Deutsche Pisa-Experten : Die Schülerlotsen - DER SPIEGEL
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Deutsche Pisa-Experten Die Schülerlotsen

Eine neue Pisa-Debatte rollt an. Wer sind die Köpfe, die in Deutschland hinter dem weltweiten Schulvergleich stecken? Und welche Auffassung vertreten sie in heiklen Fragen der Bildungspolitik? SPIEGEL ONLINE zeigt das Quartett der deutschen Pisa-Köpfe und weitere wichtige Experten.
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Foto: Stephanie Pilick/ picture-alliance/ dpa

"Mr. Pisa" international: Andreas Schleicher ist bei der OECD der weltweite Koordinator der Pisa-Studien. Dass er sich mit scharfer Kritik am deutschen Bildungssystem nie zurückhielt, machte ihn zu einer Reizfigur für die deutschen Kultusminister. Bei Pisa piesackt er sie immer wieder mit Zwischenrufen aus Paris. Der Statistiker und Bildungsforscher monierte besonders das schleppende deutsche Reformtempo, die frühe Selektion bereits nach der vierten Klasse sowie die Koppelung zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg. Auseinandersetzungen gab es bereits nach der ersten Pisa-Studie, 2007 kam es zum Eklat: Mehrere deutsche Kultusminister forderten seine Entlassung - was Schleicher als "absurde Posse" bezeichnete.

Vor der neuen Pisa-Veröffentlichung 2010 gab Andreas Schleicher sich ungewohnt schmusig und attestierte Deutschland "Riesenfortschritte", vor allem bei der frühkindlichen Bildung, der Schulstruktur und beim Zentralabitur. Das frühe Sortieren schon unter Zehnjährigen hält der streitbare Pisa-Koordinator jedoch weiter für einen Fehler und kann auch nicht erkennen, dass Bildungspolitik in Deutschland Chefsache ist.

Eckhard Klieme, aktueller Pisa-Chef

Foto: dapd

Der Frankfurter Professor Eckhard Klieme leitet das wissenschaftliche Konsortium Pisa 2009 und wirkte außer an den bisherigen Pisa-Studien auch an einigen weiteren internationalen Schulvergleichen mit. Gemeinsam mit seinen deutschen Forscherkollegen will er bei der neuen Pisa-Veröffentlichung den "Fokus auf die Veränderung legen".

2008 leitete der Mathematiker und Psychologe auch den zweiten Nationalen Bildungsbericht - und verlangte von deutschen Schülern mehr Leistungsbereitschaft. "Die Pisa-Befragung ergab, dass deutsche Schüler besonders über ihre schulischen Belastungen klagen. Dabei ist der Leistungsdruck in asiatischen Gesellschaften und auch in manchen europäischen Staaten deutlich höher", sagte Klieme.

Jürgen Baumert, einflussreicher Bildungsforscher

Foto: Andreas_Altwein/ picture-alliance / dpa/dpaweb

Der Berliner Professor Jürgen Baumert zählt seit vielen Jahren zu den einflussreichsten deutschen Bildungsforschern und verantwortete unter anderem die erste Pisa-Studie in Deutschland. Im Juni 2010 zog er im SPIEGEL Bilanz. Darin bezeichnete er den Streit über längeres gemeinsames Lernen als "völlig unnötig" und die Verkleinerung von Klassen als "wenig wirksam, aber extrem teuer" - viel wichtiger sei eine bessere Lehrerausbildung.

Manfred Prenzel, Spezialist für Naturwissenschaften

Foto: Fritz Reiss/ AP

Ins Rampenlicht drängt sich Manfred Prenzel eher ungern. Als Leiter des Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften an der Kieler Uni stand er 2003 und 2006 an der Spitze des deutschen Pisa-Konsortiums, war auch schon an der ersten Pisa-Studie beteiligt. Prenzel gilt als zurückhaltender Pragmatiker und lässt sich nicht so leicht zu polemischen Thesen hinreißen.

