mit seiner Terrorgruppe will er eine Welt aufbauen, in der reinblütige Zauberer – solche, die nicht von Menschen abstammen – die Macht besitzen und alle anderen unterwerfen.
Aber der Zaubereiminister, den es in dieser Welt natürlich auch gibt, verfolgt vor lauter Machtbesessenheit ausgerechnet die, die vor der Gefahr warnen. Er sieht sie als Konkurrenten, ohne dass er das selbst erkennt. Sein Beamtenapparat ist bald von beflissenen Aufsteigern durchsetzt, Reinheitsvokabular setzt sich auch hier verschleiert durch, Sadismus wird zur Karriereoption. Die Zeitung »Tagesprophet« hetzt als Sprachrohr gegen »Feinde des Ministeriums«, die Justiz agiert nicht mehr unabhängig. Und im Internat Hogwarts taucht eine neue »Großinquisitorin« auf, die Lehrer »ausjäten« will. Professor Umbridge garniert ihr Büro mit Kätzchen, die so süß sind, dass es wehtut, und misshandelt die Schüler mit Genuss, um sie auf Linie zu bringen.
Es ist der erste wirklich düstere Band der Reihe. Wobei das Leben, auch das zählt zu den Facetten, die Rowling spielend abdeckt, natürlich weitergeht. Alles steuert auf die Katastrophe zu, die in den letzten zwei Büchern dann ausbuchstabiert wird, gleichzeitig bahnt sich Harrys erste Liebesbeziehung an, kämpft Ron mit Lampenfieber auf dem Quidditch-Feld. Und gezaubert wird natürlich auch, jetzt sogar als Rebellion. Harrys beste Freundin Hermine hat die Idee für einen Geheimklub, um Umbridges Regime zu unterwandern. Und zwei besonders smarte Schüler fackeln in Hogwarts ein magisches Feuerwerk ab, das die Inquisitorin ans Ende ihrer Nerven bringt. Es ist ein Triumph des Nonsens, der plötzlich eine Bedeutung bekommt, weil er totalitäre Regeln stört. Ein Fenster zur Freiheit.
Harry Potter und der Orden des Phönix
J.K. RowlingPreisabfragezeitpunkt
17.10.2026 09.36 Uhr
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