Buchauszug: Chinesisches Schäferstündchen - DER SPIEGEL
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Buchauszug Chinesisches Schäferstündchen

In der chinesischen Steppe wird Felix Göpel von einer Schäferfamilie zum Essen eingeladen. Es gibt Lamm satt und Schnaps - viel Schnaps.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am Abend bin ich wieder alleine. Aus der Wüste ist eine hügelige Steppe geworden, auf der sich vereinzelt vertrocknete, braune Grasflächen halten. Von menschlichen Siedlungen fehlt jede Spur. Meine Kehle ist so trocken wie die Wüste Gobi, aber ich habe nur noch eiskaltes Wasser in den Flaschen, das mich beim Trinken angestrengt nach Atem ringen lässt. Ein Lagerfeuer wäre eine gute Sache, aber die Ebene ist noch immer windumweht und weitestgehend baumlos. Auf einem Hügel unweit der Straße trotzt ein kleines Farmhaus der Einsamkeit. Vielleicht bekomme ich dort ein wenig heißes Wasser für meine Brausetabletten.

Ich schiebe mein Rad hustend die Anhöhe hinauf. Vor dem Haus ist ein Gatter mit einer großen Schafherde. Gut und gerne 500 Tiere reiben sich in dem Gehege blökend und meckernd das Fell aneinander. Hinter dem Haus kläfft ein Hund und zerrt aufgeregt an seiner Kette. Um mein Begehren zu artikulieren, hole ich meine Thermoskanne hervor. Ein unangenehmer Tag neigt sich dem Ende zu, und ich hoffe, schnell in meinen Schlafsack zu kommen. Vor der Haustür sitzt ein Mädchen, und als sie mich sieht, ruft sie die anderen zusammen. Ich grüße vorsichtig, als die Familie sich neugierig um mich schart.

Arbeitermütze und Riesenbrille

Alle Familienmitglieder sind von schlanker Drahtigkeit, mit braun-goldenen, zerfurchten Gesichtern. Hier in der Weite der Steppe ist es wahrscheinlich fast unmöglich, anders auszusehen. Der Vater trägt einen langen Mantel der chinesischen Armee, mit braunem Fellkragen und goldenen Knöpfen. Das in dieser Gegend weit verbreitete sozialistische Arbeiterkäppi hat er lässig nach hinten geschoben. Durch eine getönte Brille mit untertassengroßen Gläsern blinzelt er mich interessiert an.

Sein Sohn ist so alt wie ich, trägt feste, blaue Arbeitskleidung und ein kariertes Hemd. Die Tochter der Familie, die ein paar Jahre jünger als ihr Bruder ist, bekommt den Mund vor Staunen nicht mehr zu. Über ihr altes Jackett trägt sie eine abgeranzte und schmutzige Winterjacke von Hugo Boss. Keine Ahnung, wie die den Weg hierher gefunden hat. Die Mutter der Familie hält sich ein wenig im Hintergrund. Von ihrem Gesicht sehe ich nicht mehr als die Augen, denn den Rest verschleiert ihr Kopftuch. Ob ich hier eine moslemische Minderheit aufgestöbert habe? Keine Ahnung, vielleicht ist ihr auch einfach der Wind zu kalt. Ich grüße "ni hao" statt "salam".

Das Schweigen von chinesischer Seite hält an. Schüchtern halte ich meine Thermosflasche hoch. Keine Reaktion. Da bemerkt der Vater mein behaartes Schienbein, das von meinem hochgekrempelten Hosenbein entblößt wird. Er teilt seine Freude lachend mit den anderen Familienmitgliedern. Ja, Wahnsinn: Haare an den Beinen. Hätte ich nicht selber welche, könnte ich auch kaum glauben, dass es sowas gibt. Mit gespieltem Lachen stimme ich in den Chor ein, krempele ihnen zuliebe noch das linke Hosenbein hoch, und zeige sogar die Haare an der Wade. Dafür bittet man mich ins Haus.

Kein Schweigen der Lämmer

Der Raum ist dunkel, groß und vor allem angenehm warm. Man weist mich einer einfachen Holzpritsche zu, auf der ein Teppich liegt. Die Mutter nimmt mir meine Thermosflasche ab, und alle verschwinden. Scheinbar gibt es noch Arbeit zu tun. Der Raum verdient nicht viel Aufmerksamkeit. Der Boden besteht aus fester Erde, auf einem Regal stehen Fotos, und in einer Ecke reihen sich Stühle um einen Tisch. Es ist spartanisch, aber gut geheizt. Am liebsten würde ich mich auf die Pritsche legen und ein Ründchen schlafen. Meine Müdigkeit ist unendlich, und ich kann es kaum erwarten, mich im Zelt in den Schlafsack zu kuscheln.

Durch einen Türrahmen, der in die hinteren Zimmer führt, schlüpft ein kleines Lamm und schaut mich verwundert an. Was für ein süßes Geschöpf. Es geht mir nicht einmal bis zum Knie, und in dem kleinen Gesicht steckt so viel unschuldige Naivität, dass man es einfach lieb haben muss. Ich streichele über das weiche Fell, und das Lämmchen schmiegt sich zufrieden an meine Hand.