2007 kam es zu einer Auseinandersetzung mit Andreas Schleicher, der zuvor erklärt hatte, man könne nicht von einer Verbesserung der Schüler in Deutschland reden, weil Pisa 2006 wegen einer veränderten Aufgabenstellung nicht mit den beiden früheren Studien vergleichbar sei. Prenzel widersprach: Die Ergebnisse seien "sehr wohl vergleichbar".

Auch bei der Frage nach dem Einfluss des Schulsystems deutet Prenzel die Pisa-Ergebnisse anders als Schleicher, der immer wieder die traditionelle Dreigliedrigkeit in Deutschland kritisierte. Aus Sicht des Forschers, der inzwischen Dekan an der TU München ist, findet man bei internationalen Tests Beispiele für alle möglichen Schulsysteme: gute Beispiele für gegliederte Schulsysteme und solche, die nur eine Schulart haben - aber auch schlechte Beispiele für beide Varianten. Viel wichtiger sei "das, was im Unterricht stattfindet, und ob die Schüler, egal welche Lernvoraussetzungen sie mitbringen, dort Anregungen finden, weiterzulernen". Das Schulsystem sei "nicht der letztlich entscheidende Faktor", so Prenzel.

Wilfried Bos, streitbarer Grundschulexperte

Foto: A3730 Federico Gambarini/ dpa

Schleicher bei der OECD in Paris sowie Klieme, Baumert, Prenzel als das Forscher-Dreigestirn in Deutschland - das ist das Quartett, das Pisa im letzten Jahrzehnt verantwortet hat. Daneben gibt es eine ganze Reihe weiterer Experten, die sich mit der Schulpolitik und den Pisa-Ergebnissen auseinandersetzen.

Deutlich offensiver als etwa Manfred Prenzel tritt Wilfried Bos auf. Spezialgebiet des Dortmunder Bildungsforschers sind die Iglu-Studien zu den Lesefähigkeiten von Grundschülern; dabei schnitten deutsche Viertklässler stets deutlich besser ab als die Neuntklässler bei den Pisa-Studien. Die Botschaft der letzten Iglu-Studie 2008: Kein Bundesland schneidet beim Lesetest Iglu richtig katastrophal ab, einige sogar ziemlich gut.

Als Iglu-Leiter hat Bos immer wieder Stellung genommen zur heiklen Frage des Übergangs zu den weiterführenden Schulen, die aus seiner Sicht häufig einem Lotteriespiel gleicht. "Skandalös" nannte er vor allem die starke soziale Auslese, die dabei stattfinde: Professorensohn aufs Gymnasium, Arbeitertochter auf die Hauptschule.

Das bisherige Schulsystem ist aus Sicht von Bos ungerecht: "Warum tun wir zehnjährigen Kindern den Stress an, sie mindestens ein halbes Jahr lang für den Schulwechsel zu drillen? Und warum lassen wir die Hauptschüler dumm in der Ecke stehen?" Der streitbare Wissenschaftler weiß aber auch um eine starke deutsche Tradition und den Einfluss bildungsbürgerlicher Eltern. "Alle Eltern, die etwas zu sagen haben, die kampagnenfähig sind, schicken ihre Kinder aufs Gymnasium. Die werden den Teufel tun, diese Schulform abzuschaffen." Das werde nicht gelingen - und "wer es versucht, wird nicht wiedergewählt", sagte Bos im SPIEGEL-ONLINE-Interview.

Klaus Klemm, Essener Bildungsforscher

Immer für eine solide Untersuchung und für aufschlussreiche Einschätzungen gut ist Klaus Klemm. Er wurde 1977 Professor für Bildungswissenschaften an der Universität Essen und ist seit drei Jahren emeritiert, arbeitet aber weiter als Bildungsforscher. Bis Ende 2006 war er auch im wissenschaftlichen Beirat der Pisa-Studien.

Als Sozialdemokrat berät Klemm die SPD in bildungspolitischen Fragen und ist erklärter Gegner eines selektiven Schulsystems, der frühen Sortierung von Kindern bereits nach der vierten Klasse. Bildungserfolg und soziale Herkunft seien in Deutschland noch immer zu eng gekoppelt, sagte er kürzlich etwa nach Veröffentlichung einer Unicef-Studie zur Situation armer Kinder. "Wir haben zu wenig bis gar nichts getan, um das zu ändern."

