Legastheniker Lektionen in Geduld
Legasthenie oder Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) nennen es die Fachleute, wenn sich ein Kind mit dem Erwerb der Schriftsprache schwer tut und dies weder auf mangelnde Intelligenz noch auf unzulänglichen Unterricht zurückgeführt werden kann. So heißt es in einer Definition des Bundesverbandes Legasthenie in Hannover. Zu den Ursachen zählen laut dem Bildungsexperten Detlef Träbert von der Aktion Humane Schule (AHS) in Köln unter anderem Schwächen bei der Verarbeitung von gehörten oder gesehenen Sinnesreizen, beim Artikulieren oder bei der Bewegungskoordination.
"Wir gehen davon aus, dass rund vier Prozent der Schüler in Deutschland anerkannte Legastheniker sind", sagt Christine Sczygiel, Vorsitzende des Legasthenieverbandes. Die Dunkelziffer sei aber weit höher. Noch immer mangelt es in Schulen vielfach an Kompetenz, um die Lese-Rechtschreibschwäche zu erkennen.
Traurige Misserfolgskarrieren
Bis die Diagnose gestellt wird, haben manche Kinder bereits eine traurige Misserfolgskarriere hinter sich, die nicht selten auch die Eltern zermürbe, so Sczygiel. "Viele Eltern erleben das immer wieder: Sie haben das Diktat mit dem Kind 100 Mal geübt, und beim 101. Mal macht es immer noch dieselben Fehler", sagt Werner Kinzinger von der Aktion Bildungsinformation (ABI) in Stuttgart.
Wichtige Warnzeichen sind laut Schulexperte Träbert bereits im Kindergartenalter zu beobachten: Ein erhöhtes Risiko für Legasthenie bestehe, wenn das Kind nur ungern und unbeholfen malt oder Schwierigkeiten hat, sich in einem Raum zu orientieren. Warnzeichen sein könnten auch gesteigerte Unruhe, ausgeprägte Konzentrationsschwächen, häufiges Hinfallen, schlechtes Gleichgewichtsgefühl, Hör- und Sehfehler sowie Sprachschwierigkeiten, heißt es im aktuellen LRS-Ratgeber der Aktion Bildungsinformation.
Sprachliche und motorische Probleme werden oftmals bereits bei der Schuleingangsuntersuchung festgestellt, sagt die Schulpsychologin Petra Haunert-Imschweiler vom staatlichen Schulamt in Gießen. "Diese Defizite sollten dann möglichst auch schon vor der Einschulung behandelt werden."
Überraschung: Nach der Diagnose bessere Noten
Wenn Eltern glauben, dass ihr Kind unter Legasthenie leidet, ist der Deutschlehrer immer erster Ansprechpartner, so die einhellige Meinung der Experten. Gewissheit bringen aber nur spezielle Tests, die kostenlos beispielsweise von Schulpsychologen vorgenommen werden können.
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Steht am Ende des Tests die Diagnose Legasthenie, wird für viele Kinder das Leben überraschenderweise erst einmal leichter. In zahlreichen Bundesländern genießen sie dann bei der Zensurengebung einen so genannten Nachteilsausgleich. "In Bayern darf beispielsweise die Note für die Rechtschreibung nicht in die Deutsch-Gesamtnote eingehen", erläutert Verbandssprecherin Sczygiel.
Abhängig von der jeweiligen Ausprägung der Legasthenie wird unter Umständen auch außerhalb der Schule eine Förderung empfohlen - um zum Beispiel Wahrnehmungs- oder Bewegungsschwächen auszugleichen. In leichteren Fällen können laut Haunert-Imschweiler aber auch die Eltern selbst die Förderung übernehmen. Fünf Minuten Training reichten zunächst aus.
Von Swantje Werner, gms