Nach 20 Minuten, in denen ich stark mit mir kämpfen muss, um nicht auf der Stelle einzuschlafen, kommt der Familienvater. Er lädt mich mit recht eindeutigen Gesten zum Bleiben ein. Ich könne hier essen und schlafen. Mit so einem Angebot hatte ich schon gerechnet, schließlich kommt nicht alle Tage einer mit behaarten Beinen hier vorbei. Allerdings weiß ich nicht, ob ich mich über das Angebot freuen soll oder nicht. Ich will Ruhe und Wärme. Das eine gibt's im Zelt, das andere bei den Schäfern. Das Lamm schmiegt sich an mein Bein. Ich bleibe.

Drei Schnäpse vor dem Mahl

Abendessen bei Familie Schäfer: Es handelt sich garantiert nicht um Moslems. Bevor ich auch nur einen Happen Essen bekomme, muss ich drei Schnäpse trinken. Zudem entdecke ich Fotos vom Dalai Lama im Regal, die neben Abbildungen von Mao stehen. Für die Schäfer scheint das kein unüberbrückbarer Widerspruch zu sein. Aus dem Dunkel der Nacht ist noch ein Freund der Familie gekommen, der mit uns am Essenstisch sitzt. Ich möchte mich nicht so unbeliebt wie in der letzten Stadt machen und lehne deshalb den Schnaps nicht ab. Das Zeug wird aus Reis gebrannt, ist klar wie Wasser und brennt wie Feuer. Das Essen bietet keine großen Überraschungen: Es gibt Schaf satt.

Zumindest haben sie nicht das kleine Lämmchen geschlachtet, das aufgeregt in der Wohnstube umherläuft. Als die Mutter der Familie in die Mitte des Tisches eine riesige, dampfende Schüssel stellt, weiß ich, dass der Abend nicht ganz einfach wird. Wer beim Anblick dieses Bottichs nicht Vegetarier wird, wird es nie. Sie haben den Tieren das Fell abgezogen, damit ist das Beste über die Fleischzubereitung gesagt. Es sind riesige Keulen und lange, lederne Fleischfetzen, zwischen denen wir die Wahl haben. Die Knochen sind braun, das Fleisch ist zäh und an vielen Stellen blutig. Aber das härteste: Die Keulen riechen nicht nach Fleisch sondern nach Tier.

Unbeschreiblich. Zu dem Fleisch gibt es roten Salat in einer großen Schüssel. Okay, denke ich mir, halte ich mich eben in erster Linie an den Salat. Als ich einen Bissen probiert habe, verwerfe ich auch diesen Plan. Er schmeckt scharf nach Essig und Lamm. Keine Delikatesse. Der Vater schenkt mir noch einen Reisschnaps ein und prostet mir zu. Ich kippe das Zeug hinunter, dann greifen alle beherzt in die Schüssel mit dem Schaf. Ich bekomme eine riesige, braune Fleischkeule in die Hand gedrückt, bei der klar ist, dass sie von mir bis auf den blanken Knochen abgenagt werden muss.

Das Leben ist kein Heimspiel

Es wird mit den Fingern gegessen, geschmatzt, gerülpst, geschlungen und beim Sprechen und Lachen fliegt einiges an halb zerkautem Schafsfleisch aus verschiedenen Mündern zu mir herüber. Der Duft des Fleisches dringt mir in die Nase, schwer liegt die Keule in der Hand, und über meine Finger läuft lauwarm das Fett und Blut des Tieres. Das Leben ist kein Heimspiel.

Ich versuche den Alkoholausschank in Grenzen zu halten. Zum einen hat mein Magen schon genug mit der Keule zu kämpfen, und zum anderen muss ich mir nachher noch ein paar Antibiotika gegen den Husten einwerfen. Deshalb lobe ich überschwänglich und gestenreich den Tee der Familie. Immer wieder halte ich das Teeglas und den Daumen hoch und tue so, als hätte ich noch nie etwas Besseres als diesen lauwarmen, chinesischen Kräutertee getrunken. Die Mutter freut es, aber der Vater kann es nicht ganz fassen: Probier doch noch mal unseren Reisschnaps!

Man kann sich nicht vorstellen, wie lange so ein Abendessen in der Wildnis dauern kann. Aber klar: Hier in der Hütte gibt es keinen Fernseher, kein Radio, keine Bücher, die nächste Kneipe ist weit entfernt, und so bleiben zur Abendunterhaltung nur der Reisschnaps und die Lammkeulen. Nach drei Stunden kapituliere ich. Meine Keule ist vollständig abgenagt, ich habe der Mutter komplett ihren Tee weggetrunken, nicht einen Schnaps des Vaters abgelehnt, eine tibetische Postkarte aus Dharamsala unter Applaus des Familienfreundes zwischen Mao und den Dalai Lama gestellt, auf meiner Chinakarte gezeigt, wo ich hinwill, und den Sohn über meine Beinbehaarung streichen lassen. Meine Pflichten als Gast habe ich erfüllt. Dafür ist mir schwindelig, heiß und beim Aufstoßen schmeckt es nach Schafstall.

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