Im Oktober legte Klemm eine Studie vor, die zeigt, dass fast jeder 13. Jugendliche die deutschen Schulen ohne Abschluss verlässt und wie sich die Bildungsverlierer auf Deutschland verteilen . Wenn schon nicht im längeren gemeinsamen Lernen, dann doch in einem zweigliedrigen Schulsystem sieht Klemm die Zukunft: Die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen sei wenigstens ein halber Schritt.

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Intensiv auseinandergesetzt hat Klemm sich auch mit dem Lehrermangel und errechnet, dass im Zeitraum 2007 bis 2020 rund 460.000 Lehrer in Pension gehen. Es ist ein gewaltiger Aderlass - da könnten frische, junge Lehrer in überalterte Kollegien strömen, sofern es nur genügend Nachrücker gibt und die Länder auch bereit sind, sie einzustellen. Klemm sieht jedoch ein großes Problem, denn im Jahresschnitt stünden nur 26.000 fertig ausgebildete Junglehrer für eine Neueinstellung in den Schulen bereit.

Ludger Wößmann, Bildungsökonom

Foto: Helmut Henkensiefken

Aus einem besonderen Blickwinkel begleitet Ludger Wößmann die Pisa-Debatten: Er ist gelernter Volkswirtschaftler, Professor für Bildungsökonomie in München und Bereichsleiter am Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung. 2007 veröffentlichte er das Buch "Letzte Chance für gute Schulen: Die 12 großen Irrtümer und was wir wirklich ändern müssen"; darin stützt er sich stark auf internationale Vergleichsstudien.

Eines von Wößmanns Hauptanliegen ist eine größere Autonomie der Schulen - sie sollen zum Beispiel ihre Lehrer selbst auswählen können, statt sie von Behörden zugewiesen zu bekommen. In der ewigen Streitfrage der Schulstruktur bezieht er klar Stellung pro längeres gemeinsames Lernen: "Studien zeigen, dass in Ländern, die nicht so früh aufteilen wie wir, eine wesentlich größere Bildungsgerechtigkeit herrscht. Deutschland dagegen gehört immer noch zu den Spitzenreitern bei der Ungleichheit, also wie stark Bildung vom familiären Hintergrund abhängt."

Daneben plädiert Wößmann für ein bundesweites Zentralabitur sowie ein besseres frühkindliches Bildungssystem, denn "vor allem Kinder aus bildungsfernen Schichten müssen verstärkt in Kindergärten spielend das Lernen erfahren".

Nelson Killius von McKinsey

Foto: McKinsey

Als Partner von McKinsey & Company zählt Nelson Killius nicht zum Kreis der akademischen Pisa-Päpste und auch nicht von Haus aus zu den Schulexperten; in weiten Kreisen der Lehrerschaft sind Unternehmensberatungen ja regelrecht verhasst. Doch ähnlich wie die Bertelsmann-Stiftung beschäftigt sich auch McKinsey mit Bildungsfragen und -problemen und liefert bisweilen erhellende Einschätzungen.

So hat das Unternehmen in einer neuen Studie ergründet, wie Schulsysteme besser werden - welche Therapie also einer Diagnose folgen soll. "Anders als oft behauptet stellen sich messbare Verbesserungen nicht erst in der nächsten Generation ein, sondern lassen sich innerhalb von sechs Jahren oder noch schneller erzielen", sagt Killius.

Einen Großteil der Verbesserungen könne man durch Veränderungen des Unterrichts, der Lehrpläne und der Führung durch die Schulleitung erreichen. Nach Killius' Auffassung sollten Lehrer besser ausgewählt und in ihrer späteren Arbeit unbedingt zu mehr Austausch untereinander angehalten werden. Bisher wüssten die Lehrer viel zu wenig von der Arbeit des anderen, so Killius, "nach dem Ende des Referendariats gehen die Türen zu".

Annette Schavan, Bundesbildungsministerin

Foto: dapd

Spätestens seit der Föderalismusreform greift in der Bundesrepublik, die so gern Bildungsrepublik wäre, die Devise: Alle Bildungsmacht den Ländern. Somit hat Bundesbildungsministerin Annette Schavan in der Schulpolitik faktisch wie praktisch nichts zu sagen, sagt aber trotzdem gern viel. Denn in ihrer Funktion wird sie ständig nach Einschätzungen zu Schulen und Hochschulen gefragt, also antwortet Schavan als höflicher, umgänglicher Mensch auch.

Die Bundesministerin mit dem so überschaubaren Zuständigkeitsbereich unterstützte bei der letzten Pisa-Studie 2007 die Rücktrittsforderungen von Unionskollegen aus den Ländern gegen den internationalen Pisa-Koordinator. "Herr Schleicher schadet der OECD, weil er den Eindruck erweckt, immer nur ein Thema im Kopf zu haben", sagte sie und spielte damit auf Schleichers Kritik am dreigliedrigen deutschen Schulsystem an. Seine Äußerungen ließen "Zweifel aufkommen, dass er ein guter Berater für die Mitgliedsländer ist", so Schavan.

Ludwig Spaenle, Präses der Kultusminister

Foto: Robert Schlesinger/ picture alliance / dpa

Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle ist von Haus aus stolz auf die Leistungen der Freistaatsschüler und darf derzeit als Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK) agieren. Sie tagte 1948 zum ersten Mal, ist damit älter als die Bundesrepublik und wählt jedes Jahr aus ihrer Mitte einen Präses, auf dass jedes Land drankommt.

Im föderalistischen Alltag hat das Gremium Gestaltungswillen und -kraft eines feuchten Feudels. Als Arbeitsgrundlage gilt: 16 Bundesländer, 17 Meinungen, das schieben wir erst mal in einen Ausschuss, der eine Arbeitsgruppe gründet, die dann eine Kommission formiert - und die tagt so lange ergebnislos, bis alle ein Streitthema vergessen oder jedenfalls erfolgreich verdrängt haben.

gescheiterte Hamburger Schulreform

Auf die einzelnen Länder, nicht auf den Bund kommt es bei Schul-Verbesserungen an. Und nach zögerlichen Anfängen, nach dem ersten Eingeschnapptsein wegen der verheerenden Pisa-Resultate 2001 geriet tatsächlich etwas in Bewegung - nicht etwa gemeinsam, sondern Land für Land jeweils in Eigenregie. Dennoch bilden sich Trends heraus, etwa das Zweisäulenmodell: Das heilige Gymnasium tastet niemand an, aber einige Bundesländer setzen daneben nur noch eine weiterführende Schulform und lassen die bisherigen Haupt-, Real- und Gesamtschulen darin aufgehen. Auch die Ganztagsschulen werden mehr und stärker. Für das frühe Lernen in Kindergärten gibt es eine Reihe neuer Impulse; Sprachtests bei Vier- oder Fünfjährigen sind inzwischen konsensfähig. Dagegen blockiert die das längere gemeinsame Lernen auch in anderen Bundesländern auf viele Jahre hinaus.

Gern schwärmen die Länderchefs und ihre Kultusminister weiter von den segensreichen Wirkungen des Föderalismus, der zum Wettbewerb ums beste Schulsystem führe - während die Bildungskleinstaaterei Schüler und Eltern furchtbar nervt. Schwierig wird es, sobald sich die Provinzfürstentümer auf eine einheitliche Linie verständigen müssen. Bei den Nationalen Bildungsstandards gelang das noch mit Mühe, sonst springt allenfalls ein kleinster gemeinsamer Nenner heraus, mit bloßem Auge kaum wahrnehmbar. Nur bei Pisa, da entfaltet sich doch ein echtes Ziel mit Soli-Wirkung - im internationalen Pisa-Vergleich nicht zu schlecht auszusehen. Wenn Andreas Schleicher dazwischenfunkt... siehe oben.